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13/12/2017 12:29 CET | Aktualisiert 13/12/2017 12:31 CET

Ein Mann zwang mich, ihm Nacktfotos zu schicken - jeder soll wissen, was er mir angetan hat

"Ich fühlte mich schmutzig und beschämt."

m-gucci via Getty Images

Der folgende Text wurde von Ashley Reynolds verfasst. Sie hat bei verschiedenenen Gelegenheiten ihre Geschichte erzählt. Das FBI sowie das National Center for Missing and Exploited Children (NCMEC) haben sie eingeladen, ihre Erfahrung mit Sextortion (sexuelle Erpressung, abgeleitet von “sex” und “extortion”) zu verbreiten. Im Mai 2016 wurde Ashley von Beau Biden den “Courage Award”  ausgezeichnet.

Die Menschen sollen sich nicht an mich erinnern. Sie sollen sich an meine Geschichte erinnern.

Es war Ende Mai 2009 und ich hatte gerade mein erstes Jahr an der High School beendet. Ich hab nicht viel darüber nachgedacht, wie ich meinen Sommer verbringen würde. Ich hatte mich für einen Kurs in Geschichte eingeschrieben, um ein paar Fächer weniger in meinem Abschlussjahr zu haben.

Mir gefiel die Tatsache überhaupt nicht, einen Monat meiner Sommerferien für die Schule zu opfern. Trotzdem war es kein Vergleich zu den fünf Monaten meines Lebens, in denen ich Sklave eines Fremdens wurde, von dem ich später herausfand, dass er fast doppelt so alt war wie ich.

Wie alles begann

Das erste Mal, als mich mein Peiniger kontaktierte, schenkte ich ihm keine Beachtung. Er schickte mir eine Nachricht unter dem Namen “Captain Obvious”. Der Betreff: “Ich habe Nacktbilder von dir. Öffne die Nachricht”.

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Ich ignorierte es. Ehrlich gesagt dachte ich, dass es sich dabei um Spam handelte und beachtete die Nachricht nicht. Ich wusste ohnehin, dass ich niemals Nacktfotos gemacht hatte. Doch er schrieb mir immer und immer wieder, dass er Nacktfotos von mir habe. Wenn ich wolle, dass er sie nicht an meine Freunde schicke, solle ich mich ihm fügen.

Er beharrte darauf, dass er Fotos von mir besaß und damit begann die Manipulation. Ich begann nachzudenken: “Was, wenn er wirklich Bilder von mir hat?” Ich hatte eine Webcam – was wenn ich sie versehentlich beim Umziehen angelassen hatte?

Unzählige Nachrichten später gab ich nach. Er wollte sieben Bilder von mir und sagte, dass er mich in Ruhe lassen würde, sobald ich dieser Forderung nachgekommen sei.

Naiv wie ich damals war, gab ich nach und tat, was ich tun musste, um nicht mehr von diesem Typen zu hören. Er behauptete, dass er in meinem Alter sei und hatte ein Profil hochgeladen, dass das zu bestätigen schien. In Wahrheit aber hatte er viele Profile, viele Namen und viele Bilder.

Jede Nacht machte ich Bilder für ihn. Inzwischen war es normal für mich. Eine Routine. Was mit sieben Bildern begann, wurde schnell eine Sammlung von über 60 Fotos. Jede Nacht. In unterschiedlichen Kategorien. Verschiedene Posen, verschiedene Positionen, verschiedene Dinge, die ich machen sollte. Meine Unschuld wurde mir genommen. Meine Würde und jedes bisschen Respekt, den ich vor mir selbst hatte. Ich fühlte mich schmutzig und beschämt. 

Die Wahrheit kommt ans Licht

Monatelang ging es so weiter, bis meine Eltern unbewusst das Richtige taten. Ohne mein Wissen loggten sie sich in meinen Myspace-Account ein, um nachzusehen, wie mein Online-Leben aussah. Das Unausweichliche passierte und sie bekamen endlich mit, was ich heimlich durchmachte.

Eines Nachts, als ich in einem christlichen Club meiner Schule mit dem Namen Young Life war, schrieb mir meine Mutter: “Papa und ich holen dich ab.” Ich bekam Angst und wurde panisch. Als wir zuhause waren, führten sie mich zum Computer in meinem Schlafzimmer.

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Mein Mutter zeigte auf dem Bildschirm. “Was ist das?”, fragte sie. Ich stand unter Schock. Ich schrie und fiel auf den Boden. Tränen begannen, über meine Wangen zu laufen. Mein Vater schrie und meine Mutter weinte. Es war ein einziges Chaos.

Ein Grund, warum es mir so schwer fiel, jemandem zu erzählen, was mir passierte, war, dass ich Angst hatte. Ich hatte Angst, dass es meine Schuld war und ich Ärger bekommen würde. Ich weiß nicht, was meine Mutter dazu veranlasste, das National Center for Missing and Exploited Children (NCMEC) zu kontaktieren.

Das war jedoch die Entscheidung, die mir das Leben rettete. Sie waren diejenigen, die das FBI einschalteten. Die beamten sollten später Lucas Michael Chansler ausfindig machen und ihm das Handwerk legen.

Ich erstellte einen neuen MySpace-Account. Diesmal nannte ich mich Ash und nutze meinen zweiten Namen als Nachnamen. Mein Profilbild zeigte mich aus weiter Entfernung, weswegen es schwer war, mich zu erkennen. Das war ein schwerwiegender Fehler.

Nach nur zwei Tagen mit dem neuen Account fand er mich. Und er fand mich nicht nur, sondern war auch wütender als je zuvor. Ich bekam einen Anruf von einem Freund, der mir erzählte, dass ihm jemand ein Nacktbild von mir gesendet hatte.

Wir versammelten all meine Freunde und erzählten ihnen, was mir passiert war. Meine Mutter machte das größtenteils. Ich konnte meine Freunde nicht einmal ansehen, geschweige denn die Geschichte erzählen. Glücklicherweise hatte ich die besten und verständnisvollsten Freunde. Sie standen zu 100 Prozent hinter mir.

“Es ist vorbei”

Es war April 2010, als ich endlich die Worte hörte, von denen ich dachte, dass ich sie nie hören würde: “Es ist vorbei.” Das FBI rief meine Mutter an und sagte, dass sie ihn erwischt hätten. Ich fand heraus, dass er 27 Jahre alt war und mehr als 350 Mädchen dasselbe angetan hatte.

Sie durchsuchten sein Haus und fanden Nacktbilder von Mädchen in jedem Alter. Das jüngste Opfer war gerade mal acht Jahre alt. Wir bedeuteten ihm nichts – wir waren nur Dateien. Wir waren Ordner auf seinem Computer mit der Bezeichnung “Im Gange” oder “Noch in Bearbeitung”. Er stahl die Unschuld all unserer jungen Leben.

Sie nahmen in fest und ich war frei. Meine Nächte voller Angst, Panik und Tränen waren endlich vorbei. In diesem Moment fiel das ganze Gewicht, das so schwer auf meinen Schultern gelastet hatte, von mir ab.

Es folgten etwa vier Jahre Stille. Anfang November 2014 erhielt ich einen Anruf von Special Agent Larry Meyer, der später mein größter Held werden sollte. Er lud mich nach Jacksonville in Florida ein, wo Lucas Michael Chansler für seine Taten verurteilt wurde.

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Dort sagten ich und drei weitere Opfer als Zeugen aus. Wir erzählten unsere Sicht der Dinge - all die Grausamkeiten, die er uns angetan hatte.

Wir alle wurden aufgefordert, unsere Geschichte vor Gericht zu teilen. Jede so unterschiedlich und doch so ähnlich. Eines der Opfer war so geschädigt von dem, was Chansler mit ihr gemacht hatte, dass sie ihr Statement nicht selbst vorlesen konnte.

Als ihre Mutter in den Zeugenstand ging, um den Brief vorzulesen, traf mich die harte Realität. “Ich kam von der Schule nach Hause und schaute mich nach Orten um, an denen ich eine Schlinge aufhängen könnte”, stand darin.

Das verfolgt mich bis heute. Das Mädchen war durch Chanslers Forderungen so zerstört worden, dass sie geplant hatte, sich das Leben zu nehmen.

Das war nur ein Mädchen. Es gab mehr als 350 von uns.

Warum ich auf Sextortion aufmerksam mache

Warum ich? Das habe ich mich oft gefragt. Erst nachdem ich mich entschieden hatte, meine Geschichte zu verbreiten, hatte ich die Antwort auf die Frage, die ich mir zuvor jeden Tag stellte.

Die Antwort ist: Warum nicht ich? Es ist eine Epidemie und es ist erst der Anfang. Es sind meine Worte und meine Geschichte, die dabei helfen können, die nächste Ashley Reynolds davor zu bewahren, durch ihren Monitor gekidnappt zu werden.

Ich will anderen Mädchen in dieser Situation, die so oft übersehen wird, unterstützen. Mein Fall wird vielleicht nicht so ernst genommen wie andere.

Er hat mich niemals angefasst. Er hat mich nicht vergewaltigt. Ich habe ihn nicht einmal gesehen, bis er schon festgenommen worden war. Aber was er getan hat, war bösartig. Er zwang mich, es mir selbst anzutun. Ich dachte ständig daran und gab mir selbst die Schuld, denn ich wusste, dass ich selbst es getan hatte.

Es ist ein Thema, über das man sprechen muss. Es bedroht die jetzige und die nächsten Generationen. Ein stilles Opfer nach dem anderen. Ich werde den Namen Lucas Michael Chansler nie vergessen. Doch er wird sich nur an mich erinnern als einen Ordner auf seinem Computer mit dem Namen “In Arbeit”.

Dieser Text erschien zuerst auf Thorn und wurde von Johanna Gill aus dem Englischen übersetzt.

Auch die deutsche Polizei warnt vor “Sextortion” als einer “Betrugsmasche, die sich derzeit weltweit mehr und mehr verbreitet”.

(lk)