POLITIK
03/04/2018 17:38 CEST | Aktualisiert 03/04/2018 21:53 CEST

Wie ein mächtiger TV-Boss in den USA für Trump die Wahrheit verdreht

In Trumps USA ist die Staatspropaganda privatisiert worden.

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24 Sender, eine Botschaft: Die Sinclair Broadcasting Group hat die lokalen Fernsehsender in den USA gleichgeschaltet. 

Vor post-demokratischen Zeiten fürchteten sich die Politikwissenschaftler der 1990er-Jahre. Vor Zeiten also, in denen politische Partizipation der politischen Verdrossenheit weicht, in denen Wahlen nicht mehr frei sondern beeinflusst und die Realität zur Auslegungssache werden. 

In diesem Sinne: Willkommen in der Post-Demokratie der Vereinigten Staaten von Amerika. 

In den USA regiert ein Fernsehstar, ein notorischer Lügner. Die Menschen haben ihn gewählt, weil sie mit dem System Washington abgeschlossen hatten. Weil sie der immer gleichen, immer anstrengenden Politik überdrüssig waren. 

Seitdem erodiert in den USA die Demokratie. Privates Geld und staatliche Macht vermengen sich zu einer gefährlichen Mischung, die sich von US-Präsident Donald Trumps chaotisch geführtem Weißen Haus in einem Strom aus Lügen über das Land ergießt. 

Die Wahrheit ist in den USA unter Trump zum umkämpften Subjekt geworden. Und der Besitzer des größten Fernsehanbieters des Landes will dafür sorgen, dass er derjenige ist, der diesen Kampf gewinnt. 

“Der konservative Gigant”: 173 Fernsehstationen, eine politische Botschaft 

Der Name dieses Mannes ist David D. Smith. Ihm gehört das größte Fernsehimperium der USA, die von seinem Vater gegründete Sinclair Broadcasting Group. Zu diesem Imperium gehören 173 Lokalsender überall in den USA, viele von ihnen Ableger der großen TV-Stationen Fox News, ABC oder NBC. 

Im vergangenen Jahr gab Sinclair zudem bekannt, den Konkurrenten Tribune Media zu kaufen. Wird der Deal von der staatlichen Kontrollagentur genehmigt, kämen 42 weitere Lokalsender kämen zum Portfolio der Firma dazu. Sinclair würde dann über 70 Prozent aller US-Haushalte mit ihren Nachrichten erreichen können. 

Eine unglaubliche Monopolstellung. Und eine gefährliche. 

Denn Sinclair ist keine neutrale Quelle der Berichterstattung, sondern ein “konservativer TV-Gigant”, wie die “New York Times” das Fernsehimperium einmal beschrieb. 

► Sinclair verbreitet auf seinen Sendern sogenannte “Must-runs” – Beiträge, die jeder angehörenden Lokalsender senden muss. Die Firma will über diese Beiträge konservative Botschaften verbreiten und greift mit ihnen direkt in die freie Berichterstattung ihrer Sender ein. 

► So macht Sinclair auf seinen Sendern Stimmung gegen Muslime, gegen demokratische Politiker, gegen den Klimawandel und gegen liberale Medien. Zugleich preist es alles, was konservativ ist. 

► Das US-Nachrichtenportal “Politico” veröffentlichte im vergangenen Sommer ein Memo des Vize-Direktors von Sinclair, das das Selbstverständnis des Unternehmens verdeutlicht. Darin heißt es, die “parteiischen” Mainstream-Medien würden Sinclair diskreditieren und hätten eine “Agenda, uns zu zerstören”. 

Mehr zum Thema: Wie liberale US-Medien versuchen, Donald Trump loszuwerden – und rechte Medien ihn retten wollen

Sinclair behauptet zwar, dass seine Nachrichtensender fair und unparteiisch berichten würden. Doch am Osterwochenende wurde klar, wie fern ab der Realität diese Einschätzung ist. 

Sinclairs synchrone Fake-News-Botschaft 

Denn da schickte die Sinclair Group eine Botschaft an alle ihre Sender, die von jedem dieser Sender vor der eigentlichen Nachrichtensendung verlesen werden musste. Die Nachrichtensprecher wurden schlichtweg gezwungen, Sinclairs Botschaft zu verbreiten. 

Und diese Botschaft hat es in sich: 

“Unsere größte Verantwortung ist es, unseren Gemeinden zu dienen. Wir sind extrem stolz auf die Qualität unseres unparteiischen Journalismus. Aber wir machen uns Sorgen über einen unverantwortlichen Trend. Den Trend einseitiger Berichterstattung in unserem Land. Das Teilen von falschen und parteiischen Nachrichten in den sozialen Medien ist zu normal geworden. Noch schlimmer ist, dass viele Medienunternehmen diese falschen Geschichten berichten. Geschichten, die einfach nicht wahr sind, und die nicht überprüft werden. Viele Medien wollen ihre eigene Agenda voranbringen und glauben zu wissen, was die Menschen denken. Das ist eine Gefahr für unsere Demokratie.”  

Es ist ein absurdes Schauspiel: Ein Nachrichtenimperium, das eine lange Geschichte der konservativen Voreingenommenheit vorweist, klagt darüber, dass “viele Medien” parteiisch berichten würden. 

Und parteiisch heißt für Sinclair in diesem Fall: Kritisch über Donald Trump berichten. 

Privatisierte Propaganda für den US-Präsidenten

Der hat den Angriff auf die angeblichen “Fake News” der liberalen Medien in den USA zu einer politischen Plattform gemacht. Eine Plattform, die Sinclair bedient – und das sehr zur Freude des US-Präsidenten. 

Nachdem es massive Kritik an der ans russische oder chinesische Staatsfernsehen erinnernden Osterbotschaft der Sinclair-Sender gehagelt hatte, twitterte Trump am Dienstag: 

“Die Fake News Netzwerke, die ganz bewusst ihre kranke und parteiische Agenda haben, sind besorgt über die Konkurrenz und die Qualität von Sinclair Broadcast.”

Schon am Sonntag hatte Trump über Sinclair getwittert und behauptet, das Unternehmen mache weit bessere Nachrichten als CNN, MNSBC und andere eher liberalere US-Sender. 

Gemeinsam mit Trumps landesweit ausgestrahltem Haus- und Hofsender Fox News bildet das Lokalimperium von Sinclair so ein privates Propaganda-Netzwerk, das die gesamte USA abdeckt

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Und Sinclair spielt in diesem Netzwerk eine weit gewichtigere Rolle, als es das viel bekanntere Fox News tut. 

Die lokal-globale USA und das Ende der Wahrheit

Denn nicht nur könnte Sinclair mit seinen Sendern bald mehr als Zweit Drittel aller US-Amerikaner erreichen – und das obwohl das Gesetz bis zu einer Änderung durch die Trump-Regierung vorsah, dass kein einzelnes Medienunternehmen eine Marktreichweite von mehr als 39 Prozent haben darf. 

Sinclair hat auch einen enormen Einfluss. Denn in den USA sind die lokalen Fernsehsender für einen großen Teil der Menschen – vor allem an Trumps Basis – noch immer die wichtigste Quelle ihrer Nachrichten.

Bei einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Gallup im August 2017 gaben 37 Prozent der Befragten an, “sehr häufig” die Lokalnachrichten zu schauen. Im Vergleich zu anderen Nachrichtenquellen ist der Konsum enorm: 

► Nachrichtenseiten im Internet klickten 33 Prozent der Befragten “sehr häufig”, landesweite Nachrichten auf Sendern wie CNN oder Fox News wurden nur von 26 Prozent der Befragten “sehr häufig” gesehen, Zeitungen lasen nur 18 Prozent “sehr häufig” – und 20 Prozent holten sich ihre Nachrichten in den sozialen Netzwerken. 

Sinclair dominiert somit den wichtigsten Nachrichtenmarkt in den USA – und das mit konservativen, unkritisch auf Trump und seine Anhänger zugeschnittenen sowie seinen Sendern aufgezwungenen Berichten. 

In der Chefetage der Sinclair Broadcasting Group sieht man das alles nicht so wild. “Unsere Kritiker versuchen mit allen Mitteln, uns eine nicht-wirtschaftliche oder böse Absicht zu unterstellen, die gar nicht existiert”, sagte Konzernchef Christopher S. Ripley der US-Nachrichtenseite “Axios”. 

Das klingt nach: Niemand hat die Absicht, eine Medienmauer zu errichten. 

Willkommen in der Post-Demokratie. 

(mf)