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29/07/2018 15:57 CEST | Aktualisiert 29/07/2018 15:57 CEST

Ein Hauch Exotik im Tessin

Tee, Reis und Yuzu wachsen nur auf fernen Kontinenten? Von wegen! Auch in der Südschweiz wird geerntet. Das einzigartigeMikroklima in der Gegend um Locarno macht den Anbau möglich

Mit Teeanbau hatten die deutsche Pianistin Ida Hofmann, der belgische Industriellensohn Henri Oedenkoven und die Österreicher Karl und Gustav Gräser nichts im Sinn, als sie 1900 auf der Suche nach einer Lebensform zwischen Kapitalismus und Kommunismus die „vegetabile Cooperative“ auf dem Monte Monescia gründeten.

© Cornelia Lohs
Blick vom Monte Verità auf Ascona

Den 321 Meter hohen Hügel über Ascona tauften sie kurzerhand in Monte Verità um, sollte der neue Name doch das Bemühen, wahrhaftig zu leben, zum Ausdruck bringen. Die Siedlungsgemeinschaft auf zunächst strikt veganer, später vegetarischer Grundlage, zog Anarchisten, Künstler, Intellektuelle, Nudisten und während des Ersten Weltkrieges auch zahlreiche Emigranten an. 1920 war es mit dem Traum des alternativen Lebens vorbei. Hofmann und Oedenkoven wanderten nach Brasilien aus, die Brüder Gräser nach Deutschland.

Casa Anatta ©Cornelia Lohs

Der deutsche Bankier und Kunstsammler Eduard von der Heydt erwarb den „Berg der Wahrheit“ 1926, zog ins Gründerwohnhaus Casa Anatta ein und machte den Hügel zum Ferienort von Geld, Adel und Bauhauskünstlern. Nach seinem Tod ging der Berg testamentarisch an den Kanton Tessin. Heute ist die Casa Anatta ein Museum, das auf drei Etagen die wechselhafte Geschichte des Monte Verità erzählt.

Statt Vegetarismus, Nudismus und Kunst umweht den Monte Verità Dank des „Teephilosophen“ Peter Oppliger seit 2005 ein Hauch von Fernost. Der Luzerner Drogist pachtete Boden von der Stiftung Monte Verità und pflanzte auf dem legendären Hügel, der als Kraftort gilt, die erste offizielle Grüntee-Plantage in Europa. Nach japanischem Vorbild baute er die immergrüne Camellia sinensis in schwungvoll verlaufenden Reihen an.

©Cornelia Lohs
Die Teeplantage auf dem Monte Verità

Der Teegarten umfasst rund 1400 Pflanzen, einen Zen-Garten mit Pavillon und das Teehaus Casa del Tè Monte Verità, in dem jeden 1. und 3. Samstag des Monats eine japanische Teezeremonie stattfindet (https://casa-del-te.ch). Im Januar 2017 haben Katrin und Gerhard Lange, Inhaber des Berner „Länggass-Tee“, die Plantage übernommen.

©Cornelia Lohs
Japanische Teespezialisten während des Erntefestes

Produziert wird wenig. „Beim jährlichen Tee-Ernte-Fest im Mai zeigen japanische Teespezialisten den Besuchern, wie der Tee wächst, gepflückt und verarbeitet wird. Die Ernte liegt bei vier Kilo, aber die sind am Ende des Tee-Ernte-Festes verkauft“, so Katrin Lange. Während des ganzen Jahres finden in der Casa del Tè kulturelle Anlässe und Workshops rund um den Tee statt. Der Tee, der dazu serviert wird, kaufen die Langes vor Ort in Asien ein.

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Casa del Tè auf dem Monte Verità

Das nördlichste Risotto-Reisfeld der Welt liegt am Ortsrand von Ascona und gehört dem Landwirtschaftsgut „Terreni alla Maggia“, auf dem seit über 80 Jahren Hartweizen, gelber, weißer und roter Polentamais, Weine und neuerdings auch Whiskey produziert werden. 1997 entstand die Idee, auf 80 der 150 Hektar Land der Terreni Reis anzubauen. Man entschied sich für die junge Sorte Loto aus dem Piemont, dessen Rundkorn sich hervorragend für die Zubereitung von Risotto eignet.

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Reisähren der Terreni alla Maggia

„Dank des voralpinen milden Klimas, der Nähe zum Lago Maggiore und dem Maggia-Delta wächst der Reis hier auf sehr fruchtbarem Boden“, erklärt Agronom Fabio del Pietro, Leiter des Landguts. Der Loto benötigt nur eine Reifezeit von 150 Tagen, sodass er vor dem ersten Frost geerntet werden kann. „Je nach Sommerwetter ernten wir Ende September/Mitte Oktober. Ist der Sommer gut, beträgt die Produktion 400 bis 450 Tonnen Reis“, so Fabio del Pietro. Der Reis wird im Trockenverfahren angebaut, das heißt, anders als in Asien oder im benachbarten Italien stehen die Reispflanzen nicht im Wasser.

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In der Enoteca Alimentare des Landwirtschaftsguts werden die Produkte der Terreni alla Maggia verkauft

Gleich neben dem Landwirtschaftsgut liegt das Luxushotel Castello del Sole, wo Küchenchef Mattias Roock im Restaurant „Locanda Barbarossa“ die Produkte der Terreni alla Maggia zu Gourmet-Gerichten verarbeitet. Der Hamburger, der seine Ausbildung zum Koch im Kempinski Hotel Atlantik Hamburg absolvierte und seit Jahresende 2016 für das Castello del Sole arbeitet, wurde für seine Kreationen im Oktober 2017 mit einem Michelin-Stern geadelt.

Mattias Roock ©Castello del Sole

Unter den 17 Gerichten, die täglich wechseln, stehen auch vegetarische und vegane sowie mindestens zwei Risotto-Varianten auf der Karte – verwendet wird ausschließlich Loto, der direkt vor der Haustür wächst. Zu den exotischen Gewürzen in der Küche zählen Yuzu und Finger Lime. „Mein Vorgänger hat die Yuzu-Pflanze vor über 15 Jahren in die Schweiz gebracht, da wusste noch kein Mensch, was Yuzu ist“, erzählt Mattias Roock. In Japan wird die Limonenart zusammen mit Salz und Pfeffer als Gewürz verwendet. In der Küche des Sternekochs ebenso, denn die Yuzu wächst im hoteleigenen Garten. Ein weiterer exotischer Gast in Roocks Küche ist die fingerähnliche australische Limette “Finger Lime”. „Es ist interessant, damit zu arbeiten, weil das Fruchtfleisch nicht wie bei üblichen Zitronen lamellenförmig ist, sondern aus Perlen besteht, die man wie Kaviar über das Essen streuen kann“, erklärt der Sternekoch. Die kleinen platzenden Kügelchen sind auch als Limettenkaviar bekannt.

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Mattias Roocks Risotto mit grünem Spargel

Pfeffer wächst im Tessin zwar nicht, dafür im Maggiatal aber das Pfeffergeheimnis um den schwarzen „Pepe Valle Maggia“. Erfunden hat das Gemisch aus schwarzem grob gemahlenem Pfeffer, einheimischen Kräutern, Weißwein und einer Nuance Grappa der Tessiner Virgilio Matasci vor über 40 Jahren. Der „Schwarze aus dem Maggiatal“, der jedes Gericht bereichert, hat längst Kultstatus erlangt. Das Restaurant „La Fontana“ im Hotel Belvedere in Locarno hat dem Pfeffer mit dem „Bisquit al Pepe della Valle Maggia“ sogar ein Dessert gewidmet.

© Cornelia Lohs

Hoteltipp: Belvedere in Locarno

Das Hotel aus der Belle Epoche liegt auf einem Hügel über der Altstadt. Alle 90 Zimmer sind nach Süden mit Blick auf die Berge und den Lago Maggiore ausgerichtet und verfügen zum großen Teil über einen Balkon oder eine Loggia. Eine Reihe gerahmter historischer Plakate der über 60 Ausgaben des Internationalen Filmfestivals von Locarno auf zwei Etagen zeugen davon, dass das Belvedere offizielles Partnerhotel des Festivals ist. Während des elftägigen Events im August begegnet man schon mal dem einen oder anderen Star in der Lobby oder im Restaurant. Der Oasi Spa des Hotels verfügt über einen Fitnessraum mit See- und Bergblick, eine Sauna, ein Hallenbad mit Außenbecken und einen Garten mit Liegewiese. DZ je nach Saison und Wochentag ab 189 CHF (www.belvedere-locarno.com/de).

© Cornelia Lohs
Garten des Belvedere. Vom Bahnhof in Locarno fährt eine Standseilbahn hinauf nach Orselina. Sie hält bei Bedarf am Hotel und in Madonna del Sasso