POLITIK
14/07/2018 10:58 CEST | Aktualisiert 14/07/2018 16:33 CEST

Oxford-Historiker erklärt, was die größte Gefahr für den Westen ist

Top-News To Go.

Im Video oben: Deutscher Politiker spricht über Krieg des Westens, den die meisten übersehen. 

Timothy Garton Ash ist Professor für Europäische Studien und Oxford. Und einer, der sich intensiv damit beschäftigt, was gerade in Europa passiert. Wie sich Europa verändert. Im Interview mit dem “Spiegel” erklärte er, was aus seiner Sicht die größte Bedrohung für den Westen ist.

► “Im Moment kommen die größeren Gefahren von innerhalb des Westens”, sagte er. Das heißt: Der Westen ist laut Garton Ash eher dabei, sich selbst zu demontieren, als von außen angegriffen zu werden.

Der Historiker bezieht sich dabei auf Rechtspopulisten, wie er sie in Osteuropa, auf Frankreich, die Niederlande, Österreich und Bayern beobachtet.

► Auf längere Sicht aber vermutet Garton Ash, dass der Aufstieg Chinas den Westen in Schwierigkeiten bringen werde, geopolitisch und ideologisch.

“China fordert die westliche Demokratie politisch heraus, weil es politische Legitimität nicht durch demokratische Wahlen, sondern durch Effizienz begründet”, sagte Garton Ash dem Nachrichtenmagazin. Chinas Präsident Xi Jinping sage offen, dass er das chinesische Modell exportieren wolle.

Mehr zum Thema: Ex-Nato-General warnt: Die EU sei ein “impotenter Zwerg”

Welche Fehler der Historiker dem Westen vorwirft:

Der Historiker sagte dem “Spiegel”, lange habe es zum politischen System des Westens mit Demokratie und Wohlfahrtsstaat global keine größere Konkurrenz gegeben, und so habe man Entwicklungen verschlafen. 

► Man habe des Bedürfnis der Menschen nach Identität vernachlässigt, das zeige sich nun in der Migrations- und Islamdebatte. Es brauche einen liberalen Patriotismus.

► Wirtschaftliche und soziale Solidarität sei ins Hintertreffen geraten. Er sieht eine massive Schere etwa zwischen kosmopolitischen Hochgebildeten und anderen, die sich verachtet fühlten.

► Im Deutschlandfunk Kultur monierte er kürzlich die Diskussionskultur. “Ich glaube tatsächlich, dass wir in Westeuropa und im Westen (...) eine gewisse Einengung des Diskurses erlebt haben, die scheinbar liberal, aber eigentlich illiberal war. Das heißt, es gab zu viele Themen, die tabu waren. Zum Beispiel die echten Besorgnisse der Menschen über Einwanderung und eine Minderheit muslimischen Glaubens.”

Was ihr noch wissen müsst:

In beiden Interviews verwies Garton Ash darauf, dass er als Historiker auf Liberalisierung, Globalisierung und Demokratisierung eine Gegenrevolution erwarte.

“Das waren wirklich revolutionsartige Änderungen. Und das, was wir bei Putin, Orban oder Xi Jinping sehen, ist eine bewusste Reaktion darauf – und sie trägt reaktionäre Züge”, sagte er dem Deutschlandfunk.