LIFESTYLE
13/06/2018 17:44 CEST | Aktualisiert 14/06/2018 10:27 CEST

Ich habe einen Tag in Deutschlands Esoterik-Hauptstadt Murnau verbracht

In der Stadt ist die Zahl der Heilpraktiker doppelt so hoch wie die der Ärzte.

murnau
Die Innenstadt von Murnau

Aufgebahrt wie eine Leiche liege ich auf dem Bett. Es ist so hoch, dass ich mich wie auf einem Behandlungstisch fühle. Vielleicht werde ich gleich seziert, wer weiß. Ich traue mich nicht mehr, die Augen zu öffnen.

Meine energetische Heilung beginnt in wenigen Sekunden. Ich versuche, unvoreingenommen zu sein, das, was ich hier tue, nicht für verrückt zu halten. Nicht lachen, nicht lachen, nicht lachen, sage ich mir.

Zu diesem Zeitpunkt weiß ich noch nicht, dass mir am Ende meiner Heilung nicht mehr nach Lachen zumute sein wird.

Ich liege in einem Raum, der aussieht wie das Jugendzimmer eines esoterischen Teenies. Gelb gestrichene Wände, Blumen- und Engelsbilder an den Wänden, ein Bett, eine Liege und ein Holzregal mit Büchern, Heilsteinen und Engelsstatuen.

Ursula Mair schaut mir tief in die Augen. Sie ist Heilerin im oberbayerischen Murnau, der wahrscheinlich esoterischsten Stadt Deutschlands.

Im Landkreis Garmisch-Partenkirchen südlich von München, wo Murnau liegt, kommen auf 100 Ärzte laut Gesundheitsamt 192 Heilpraktiker, also fast doppelt so viele wie im Bundesdurchschnitt. 

In Murnau reihen sich ihre pastellfarbenen Praxen an Bioläden, Fair-Fashion-Modegeschäfte und Eso-Shops. Über den Beruf des Heilers, Hellsehers oder Schamanen gibt es keine Statistik – doch in Murnau stehen auch diese Bezeichnungen an vielen Wohnungsschildern.

Ein Heilpraktiker droht, mich zu verklagen

Die 12.000-Einwohner-Stadt zeigt ein Deutschland, das sonst nur im Verborgenen existiert. Ein Deutschland, das nicht nur das Land der Rationalen, Gewissenhaften und Bodenständigen ist, sondern auch das Land der Geistergläubigen, Hellseher und Heilpraktiker.

Um dieses Deutschland kennenzulernen, bin ich bei einer Heilerin und einem Heilpraktiker in Murnau. Vielleicht helfen mir ihre Fähigkeiten dabei, eine Verbindung zu höheren Kräften zu finden – wie es offensichtlich so viele in dieser Stadt versuchen.

Den Tag beginne ich bei dem Heilpraktiker Anton Schneider. Seinen Namen muss ich ändern. Auch das Interview mit mir will er nach unserem Gespräch zurückziehen. Wegen der Dinge, die er mir gesagt hat, könnte er seine Zulassung als Heilpraktiker verlieren, sagt er.

Laut Gesundheitsamt dürfen Heilpraktiker keine Gefahr für die Volksgesundheit darstellen. Möglicherweise tut Schneider das aber und das scheint er auch zu wissen.

Die Murnauer suchen nach Sinn – hinter allem

Hinter jeder Krankheit stecke ein tieferer Sinn, sagt er mit seiner sanften Stimme.

Schneider ist der Ansicht, dass alles, was wir tun und alles was uns passiert, einen höheren Sinn haben muss. Er erklärt, dass die Seele unserem Körper mit einer Krankheit sagen wolle, dass etwas nicht stimme. 

Nur schwere Kinderkrankheiten, gibt er zu, kann auch er nicht verstehen. Von den meisten Kinderimpfungen hält er trotzdem nichts. Offensichtlich zählt auch er zu den vielen Impfskeptikern Murnaus.

Laut Versorgungsatlas leben in Murnau deutschlandweit die meisten Impfgegner. So wie Schneider wehren sich viele von ihnen gegen alles, das ihrer Meinung nach unnatürlich ist.

Er sei als Kind auch nicht geimpft gewesen und er sei es noch heute nicht, sagt er. Masern zum Beispiel, warum sollte man sich gegen sie impfen lassen?

Vielleicht, weil laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) pro Jahr rund 90.000 Menschen weltweit an Masern sterben? Die Krankheit könnte ausgerottet werden – wenn alle Kinder geimpft werden würden.

Was die Impflobby verbreiten lässt, muss noch lange nicht stimmen. Anton Schneider, Heilpraktiker

Schneider interessieren diese Fakten nicht. Er glaubt an einen Komplott der Industrie. Die Impflobby ist seiner Ansicht nach riesig. Was Impfbefürworter sagten, müsse deshalb noch lange nicht stimmen.

Ich möchte gar nicht wissen, wie viele der Murnauer Heilpraktiker so denken wie er.

Mehr zum Thema: Wie Heilpraktiker mit unserer Gesundheit spielen

Gegen Schneider scheint meine Heilerin Ursula Mair geradezu unschuldig, die nun schon minutenlang verzweifelt versucht, mich meinen Geist spüren zu lassen.

Hoooooooooo”.

Als die hohe Frauenstimme mit ihrem Trauergesang einsetzt, kann ich nicht länger an mich halten. Ich pruste los.

“Nicht gut?”, fragt Mair enttäuscht. Sie hat gerade die Musik aufgedreht, dachte offenbar, die melodischen Geigenklänge und der hohe Gesang würden mir dabei helfen, mich zu entspannen.

Ich schäme mich ein bisschen, dass ich lachen musste und beschließe, mich zusammenzureißen.

“Doch, doch. Ist gut”, sage ich schnell.

“Dann beginnen wir jetzt”, sagt Mair.

Ich nehme mir vor, vollkommen offen zu sein. Für Geister, Energie oder was auch immer.

“Manche weinen bei der Heilung, manchen wird ganz heiß, viele bekommen eine Gänsehaut”, sagt Mair.

Die Heilerin hat mit meiner negativen Energie zu kämpfen

Dann ist sie still. Mair hat mir geraten, an etwas Schönes zu denken. Die traurige Musik klingt, als würden gerade die Gebeine von 200 gefallenen Soldaten beerdigt werden.

Ich höre Mairs nackte Füße auf dem Boden. Sie geht mehrmals um mich herum.

Dann höre ich mehrere Minuten gar nichts mehr, außer dem Trauergesang und Vogelgezwitscher. Ich warte darauf, dass ich eine Gänsehaut bekomme, dass mir heiß wird, oder dass ich weinen muss. Dass ich irgendetwas spüre.

Aber ich spüre: Nichts.

Alles, was ich denken kann, ist: Hoffentlich setzt sie mir gleich keine Heilsteine oder Blutegel auf die Haut. Es passiert etwa vier Minuten lang gar nichts. 

HuffPost/Amelie Graen
Sieht aus wie ein estoerisches Jugendzimmer: Der Heilungsraum

Vorsichtig kneife ich ein Auge auf. Mair steht mit geschlossenen Augen über mir und schwingt ihre Arme in seltsam wellenförmigen Bewegungen nach links und rechts. Sie sieht aus, als wäre sie in Trance.

Vermutlich kämpft sie gerade gegen meine negative Energie an. Schnell kneife ich das Auge wieder zu.

Denk an was Ernstes, befehle ich mir. Das hier ist eine ernste Angelegenheit.

Wieder versuche ich, irgendetwas zu fühlen. Mein Magen knurrt. Und zwar ziemlich laut. Peinlich. Dabei habe ich so viel gefrühstückt.

Er will nicht aufhören zu knurren. Wie ich nach meiner Heilung erfahren werde, gab es einen guten Grund dafür.

Jeder bei uns in Murnau kann leben, wie er will. Bewohnerin Murnaus

In Murnaus Fußgängerzone zieht mich ein Laden mit dem Namen “Mondlicht” an. Er ist voll verschiedener Öle, Öko-Bücher und bunter Steine.

Die Verkäuferin ist Klangheiltherapeutin, erfahre ich. Was auch sonst. Sie war nur für das Studium in München, dann ist sie sofort zurück nach Murnau gezogen.

“In München ist alles so unpersönlich und schnelllebig. Jeder ist in seinem Tunnel. Hier in Murnau achtet man mehr aufeinander”, erzählt sie mit ihrer sanften Stimme.

Langsam frage ich mich, warum alle in Murnau mit dieser sanften Stimme sprechen müssen. Es beruhigt mich nicht, sondern beginnt, mich aggressiv zu machen. Genau wie die Aussage aller Murnauer Passanten, mit denen ich spreche, dass jeder in Murnau “so offen” sei. Denn wie offen, frage ich mich, sind Menschen wirklich, die die Schulmedizin verteufeln?

“Jeder bei uns in Murnau kann so leben wie er will”, sagt mir eine Frau mit Gesundheitslatschen und bunter Flickentasche im Öko-Laden.

Und vielleicht ist genau diese Einstellung das Problem, denke ich. Denn mit Rücksicht auf die Gesellschaft kann einfach nicht jeder Mensch so leben wie er will.

Für 90 Euro können auch die Haare energetisch geheilt werden

Im gleichen Laden nehme ich mir einen Bündel Flyer mit. Unter anderem wird eine “Energetische Behandlung für die Haare” angeboten. Streng genommen werden die Haare einfach nur gewaschen. Für 90 Euro.

“Haare dienen als Sender und Empfänger zwischen dem Universum und unserer Seele”, lese ich. Und was machen Menschen mit Glatze?

“Konzerte in heilsamem Klangfeld”, “Astrologie als Lebenshilfe”, “Biodanza – Tanz des Lebens”, “Reise zur Erkenntnis” – sieht aus, als hätte ich in Murnau noch längst nicht alles gesehen, was die Esoterik hier zu bieten hat.

Wenigstens die Heilung habe ich mitgenommen.

Eine kalte Hand legt sich auf meine Schulter. Okay, was wird das jetzt. Ich lasse die Augen geschlossen und warte ab. Die Hand fasst immer und immer wieder meine Schulter an. Was soll das, denke ich.

Schließlich öffne ich die Augen.

“Jetzt waren sie zuletzt aber sehr entspannt, fast weggetreten. Ich habe versucht, Sie zu wecken”, sagt meine Heilerin Mair.

Achso, denke ich.

“Wie fühlen Sie sich?”, fragt mich Mair gespannt.

Die Heilerin hat eine gruselige Botschaft für mich 

“Ganz ehrlich? Ich fühle mich genau wie vorher.”

Mair sieht ein bisschen enttäuscht aus.

“Haben Sie gar nichts gefühlt?”

Ich überlege kurz. “Ich hatte Hunger.”

“Es kann auch etwas anderes dahinter stecken”, sagt Mair ernst. “Ich habe ihre Chakren aufgefüllt. Und eines davon lag direkt über ihrem Bauch. Deshalb könnte der darauf reagiert haben. Drei Chakren waren fast komplett leer.”

Ich weiß nicht genau, was ein Chakra ist. Aber das klingt nicht gut.

“Chakren sind Energiefelder”, erklärt Mair. “Insgesamt gibt es sieben. Bei Ihnen musste ich drei davon auffüllen.”

Leer sei unter anderem mein Hals-Chakra gewesen.

“Ich habe bei Ihnen ein großes Ungleichgewicht gespürt zwischen dem Potenzial, das Sie haben und dem Potenzial, das Sie nutzen. Ich denke, dass es dabei um Ihr spirituelles Potenzial geht. Ihr Zugang dazu war sozusagen verstopft.”

Meine Spiritualität war also verstopft wie ein Abflussrohr. Aber wieso fühle ich mich dann jetzt nicht anders?, frage ich Mair.

“Vielleicht merken Sie in zwei Stunden etwas, vielleicht aber auch erst in fünf Jahren.”

Die Heilerin hat die Seele meiner Mutter gesehen

Das ist aber noch längst nicht alles: Mein Nabel- und Wurzel-Chakra seien sogar noch leerer als mein Hals-Chakra gewesen.

“Es geht dabei um Emotionen, die von der Mutter übernommen wurden”, sagt Mair. “Ihre Mutter hat nicht die Fähigkeiten, die Sie haben.”

“Woher wissen Sie das?”

“Ihre Mutter war hier.”

“Sie war hier?!”

“Ja, ich habe sie gesehen.”

“Wie sah sie denn aus?”

“Ich habe nicht ihr äußeres Erscheinungsbild gesehen, nur Ihre Seele.”

Langsam wird es gruselig. Kurz zuvor hatte Mair mir noch erzählt, sie könnte die Seelen Toter sehen. Einmal hätte einer im Baum gehangen, da hätte sie die Engel angerufen und seine Seele zurückgeschickt.

“Ich habe Ihrer Mutter ihren Schleier zurückgegeben”, sagt Mair.

Ich verstehe gar nichts mehr.

“Was für ein Schleier?”, frage ich.

“Sie hatten einen Schleier, der Sie fast komplett verdeckt hat. Er war grün, wie aus Seidentaft. Er gehörte Ihrer Mutter. Ich habe Sie davon befreit und ihn Ihrer Mutter zurückgegeben.”

Mair schweigt. Ich schweige auch, ist wahrscheinlich gerade besser.

“Es war ein so inniger Moment. So schön. Ihre Mutter war so erleichtert, dass Sie die Bürde Ihres Schleiers nicht mehr tragen müssen.” 

Früher oder später werden Sie verstehen und an mich zurückdenken. Ursula Mair, Heilerin

Mair erklärt mir, ich hätte den Schleier im Mutterleib freiwillig auf mich genommen. Aus Liebe. Ich hätte meiner Mutter negative Emotionen abnehmen wollen. Bis zum heutigen Tag hätte ich die mit mir herumgetragen.

“Irgendwann, früher oder später, werden Sie verstehen, was ich damit gemeint habe. Und dann werden Sie an mich zurückdenken”, sagt Mair.

Als ich vor die Tür von Mairs Haus trete, fühle ich mich unwohl. So, als hätte ich gerade sehr schlecht geschlafen.

Ich beschließe, statt eines Engels meine Mutter anzurufen. Wenn ihre Seele tatsächlich bei meiner Heilung vorbeigeschaut hat, wird sie davon ja wohl irgendetwas mitbekommen haben.

“Ich war bei einer Heilerin”, beginne ich das Gespräch.

“Ok”, sagt meine Mutter. So, als hätte ich gesagt, dass ich gerade beim Zahnarzt gewesen sei. Sie wundert sich bei mir anscheinend über gar nichts mehr.

“Für einen Text. Sie hat auch was über dich gesagt. Ist dir heute etwas Seltsames passiert?”

“Nein, nicht dass ich wüsste.”

“Wo warst du heute zwischen 12 und 13 Uhr?”

Gespannt warte ich auf ihre Antwort. Vielleicht ist sie genau während meiner Heilung kurz eingenickt. Wenn sie etwas geträumt hätte, dann wäre das gruselig. Oder sie hat etwas anderes Merkwürdiges erlebt. Einen Moment der Offenbarung.

“Ich war bei Netto.”

Das reicht mir als Antwort. Klingt nicht gerade nach einem Moment der Offenbarung.

Plötzlich glaube ich, einen Geist gefunden zu haben

Ich setze mich in ein Café in Murnau und versuche, in mich hineinzufühlen.

“Sie können das”, hat mir die Heilerin gesagt. “Fühlen Sie in sich hinein und dann fühlen Sie die Energie des Ortes.”

Ich versuche also, die Energie des Ortes zu fühlen. Es ist heiß und es stinkt. Nach Räucherstäbchen, wahrscheinlich von den vielen kleinen Lädchen mit Eso-Kram um mich herum.

Vermutlich hat der Geruch sich schon über die ganze Stadt gelegt und vernebelt den Bewohnern langsam aber sicher das Hirn. Vielleicht bin ich aber auch zu voreingenommen an die Sache rangegangen. Zu vernünftig. Schließlich finden viele Menschen in der Esoterik auch ihr Glück. 

Eine Passantin mit schulterlangen grauen Haaren bleibt plötzlich neben meinem Tisch stehen und starrt mich an. Sie ist mir unheimlich. Ich wünschte, sie würde weggehen.

“Daaaaaadaaaaa“ singt sie plötzlich laut. “So ist das Leben so schön, wenn man sich wieder sieht. Das kennst du doch noch, oder?“

“Ja, das kenn ich irgendwoher“, sage ich. Die Melodie kommt mir zumindest bekannt vor.

“Hahahah” lacht die Frau. Es klingt dreckig.

Ich beobachte, wie sie weiter in die Buchhandlung geht und warte, dass sie wieder herauskommt. Aber sie kommt nicht wieder heraus.

Ich bezahle und gehe in die Buchhandlung. Keine Spur von der Frau. Nur eine Heilung und schon bin ich verrückt geworden, denke ich. Ich habe einen Geist gesehen.

Wahrscheinlich rufe ich wie Mair gleich die Engel an und schicke die Seele der Frau zurück. Ich überlege, was ich einem Engel jetzt sagen würde:

“Hey, wie gehts, hast du gerade Zeit? Hier läuft wieder mal eine verlorene Seele rum, Buchhandlung, Murnau.”

Nichts passiert. Ich nehme an, auf meine energetische Erleuchtung werde ich noch einige Jahre warten müssen.