POLITIK
22/06/2018 20:01 CEST | Aktualisiert 23/06/2018 17:43 CEST

Ein Treffen mit Arkadij Babtschenko – dem Mann, der einen Tag tot war

"Ich wollte nichts als überleben."

GENYA SAVILOV via Getty Images
Der Kreml-kritische Journalist Arkadij Babtschenko während einer Pressekonferenz am 31. Mai in Kiew.

Alles ist anders geworden im neuen Leben von Arkadij Babtschenko. Die ukrainischen Behörden hatten am 29. Mai einen Mord an dem russischen Journalisten und Kreml-Kritiker vorgetäuscht – und ihn am Tag darauf einer völlig verdutzten Öffentlichkeit präsentiert.

Nun lebt der 41-jährige Moskauer in der ukrainischen Hauptstadt Kiew, abgeschirmt von der Außenwelt an einem geheimen Ort.

Das Treffen mit ihm findet an einem unauffälligen, menschenleeren Ort außerhalb von Kiew statt – unter höchst konspirativen Umständen. Mit großer Verspätung fährt ein Jeep mit getönten Scheiben vor. Der Beifahrer sieht sich vorsichtig nach allen Seiten um. Erst nach einer Weile steigt er aus und öffnet die hintere Tür.

Auf der Rückbank sitzt Babtschenko. Sein Gesichtsausdruck ist bleich. Sein Händedruck schwach. Der groß gewachsene Kriegsveteran wirkt kraftlos. Angeschlagen. Ängstlich.

Die Wahl: Zusammenarbeit mit dem Geheimdienst – oder Tod

“Ich hatte Angst um mein Leben”, sagt Babtschenko. “Alle im Westen, die mir jetzt vorwerfen, ich habe journalistische Standards verletzt, frage ich, wie sie sich in meiner Situation verhalten hätten – wenn sie der Geheimdienst vor die Wahl gestellt hätte, entweder mit ihm zusammenzuarbeiten – oder sich abschießen zu lassen.”

Es sei schließlich nicht nur um seine Sicherheit gegangen, sondern auch um die seiner Frau und seiner Tochter. Die ukrainischen Behörden hätten auf der Mord-Inszenierung bestanden. Sie hätten ihm versichert, dass nur so die Auftraggeber dingfest zu machen und weitere Morde zu verhindern seien.

Kopfschütteln und Schweigen

Babtschenko erzählt Details. Aber er bittet, sie nicht zu schreiben, und zieht die Augenbrauen zusammen: “Ich musste den Ermittlern zusichern, dass ich mich nicht äußere zur Sache, zu Details, weil die Ermittlungen noch laufen, und weil die gefährdet werden könnten, wenn ich etwas erzähle.”

Bald, so verspricht er, könne er alle Hintergründe aufdecken.

Darauf angesprochen, dass er jetzt für viele im Westen ein Buhmann sei, reagiert Babtschenko mit Kopfschütteln – und Schweigen. „Ich wollte nichts als überleben“, sagt er nach einer Weile und schüttelt wieder den Kopf.

Dann entschuldigt er sich. Bei allen, die getrauert hatten um ihn, und sich danach getäuscht fühlten.

Babtschenko, der in beiden Tschetschenien-Kriegen als russischer Soldat kämpfte, war schon immer wortkarg. Jetzt ist er noch schweigsamer geworden. Mit seinen Augen scannt er die Umgebung. Er kommt kaum noch raus. Weil ihn die ukrainischen Behörden nach wie vor für stark gefährdet halten, gelten strengste Sicherheitsmaßnahmen.

Nach einer Weile machen seine Beschützer höflich darauf aufmerksam, dass es Zeit sei, weiter zu fahren. Zum Abschluss gibt es noch einmal einen kraftlosen Händedruck.

Bilder, die nur die russische Behörden hatten 

Während Babtschenko vorerst zum Schweigen verurteilt ist, nimmt sein enger Freund und Kollege Ayder Muschdabajew kaum ein Blatt vor den Mund.

Die Behörden hätten Babtschenko abgehörte Telefongespräche vorgespielt, in denen der Auftraggeber Druck machte, ihn endlich zu töten: Babtschenko gehe doch regelmäßig joggen, da müsse man doch endlich „liefern“ – also ihn töten, sei da zu hören gewesen.

Die ukrainischen Geheimdienstler zeigten Babtschenko demnach Bilder von ihm und seiner Frau, die nur die Behörden in Moskau hatten. „Sie hatten viel in der Hand, und schließlich war Arkadij überzeugt, dass die Gefahr echt war, dass sie ihn wirklich umbringen wollten. Und ich bin auch davon überzeugt“, sagt Muschdabajew.

Privat
Arkadij Babtschenko (hinten) mit Ayder Muschdabajew bei einem gemeinsamen Badeausflug im ukrainischen Exil.

Der beauftragte Mörder: Ein V-Mann des Geheimdiensts 

Um Zeit für die Inszenierung des Mordes zu gewinnen, ließen die Behörden Babtschenko erst einmal verschwinden: Zunächst täuschten sie vor, dass er ein Beinleiden auskuriere – um so zu erklären, warum er seine Wohnung nicht mehr verließ.

Später täuschte der Kreml-Kritiker in Absprache mit den Behörden einen Trip ins Grüne vor. In Wirklichkeit blieb er weiter in seiner inzwischen gut bewachten Wohnung in Kiew.

Arkadij sei nur deshalb noch am Leben, weil der Auftraggeber ausgerechnet einen V-Mann des ukrainischen Geheimdiensts mit dem Mord beauftragt habe, der sofort die Behörden informierte, glaubt Muschdabajew.

Ich stehe ganz oben auf der Todesliste. Diese Liste war wie eine Speisekarte – die Drahtzieher in Moskau wählten sich das Opfer aus, das sie für das passende hielten. Ayder Muschdabajew

Der Mann, den die ukrainischen Behörden für den Drahtzieher halten, ist der Unternehmer Wjatscheslaw Piwowarnik aus Moskau. In „Putins Privat-Fonds“, wie Kiewer Journalisten die Netzwerke des Kremlchefs für undurchsichtige Politik-Geschäfte nennen, sei der Unternehmer für die Destabilisierung der Ukraine und Terrorakte zuständig.

Das behauptet zumindest der Mann, der den Killer für Babtschenko in Kiew beauftragt haben soll und jetzt in Haft sitzt: Borys Herman. Vertrauenswürdig wirkt der mutmaßliche Auftraggeber jedoch nicht. So behauptet er etwa von sich, auch für den ukrainischen Geheimdienst gearbeitet zu haben.

Die realen Hintergründe bleiben deshalb im Dunkeln. Doch wie auch immer sie aussehen – ebenso Muschdabajew selbst lebt jetzt in Angst. Die ukrainischen Behörden informierten ihn, er sei selbst im Visier der Auftraggeber aus Moskau. „Ich stehe ganz oben auf der Todesliste“, sagt der Journalist: „Diese Todesliste war wie eine Speisekarte – die Drahtzieher in Moskau wählten sich das Opfer aus, das sie für das passende hielten.“

47 Namen – 47 potentielle Mordopfer?

30 Menschen standen auf der Liste, berichteten die Kiewer Behörden zunächst. Später erweiterten sie die Liste auf 47. Manch einer, der draufsteht, nimmt sie nicht sonderlich ernst.

Wie Jurij Andruchowitsch, einer der bekanntesten Schriftsteller der Ukraine. “Die haben mich sicher nachträglich draufgesetzt, aus Proporzgründen”, meint der 58-Jährige augenzwinkernd.

Auch ihm habe die Polizei ein Gespräch und Schutzmaßnahmen angeboten. „Bislang hatte ich noch keine Zeit“, sagt er und lacht: „Ich glaube nicht, dass ich für die russischen Geheimdienste ein Ziel bin.“

Im Gegensatz zu Muschdabajew ist Andruchowitsch allerdings auch nicht aus Russland in die Ukraine geflüchtet, und gilt damit in Moskau nicht als Verräter. Genauso wie sein Freund Babtschenko gehört Muschdabajew zu den radikalsten Putin-Kritikern.

Er nennt den russischen Präsidenten einen „Paten“ und spricht von einem Mafia-Staat. Das macht ihn zu einem Hassobjekt für den russischen Propaganda-Apparat. Anders als viele Beobachter im Westen – und auch manche in der Ukraine – hat Muschdabajew deshalb keinen Zweifel daran, dass die Todesliste echt ist. Dass er wirklich in Todesgefahr ist.

Privat
Muschdabajew und Babtschenko

Anleitung für potentielle Anschlagsopfer

Muschdabajew wird nun auf Schritt und Tritt begleitet und beschützt von einem Polizei-Offizier. Der schult ihn, wie er sich als „gefährdete Person“ zu verhalten habe; etwa, wo sich im Treppenhaus ein Killer verstecken könnte. Wie man kontrolliert, ob Unbekannte in der Wohnung waren: „Man muss die Türen in einer bestimmten Position lassen, und etwa den Vorhang einhängen, als Markierung.“

Der 46-jährige Vater zweier Kinder kann jetzt nicht mehr einfach spontan seine Wohnung verlassen, er kann nicht mehr in Restaurants oder Bars. „Mein ganzes Leben steht Kopf“, sagt er und schüttelt den Kopf.

Muschdabajew war früher Vize-Chefredakteur der Zeitung “Moskowski Komsomolez”. Nach der Besetzung der Krim kündigte er, weil er als Sohn eines Krim-Tataren und einer Russin nicht schweigen wollte. Er floh nach Kiew.

Bei dem krimtatarischen Sender ATR, der seit der Annexion der Halbinsel aus dem Exil in der ukrainischen Hauptstadt sendet, bekam er eine eigene Sendung. Darin berichtete er von den Schikanen, denen seine Landsleute auf der Krim ausgesetzt sind: Festnahmen, Schläge, Folter.

Wer in Frieden und Sicherheit lebt, kann sich nicht vorstellen, was wir hier durchmachen. Ayder Muschdabajew

„Kaum jemand interessiert das bei Euch im Westen“, klagt Muschdabajew. Und empört sich, dass er oft zu hören bekomme, die Krim sei „immer russisch“ gewesen: „Was für ein Unsinn! Sie ist die Heimat von uns Krimtataren“.

Auch die Einschätzung der „Causa Babtschenko“ im Westen sei naiv, klagt Muschdabajew: „Wer in Frieden und Sicherheit lebt, kann sich nicht vorstellen, was wir hier durchmachen.“

Allerdings taten sich die Kiewer Behörden bisher sehr schwer, ihre Version glaubhaft darzulegen: Dass die Inszenierung des Mordes zur Verhinderung weiterer Taten notwendig gewesen sei, dass sie Babtschenko nur so hätten schützen können, dass der Kreml involviert sei.

Festzustehen scheint bislang deshalb nur, dass nichts feststeht.

Und dass die involvierten Journalisten wie Babtschenko und Muschdabajew Opfer sind: Bauern in einem Schachspiel, bei dem kaum zu durchschauen ist, wer welche Figuren bewegt.

Wie real die Gefahr ist, können sie nicht abschätzen. Klar ist nur: Sie haben ihr normales Leben verloren. „Mein größter Wunsch ist, in mein altes Leben zurückzukehren“, sagt Muschdabajew traurig.

“Mein Leben, in dem ich mich frei bewegen konnte, ohne Bewachung, ohne Angst.”

(mf)