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11/06/2018 15:40 CEST | Aktualisiert 11/06/2018 15:40 CEST

Ein Verbot von Plastiktüten und Plastikstrohhalmen rettet die Welt nicht

Damit waschen wir unser Gewissen rein – aber das reicht nicht.

Jenjira Indon via Getty Images

Arnold Schwarzenegger hat eine Botschaft für euch: Es ist ein Leichtes, auf Plastik zu verzichten. Er gehört zu den Promis, die gerade in dem neuen Video für den “World Environment Day” auftreten.

Mit dem Clip wollen die Prominenten uns ermutigen, auf den Gebrauch von Einweg-Plastikprodukten zu verzichten, auf Strohhalme und Plastikbesteck. Um die Auswirkungen der Plastikverschmutzung zu bekämpfen.

Die Kernaussagen für den “World Environment Day” fordern auch von den Regierungen dieser Welt, Gesetze zur Einschränkung von Einweg-Plastikprodukten zu verabschieden. 

Aber die übergreifende Botschaft richtet sich an jeden Einzelnen: “Ihr gebt den Ton an”, ist die Botschaft.

Aber wir kommen nicht weiter, wenn wir nur darauf schauen, was der Einzelne macht. Das reicht nicht.

Die Plastikkrise ist gewaltig. Unsere Meere ersticken in Plastik, Meerestiere sterben, Mikroplastik ist in unserem Trinkwasser und wir atmen es ein.

Mehr zum Thema: Ich unterstütze weltweit Menschen im Kampf gegen den Plastikmüll - von Deutschland bin ich sehr enttäuscht

Natürlich ist es auch wichtig, im Kleinen Dinge zu verändern – auf Plastikstrohhalme verzichten, wiederverwertbare Wasserflaschen und Kaffeebecher zu benutzen. Jeder sollte zumindest versuchen, seinen Plastik-Verbrauch zu reduzieren und, wann immer möglich, unverpackte Lebensmittel zu kaufen. 

Nick Brundle Photography via Getty Images
Bald schwimmen mehr Plastikteile im Meer als Fische

Der Einzelne kann die Dimensionen der Plastikmüll-Katastrophe nicht erfassen 

Trotzdem: All das ist für sich allein genommen nicht genug. 

Es beunruhigt mich, dass alle Handlungen und Entscheidungen auf den Einzelnen abgewälzt werden. Auf uns, die wir alle nur ahnen können, was da draußen vor sich geht – und das auch nur, wenn wir nicht davor zurückschrecken, uns mit dieser gewaltigen Herausforderung auseinanderzusetzen.

Wir als normale Konsumenten haben kaum eine Vorstellung davon, wie viel Plastik tatsächlich in der ganzen Produktionskette verwendet und weggeworfen wird.

Auch können wir nur schwer abschätzen, ob es umweltfreundlicher ist, mit dem Auto zu einem Laden zu fahren, um unverpackte Kleidung zu kaufen – oder ob es besser ist, Kleidung online zu bestellen, die uns dann in Karton und Plastik verpackt geliefert wird.

Außerdem ist es eine Frage des Zeit- und Kostenaufwands. Realistisch gesehen werde ich nicht anfangen, mein eigenes Waschmittel herzustellen, um die Plastikflaschen, in denen es geliefert wird, zu vermeiden. Und oft sind die weltfreundlichen Produkte auch teuerer.

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Wir waschen unser Gewissen rein, indem wir keine Plastiktüten kaufen

Wenn wir Stofftaschen mit in den Supermarkt nehmen, anstatt Plastiktüten zu kaufen oder keine Plastikstrohhalme nutzen, verlangt uns das wenig ab. Aber wir erreichen damit auch wenig.

Unter Umständen hat es sogar den gegenteiligen Effekt, wenn wir uns einreden, damit schon “unseren Teil getan zu haben”. Wenn wir an diesem Punkt aufhören, blicken wir nicht über den Tellerrand hinaus und übersehen größere, effektivere Möglichkeiten, etwas zu tun.

Wir schaffen uns ein gutes Gewissen, das uns davon abhält, mehr zu tun oder gar mehr von den Verantwortlichen zu fordern.

Fakten zur globalen Plastik-Katastrophe

Der weltweite Plastikverbrauch ist in den letzten Jahrzehnten massiv angestiegen.

Waren es in den 1950er Jahren noch 1,7 Millionen Tonnen, hat sich das Ganze bis 1989 nahezu um das Hundertfache gesteigert. Im Jahr 2012 waren es schon 288 Millionen Tonnen.

Allein in der EU entstehen nach Angaben der EU-Kommission jedes Jahr rund 26 Millionen Tonnen Plastikmüll, von denen weniger als 30 Prozent zur Wiederverwertung gesammelt werden.

Vom Rest landet ein Großteil auf Müllkippen oder in der Umwelt – und ein Großteil im Meer.

75 Prozent des Mülls, der in den Ozeanen landet, ist Plastik, wie der Naturschutzbund Deutschland (NABU) berichtet. Allein in Deutschland landet jede Minute eine ganze Tonne Plastik im Meer.

Laut dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) treiben auf jedem Quadratkilometer Meeresoberfläche bis zu 18.000 Plastikteile unterschiedlichster Größe, der WWF spricht sogar von bis zu 46.000.

Und das ist nur der sichtbare Teil des Müllbergs. Denn über 70 Prozent des Plastikmülls sinkt auf den Meeresgrund.

Schätzungen zufolge sollen in den Ozeanen bereits bis zu 140 Millionen Tonnen Plastik treiben. All das hat verheerende Folgen für Fische und Vögel und auch für die menschliche Nahrungskette.

Und die Müll-Mengen lassen sich nicht biologisch abbauen. Ein Joghurtbecher beispielsweise braucht 500 Jahre um sich zu zersetzen.

Aber das reicht natürlich nicht. Mehr noch: Wir ignorieren die eigentliche Macht, die wir haben.

Die Macht, als Verbraucher beim Einkaufen auf Nachhaltigkeit zu achten, und die Macht, als Bürger unsere Regierungen und unsere Industrien zur Rechenschaft zu ziehen, um einen wirklichen Systemwandel anzustoßen.  

Nicht für jeden ist Umweltschutz wichtig – und das ist auch in Ordnung so

Nirgendwo in der Botschaft für den “World Environment Day 2018” ist beispielsweise die Rede davon, für Politiker zu stimmen, die in Umweltfragen fortschrittlicher denken. Warum nicht?

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Der Schutz der Umwelt hat nicht für jeden Priorität – nicht einmal für die meisten. Das müssen wir uns eingestehen. 

In ihrem neuesten Buch “Why Good People Do Bad Environmental Things” (Warum gute Menschen schlechte ökologische Dinge tun) argumentiert die Professorin Elizabeth R. DeSombre vom Wellesley College, dass ein struktureller Wandel der beste Weg sei, um das Verhalten einer großen Zahl von Menschen gemeinschaftlich zu ändern.

Zum Beispiel, indem Länder eine Plastiksteuer einführen, die umweltschädliches Handeln teurer macht. Oder Einweg-Plastikprodukte komplett verbieten.

Anfänge, die in diese Richtung gehen, gibt es. Indien hat jetzt verkündet, dass es “bis 2022 alle Einweg-Plastikartikel im Land eliminieren” will. Die EU-Kommission will Alltagsgegenstände aus Plastik verbannen, zum Beispiel Plastikgeschirr und Strohhalme.

DeSombre sagt nicht, die Leute sollten aufhören, sich um die Umwelt zu kümmern. Aber sie sagt, dass es nicht reicht, wenn nur Einzelne aus Pflichtbewusstsein ihr Verhalten ändern.

Aber das bedeutet nicht, dass sich der Einzelne aus der Verantwortung ziehen soll. Es geht nur darum, die Dinge in die richtige Perspektive zu rücken. Wir haben keine Zeit, abzuwarten.

Wir brauchen fortschrittliche Strategien, um das kollektive Handeln umzugestalten und umweltschädliche Unternehmen zu bremsen.

Dazu braucht es engagierte Bürger, die diesen Wandel vorantreiben. Und das ist nichts, was sich mit Geld kaufen ließe.

Dieser Artikel erschien zuerst bei der US-Ausgabe der HuffPost und wurde von Patrick Steinke aus dem Englischen übersetzt und von Uschi Jonas dem Verständnis angepasst.

(ujo/jds)