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30/09/2018 16:07 CEST | Aktualisiert 30/09/2018 19:24 CEST

Ein Neonazi wollte mich daten – so habe ich ihm geantwortet

"Ich gebe es nur ungern zu, aber irgendwie finde ich ihn faszinierend."

SIPA USA/PA Images
Neonazis beim "Schild und Schwert" Festival in Ostritz, Sachsen. Das Festival begann am 20. April, Adolf Hitlers Geburtstag. 

Eva ist eine meiner ältesten Freundinnen. Sie hat mir beigebracht mich zu schminken, mir meinen ersten Alkoholrausch beschert, mich getröstet, wenn ich Liebeskummer hatte und mir meine ersten Fahrstunden gegeben. Kurz gesagt: Sie ist die große Schwester, die ich nie hatte.

Seit Evas Eltern sich getrennt haben und sie mit ihrer Mutter und ihrem Bruder in ein anderes Bundesland gezogen ist, sehen wir uns nur noch etwa einmal im Jahr. Zuletzt habe ich sie im Sommer 2017 besucht.

Eva und ich sitzen bei ihr im Garten, als ihr jüngerer Bruder Maik und sein Kumpel Bruno dazu kommen und sich ein Bier aufmachen. Maik will wissen, was ich denn “inzwischen so mache”.

“Ich mache ein Praktikum bei einer Zeitung”, sage ich. “Ach du Scheisse, bei der Lügenpresse”, kommentiert Bruno, mit dem ich bis dato noch nie ein Wort gewechselt hatte. Ich werfe ihm einen missbilligenden Blick zu und ignoriere ihn.

Ein Neonazi wie er im Buche steht

Es ist ein lauer Sommerabend. Eva hat ein trägerloses gelbes Kleid an, Bruno trägt ein schwarzes Tanktop, dass straff über seinen dicken Bauch gespannt ist. Sein Oberkörper ist von Tätowierungen übersät.

Ich lasse meinen Blick zunächst über seine Arme und dann seinen Oberkörper schweifen. Eichenblätter und Schriftzüge in Frakturschrift sind darauf zu erkennen. Auf seiner rechten Brust prangt die Schwarze Sonne, ein nationalsozialistisches Symbol, das aus übereinander gelegten Hakenkreuzen besteht. Mir wird schlecht.

“Ich dachte irgendwie, du seist ausgewandert”, sagt Maik. Ich lache, “Schön wär’s! Ich war für ein paar Monate als Au-Pair in den USA”, erkläre ich.

Bruno setzt sein Bier ab, “Bei den Besatzern?”

Bruno hasst die Amerikaner. Und die Franzosen und die Briten auch. Und die Russen erst recht. Denn die seien ja schließlich Schuld daran, dass das Deutsche Reich untergegangen ist, erklärt er im Folgenden.

Bruno macht keinen Hehl daraus, dass er ein Neonazi ist. Er trägt seine Haare auf einer Seite kurz geschoren und die andere Seite penibel zum Seitenscheitel gekämmt. Zu Evas letzter Halloweenparty kam er als Hitlers Geliebte Eva Braun verkleidet.

Wenn ihn ein Freund anruft, antwortet Bruno mit “Sieg Heil!”

“Und, gab’s da auch heisse Männer?” fragt Eva und zwinkert mir zu. “Joa, die gab es.” Ich erzähle von David, dem Mann, in den ich mich während meines Au-Pair-Aufenthaltes in Kalifornien Hals über Kopf verliebt habe. Von seinem wuscheligen blonden Haar, seinen freundlichen grünen Augen und wie beeindruckt ich war, dass er drei Sprachen spricht: Englisch, Spanisch und Hebräisch – die Sprache seiner Eltern.  

Bruno spuckt mir vor die Füße. “Du warst mit einem Juden zusammen?” hakt Maik ungläubig nach. “Die sollte man alle am Baum aufhängen”, murmelt Bruno und nimmt einen weiteren Schluck von seinem Bier.

“Ja, war ich. Und es war wunderbar”, sage ich mit Nachdruck. Für einen Moment herrscht Stille am Tisch.

NurPhoto via Getty Images
Wollen Nazis im Grunde nur geliebt werden?

“Du magst mich nicht besonders, gell?”

Ein paar Tage später – ich liege zuhause auf der Couch und schaue Fernsehen – vibriert mein Handy. Ich sehe nach und stelle fest, dass ich eine Whatsapp-Nachricht von einer unbekannten Nummer habe: “Du magst mich nicht besonders, gell?”

“Wer ist da?” antworte ich.

“Bruno.”

“Woher hast du meine Nummer?”

“Ich hab sie mir aus Evas Handy genommen. Also nein?”

“Was nein?”

“Du magst mich nicht.”

“Nicht besonders, nein.”

“Schade, aber ich mag dich.”

Okay, was zur Hölle passiert hier gerade?

“Ich finde dich süß und ich glaube, dass du ein netter Mensch bist.”

Werde ich gerade wirklich von einem Neonazi angebaggert?

“Ich fände es schön, wenn wir mal zusammen essen gehen.”

Nur. über. Meine. Leiche.

Ich lege mein Handy weg.

Ich bin nicht sicher, was mich in diesem Moment mehr verblüfft: Dass Bruno offenbar glaubt, es bestünde auch nur der Hauch einer Chance, dass ich “Ja” sage, oder, dass er denkt, ein Date mit mir sei eine gute Idee.

Denn dass unsere Werte und Lebensansichten nicht zusammen passen, müsste er spätestens bei unserer “Stammtischdiskussion” gemerkt haben.

Bruno, der Neonazi, schwärmt für eine angehende Journalistin, die für Flüchtlinge spendet und deren große Liebe ein Jude ist?

Mehr zum Thema: Kampf gegen Rechts: Wie ich Neonazis beim Ausstieg helfe

Stummer Schrei nach Liebe

Der Gedanke ist so absurd, dass er mich nicht loslässt. Ich greife zum Handy und schreibe: “Du weißt schon, dass mein Ex-Freund Jude ist?”

“Ja weiß ich. Aber der nächste muss ja keiner sein.”

Als ich diesen Satz lese, muss ich laut loslachen. Nicht, weil Brunos Antwort irgendwie schlagfertig ist, sondern weil die Ironie dieses Gespräches mich überfordert.

Und das ist nicht die einzige Ungereimtheit, die sich aus Gesprächen mit Bruno ergibt, von  denen ich in den folgenden Tagen und Wochen einige führe – ich gebe es nur ungern zu, aber irgendwie finde ich ihn faszinierend. Denn Bruno ist Klischee und Widerspruch in einem.

Genauer gesagt: Seine Biografie liest sich wie der Liedtext zu “Stummer Schrei nach Liebe” von den Ärzten.

► Er hört Stahlgewitter und die Onkelz: Aber jedes Mal wenn Eva auf ihrer Halloweenparty Songs von Tina Turner oder Whitney Houston gespielt hat, bekam er glasige Augen und sang jedes Wort mit.

► Er ist im Tierschutz: “Eichhörnchen sind die schönsten und klügsten Tiere, die es gibt”, betont er, als ich ihn auf seine Mitgliedschaft im Eichhörnchenschutzverein anspreche. Ich muss sagen: da gebe ich ihm Recht.

► Er besitzt eine unzureichende Schulbildung: Bruno hat seinen Hauptschulabschluss mehr schlecht als recht gemacht. Seine Rechtschreibung ist eine Katastrophe und lesen kann er auch nicht so gut.

Schon in der Mittelstufe habe er sich für den NS begeistert – und festgestellt, dass er damit provozieren kann. Geschichtsunterricht habe er so gut wie nicht gehabt, erzählt er mir eines Abends.

“Die Lehrer haben mich immer rausgeschmissen, weil ihnen nicht gepasst hat, was ich zu sagen hatte.” Etwa wenn Bruno nach Beweisen für “die sechs Millionen” fragte, oder die Kriegsschuld Deutschlands von sich wies.

Bruno hat nie gelernt, wie man Quellen verifiziert. Kein Wunder also, dass er nicht versteht, was der Unterschied zwischen belegbaren Fakten und gefühlter Wahrheit ist.

► Er hat keinerlei Perspektive: “Was machst du am Wochenende?”, will Bruno eines Tages wissen.

“Weiß ich noch nicht, wieso fragst du?”

“Ich würde dich gerne besuchen kommen”, sagt Bruno.

“Das ist keine so gute Idee”, antworte ich und denke dabei an meine multikulturelle WG.

“Och jetzt komm, ich war noch nie in deiner Stadt, sagt Bruno. “Ich will einfach mal hier raus!”

Bruno hat sein ganzes Leben in derselben kleinen Ortschaft verbracht. Knapp über tausend Einwohner zählt das kleine Bauerndorf.

Hier arbeitet er seit seinem 15. Lebensjahr in einem Handwerksbetrieb – sein Job ist körperlich anspruchsvoll und nicht ungefährlich: allein in diesem Jahr war Bruno dreimal krank geschrieben, weil er sich bei der Arbeit verletzt hat.

Ich will einfach mal hier raus!

Dass er bis zum Rentenalter arbeitsfähig bleibt, erscheint angesichts dieser Vorzeichen unwahrscheinlich.

Vermutlich wird er nie irgendwo anders wohnen als in dem Dorf. Ehrlich gesagt glaube ich, dass ihm Großstädte Angst machen – schließlich ist die Bevölkerung dort um einiges bunter und chaotischer als in seinem Heimatort.

“Es würde dir hier nicht gefallen”, schreibe ich. “Es gibt hier viele Ausländer.”

“Für dich würde ich es aushalten”, antwortet Bruno mutig. Wenn er kein Rassist wäre, wäre das fast schon süß.

“Tut mir Leid, aber es ist mir nicht recht, dass du kommst.”

“Okay”, resigniert Bruno und tut mir ein bisschen Leid.

► Er sehnt sich nach Gemeinschaft: Auf Bruno ist Verlass. Egal ob jemand Hilfe beim Umzug braucht, eine zweite Meinung beim Autokauf möchte, oder spontan jemanden zum Wandern oder Angeln sucht: Bruno ist immer dabei.

Ich muss gestehen, dass ich eine derartige Zuverlässigkeit nicht einmal von meinen engsten Freunden erwarten kann.

Mehr zum Thema: Sind Rechte nur einsam? Eine Spurensuche bei Ex-Nazis und Dating-Portalen

Doch während meine Freundinnen den gemeinsamen Kinobesuch mit mir kurzfristig absagen, weil sie lieber ein bisschen zuhause ausspannen möchten, würde Bruno jede Gelegenheit ergreifen, um nicht alleine sein zu müssen. Denn:

► Er ist unzufrieden mit sich selbst: “Es würde ja eh nichts mit uns werden”, gesteht sich Bruno irgendwann in einer Nachricht ein. “Stimmt, aber wie kommst du drauf?”, will ich wissen.

“Ich bin doch nichts wert; ich bin nur Dreck”, schreibt Bruno und setzt ein traurig schauendes Smiley dahinter.

In diesem Moment wird mir klar: Das Einzige, was größer ist, als sein Hass auf Ausländer, ist sein Hass auf sich selbst. Vielleicht ist er deshalb so dringend auf der Suche nach Nähe: weil er eine Bestätigung sucht, dass er auf dieser Welt etwas zählt.

Die Kameradschaft innerhalb der rechten Szene, zu der er in seiner Region gute Kontakte pflegt, ist groß.

Ich bin doch nichts wert; ich bin nur Dreck.

“Ich mag das Gefühl, dass wir alle zusammen für dieselbe Sache kämpfen”, erklärt Bruno mit sanfter Stimme in einer Sprachnachricht. Und fügt dann drohender und zunehmend wütender hinzu: “Ich lasse nicht zu, dass jemand meine Heimat zerstört. Dieser Kampf ist größer als jeder Einzelne von uns.”

Es sind Aussagen wie diese, die mir kalte Schauer über den Rücken jagen, sogar mehr, als wenn Bruno Afrikaner als “Neger” und Asiaten als “Schlitzis” bezeichnet.

Denn diese Aussagen machen deutlich, dass sich die Rechten ein Deutschland herbeisehnen, in denen Freiheit und Individualität nichts gelten. In denen Ordnung und Konformität das Leben bestimmen und jeder eine rigide Rolle einzunehmen hat.

Risse in der Fassade

Und trotzdem kommen mir immer wieder Zweifel daran, ob Bruno wirklich hinter den Parolen steht, die er in seinen Whatsapp Status schreibt oder auf den Arm tätowiert.

Zum Beispiel als ich erfahre, dass sein Lieblingsarbeitskollege aus dem Irak stammt; die beiden gehen nach der Arbeit oft noch auf ein Bier.

Die Großeltern einer seiner guten Freundinnen stammen aus Kroatien – “ganz liebe Leute”, sagt Bruno.

Kann es sein, dass Bruno gar nicht aus Überzeugung rechts ist? Dass das alles nur eine Fassade ist, hinter der er Schutz sucht? Vielleicht will er einfach nur irgendwo dazugehören.

Seit Brunos letzter Whatsapp-Nachricht an mich sind einige Monate vergangen. Eva hat mir erzählt, dass er auf einer Party jemanden kennengelernt hat und da “vermutlich etwas läuft.” Sein bisheriges Profilbild – den Lorbeerkranz mit Eicheln – hat er eingetauscht gegen ein Foto von sich mit einer schwarzhaarigen Frau im Arm.

Bruno lächelt in die Kamera.

Ich vermisse unsere Gespräche nicht und ich frage mich auch nicht, was hätte sein können. Ich persönlich könnte niemals mit jemandem zusammensein, der Menschen aufgrund ihrer Herkunft als minderwertig ansieht.

Trotzdem bin ich dankbar für unsere ungewöhnliche Chatfreundschaft. Denn sie hat mir gezeigt, dass man immer Gemeinsamkeiten mit jemandem findet, wenn man dazu bereit ist. Ich wünsche mir, dass auch Bruno das eines Tages erkennt.

Ich finde es okay, dass es jemanden gibt, der Bruno so mag, wie er ist. Meine Hoffnung ist, dass diese Erfahrung von Nähe und Geborgenheit die Wut und den Schmerz, den er in sich trägt, ein wenig stillen kann. Dass diese Frau ihm ein bisschen Frieden schenken kann.

Ein Ausstieg aus der rechtsextremen Szene ist nicht leicht. Organisationen wie EXIT Deutschland unterstützen betroffene Personen dabei, ihre Erfahrungen aufzuarbeiten und ein langfristiges Umdenken zu erreichen.

Bei Bedarf leistet EXIT auch Hilfe bei Problemen der Sicherheit von Aussteigern.

Zum Schutz aller in diesem Artikel erwähnten Personen wurden ihre Namen geändert. Auch unsere Autorin schreibt unter Pseudonym

(ben)