POLITIK
19/04/2018 23:39 CEST | Aktualisiert 20/04/2018 17:41 CEST

Syrien-Krieg: Ein Tweet zeigt, wie sich Fake News verbreiten

Haben die Weißhelme Aufnahmen mit sterbenden Kindern inszeniert?

  • Im Syrien-Krieg wirft jede Seite der anderen Fake-News vor
  • Nun musste ein Schweizer Arzt selbst zugeben, dass er falsch lag – doch die wenigsten dürften das Dementi mitbekommen haben

Das erste Opfer im Krieg ist die Wahrheit. Das geflügelte Wort ist mittlerweile fast zu einer platten Phrase verkommen.

Ob derzeit in der Ostukraine oder in Syrien: Jede Seite versucht die Deutungshoheit über das Geschehen zu behalten. Zusätzlich zu den offiziellen Stellen versuchen im Netz tausende Aktivisten das Geschehen zu deuten – und in vielen Fällen auch umzudeuten.

Ein Tweet eines Schweizer Arztes zum Giftgasanschlag in Duma zeigt nun, wie schnell sich Fake-News verbreitet – und wie schwierig der Kampf gegen Falschnachrichten und Desinformationen ist.

Vorwurf: “Dieses Bild ist gefälscht!”

Am 14. April twitterte der Schweizer Thomas Binder: ”Als Kardiologe kann ich sagen, dass diese EKG-Elektroden völlig falsch positioniert sind. Sie würden kein Signal bekommen. Dieses Bild ist gefälscht!”

Er nimmt damit Bezug auf Bilder, die die syrische Hilfsorganisation Weißhelme von mutmaßlichen Giftgasangriff in Duma aus einem Krankenhaus verbreiteten. 

Binder betont in einem ausführlicheren Blog-Beitrag, dass die “auffallend professionellen Fotos (...) inszeniert sind”. 

Binder twittert laut eigener Aussage gegen die “Lügen” der “Mainstream-Medien” und teilt selber Tweets, die den Weißhelmen Propaganda unterstellen.

Klar ist: Die angesprochene Aufnahme stammt aus einem bereits am 8. April von den Weißhelmen veröffentlichten Video.

Laut ihnen zeige das auf Twitter verbreitete Video “Fälle von Erstickung unter Zivilisten (...) nach dem chemischen Angriff syrischer Regierungskampfflugzeuge auf Zivilisten in der Stadt Duma”.

Vorwurf gegen die Weißhelme: inszenierte Bilder

Der Vorwurf der Inszenierung gegen die Weißhelme ist nicht neu. Pro-russische und anti-westliche Aktivisten versuchen die Hilfsorganisationen bereits seit ihrer Gründung im Jahr 2014 zu diskreditieren. Die Weißhelme behaupten, neutral zu sein. 

Zuletzt erklärte sogar der umstrittene Mainzer Geograf Günter Meyer in der ARD mit Blick auf die Organisation: “Die Hauptzielsetzung ist aber tatsächlich, solche Bilder zu inszenieren, um sie propagandistisch gegen das brutale Assad-Regime einzusetzen.”

Auch der Tweet von Binder passt da ins Bild derjenigen, die das militärische Vorgehen von Syriens Machthaber Baschar al-Assad und dessen Verbünden Russland gegen die syrische Bevölkerung verteidigten, die Attacken des Westens jedoch scharf kritisieren.

Der Beitrag wurde mittlerweile fast 13.000 Mal geteilt, unter anderem auch von Ivan Rodionov, dem Chefredakteur des Kreml-Propagandasenders RT Deutsch. 

“Ich habe einen Fehler gemacht!”

► Problem Nummer Eins: Binder hatte mit seiner steilen These unrecht, wie er zwei Tage nach Veröffentlichung zugibt:

“Ich habe zuerst nur die Elektroden in der Mitte gesehen. Auf dem Handy sehe ich, dass sie relativ korrekt angebracht wurden. Ich habe nicht gelogen. Ich habe einen Fehler gemacht!

► Problem Nummer Zwei: Wie die “Guardian”-Journalistin Olivia Solon betont, findet die Richtigstellung Binders bei weitem nicht so eine hohe Verbreitung wie der Original-Tweet. Die allermeisten Nutzer werden nur den ersten Tweet mit der falschen Aussage zu sehen bekommen. Bisher wurde Binders Korrektur nur knapp 40 Mal geteilt. 

Dazu kommt: Seine Hypothese wurde weltweit von Blogs und Internetseiten aufgegriffen – ohne jedoch später den Fehler zu korrigieren. 

Außerdem bezweifeln etliche Nutzer, darunter auch der norwegische Arzt Christian Kjellmo, ob Binder überhaupt vom Fach ist.

Laut Kjellmo würde man selbst bei einer falschen Position der Pads ein Signal erhalten. Für ihn ist Binder deswegen nicht mehr als ein “abscheulicher Internet-Troll”

In einem zweiten Tweet betont Kjellmo: 

“In dieser Situation – ein Kind in Atemnot – ist man in erster Linie am Rhythmus interessiert und nicht an einem 12-Kanal-Voll-EKG. Und selbst wenn sie die verdammten Pads falsch platziert haben, na und?! Es ist ein großes, mehrfaches Trauma in einem Kriegsgebiet.”

Auch Zaher Sahloul, ehemaliger Präsident der Syrian American Medical Society und Blogger bei der US-HuffPost, schreibt auf Twitter:

“Ich bin Facharzt für Intensivmedizin und bei allem Respekt für Kardiologen. Das Bild zeigt Leitungen auf der Brust eines Kindes zur Lebenserhaltung, die mit einem Pulsmesser verbunden sind. Die Lage der Elektroden ist geeignet, um Signale auf den Monitoren zu empfangen.” 

Zudem: In Duma gebe es gar keine Kardiologen.

(lp)