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23/05/2018 17:38 CEST | Aktualisiert 23/05/2018 18:59 CEST

Ein Münchner Unternehmer zeigt, wie Integration gelingen kann

"Wer das jeden Tag erlebt, stellt die Frage gar nach dem Warum gar nicht."

Wasserle
Markus Wasserle betreibt ein Reinigungsunternehmen in München.

4,3 Millionen. So viele Menschen lebten im Jahr 2016 in Deutschland, die nicht deutsch sind, aber eine EU-Staatsgehörigkeit haben.

Für den deutschen Arbeitsmarkt können sie eine riesige Chance sein. 440.000 Fachkräfte fehlen derzeit in der Bundesrepublik, 60 Prozent aller Betriebe bewerten den Fachkräftemangel als größtes Geschäftsrisiko.

Eine Lücke, die Statistiken zufolge immer größer wird – und die Arbeitskräfte aus dem Ausland füllen könnten, denn jeder Bürger der Europäischen Union hat grundsätzlich uneingeschränkten Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt.

Doch oft entstehen durch diese Arbeitsverhältnisse Parallelgesellschaften. Viele kommen nach Deutschland, um Geld für ihre Familien in der Heimat zu verdienen. Wirkliche Integration findet häufig nicht statt.

Das wiederum sorgt für Missmut unter deutschen Bürgern und für Unzufriedenheit bei den Gastarbeitern.

Neben Gehalt gibt es eine Wohnung, Sprachkurse und noch mehr Unterstützung

Doch Integration und ein gutes Zusammenleben können auch gelingen. Einer der zeigt, wie, ist Markus Wasserle.

Er hat in München eine Gebäudereinigungs-Firma gegründet – mit einer besonderen Unternehmensphilosophie.

Die Firma wächst. Jedes Jahr, sagt Wasserle, schafft er Dutzende neue Arbeitsplätze. Die alle zu besetzen, sei mit ausschließlich deutschen Arbeitskräften kaum möglich.

“Jeden Donnerstag ist bei uns Bewerbertag. Zwei Stunden lang werden die Bewerber in unserem System geschult. Wer pünktlich war und einsatzbereit, der bekommt einen Job.”

Sprache ist der wichtigste Schlüssel, um Barrieren abzubauen, sich selbstständig in der Gesellschaft einfinden zu können.

Und wer den Job bekommt, bekommt von Wasserle nicht nur ein Gehalt.

Denn der Unternehmer findet, dass der Anteil der Miete nicht mehr als 30 oder 40 Prozent des Gehalts ausmachen darf. “Mit einem Stundenlohn von 10,30 Euro ist es schlichtweg nicht möglich, sich in Deutschland und schon gar nicht in München ein vernünftiges Leben leisten zu können.”

► Deshalb hat er Wohnungen und Häuser angemietet, um sie günstiger an seine Mitarbeiter weiter zu vermieten – und so vor allem seinen Gastarbeitern den Einstieg in Deutschland zu erleichtern.

Je nach Lohn zahlen sie dann 270 bis 340 Euro Miete an Wasserle, inklusive Wasser, Heizung, Internet und Rundfunkbeitrag. Die Angestellten wohnen zum Teil in Wohngemeinschaften, zum Teil mit ihren Partnern und Familien zusammen.

Doch das ist nicht alles.

Die Beziehung zu den Mitarbeitern ist intensiver und vertrauensvoller

“Sprache ist der wichtigste Schlüssel, um Barrieren abzubauen, sich selbstständig in der Gesellschaft einfinden zu können und private als auch berufliche Missverständnisse zu vermeiden”, sagt Wasserle.

► Deshalb gibt es in seiner Firma einen eigenen Deutschlehrer.

Der gibt jeden Samstag drei Unterrichtseinheiten für Anfänger und Fortgeschrittene. “Der Deal ist für alle, die bei uns anfangen, dass sie nach einem Jahr mindestens Sprachniveau B1 erreicht haben müssen.”

Auch hilft der Münchner Unternehmer gemeinsam mit seiner Frau, bürokratische Hürden zu überwinden. Zum Beispiel, wenn es darum geht, einen Kita-Platz für die Kinder zu finden. Oder darum den Führerschein anerkannt zu bekommen. Oder um Unterstützung, wenn ein Angehöriger seiner Angestellten einen Pflegeplatz benötigt.

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“Wenn man anfängt, Mitarbeiter nicht als irgendwelche Nummern zu sehen, sondern sich mit ihnen als Menschen auseinandersetzt, verändert sich die Beziehung zueinander grundlegend”, sagt der Unternehmer.

Vom intensiven Vertrauensverhältnis profitieren beide Seiten

Das erleichtere nicht nur seinen Angestellten den Alltag, sondern erhöhe auch ihre Zuverlässigkeit in der Arbeit – vom intensiven Vertrauensverhältnis profitieren laut Wasserle beide Seiten.

Mit vielen Mitarbeitern habe er ein enges persönliches Verhältnis, sagt der Unternehmer, er lerne ihre Familien kennen, und lade sie zu Festen ein. Er selbst ist bei Geburtstagen, Hochzeiten und Taufen zu Gast.

Wasserle
Wasserle wird zu Hochzeiten seiner Mitarbeiter eingeladen.

“Es ist ein intensives und vertrauensvolles Verhältnis”, sagt er, “aber dazu gehören natürlich auch unangenehme Situationen und hin und wieder harte, aber notwendige Gespräche.” 

Der entscheidende Punkt sei oft, Neuangstellten klar zu machen, dass es keine Schikane ist, sondern betriebliche Notwendigkeit, dass sie sich an die Regeln der deutschen Firma halten müssen. Und zu verstehen, dass jeder, der Geld verdienen möchte, auch etwas dafür tun muss.

Ich bin nicht die Wohlfahrt, sondern Unternehmer.

Wasserle betont: “Ich bin nicht die Wohlfahrt, sondern Unternehmer.” Er erwartet Leistung von seinen Mitarbeitern.

Ausreißer gebe es immer. Wer dann aber gesprächs- und kompromissbereit sei, dürfe bleiben. Wer nicht, der müsse gehen. 

Manchmal muss Wasserle die Reißleine ziehen

Wie zum Beispiel im Fall einer Mitarbeiterin aus Rumänien. Es hatte vermehrt Reklamationen von Kunden gegeben, auch nach Gesprächen mit der Angestellten.

“Dann müssen wir irgendwann die Reißleine ziehen und die Firma und die anderen Mitarbeiter vor größeren Schäden schützen.” 

Eine Sache ist Wasserle besonders wichtig: “Ich will nicht, dass meine Mitarbeiter abhängig von mir und der Firma werden. Sie sollen freiwillig bei uns arbeiten wollen und dadurch auch irgendwann in der Lage sein, sich selbst in der Gesellschaft und der deutschen Arbeitswelt zurechtzufinden.”

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Sein Ziel sei es nicht, sie fest an die Firma zu binden. Sondern ihnen zu helfen, sich in Deutschland zu integrieren.

Dennoch: Auch wenn sie dauerhaft in Deutschland bleiben wollen, haben viele seiner Mitarbeiter aus dem Ausland Familie und Verwandtschaft in der Heimat. “Einige nehmen deshalb gerne ihren kompletten Jahresurlaub am Stück und wollen 6 Wochen in die Heimat fahren.”

Kein Problem, sagt Wasserle. Er habe ein Konzept entwickelt, um die Sommermonate, in denen viele Mitarbeiter Urlaub wollen, gut zu überbrücken.

All diese Mühen sind es jedenfalls wert, wenn ich sehe, was zurückkommt.”

Er stehe im engen Austausch mit einer Uni-Professorin aus der Slowakei, die ihm jedes Jahr 20 bis 30 Studenten schicke, die für acht Wochen als Vertretung für die normale Belegeschaft zwischen Juni und September in der Reinigungsfirma in München arbeiten würden.

Viele von ihnen kämen in den leerstehenden Wohnungen der Gastarbeiter im Heimaturlaub unter. “Wir versuchen dann auch, ihnen viel von der Stadt zu zeigen, laden sie zu Festen ein.”

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Die Studenten seien sehr dankbar, weil sie so zum einen die Möglichkeit haben, besser Deutsch zu lernen und gleichzeitig schon einen Fuß in der Tür für einen Arbeitsplatz in Deutschland haben, “auch wenn sie Medizin, Maschinenbau oder Ingenieurswesen studieren.”

Die Frage nach dem Warum stellt sich der Münchner nicht

Warum macht er Wasserle das alles?

“Wer das jeden Tag erlebt, stellt die Frage gar nach dem Warum gar nicht”, sagt er. “All diese Mühen, dass wir uns für unsere Mitarbeiter einsetzen, sind es jedenfalls wert, wenn ich sehe, was zurückkommt.” 

Nicht jedes Unternehmen könne all diese Sonderleistungen bieten wie er. Aber Wasserle ist sich sicher, dass die Zufriedenheit von Angestellten und der gleichzeitige Erfolg einer Firma auf gegenseitigem Verständnis gründet.

“Erst, wenn jeder mal die Perspektive seines Gegenübers einnimmt, kann die Zusammenarbeit erfolgreich funktionieren.” 

(jg)