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20/06/2018 17:33 CEST | Aktualisiert 20/06/2018 17:33 CEST

Ein Brief aus Mossul

Reise durch eine zerbombte Stadt mit Trümmerbergen und Leichengeruch.

UNITED NATIONS HIGH COMMISSIONER FOR REFUGEES
Angelina Jolie in der irakischen Stadt Mossul.

Es war die größte und längste Schlacht um eine Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg: die Schlacht, in der das irakische Mossul von der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) zurückerobert werden sollte.

Die Freiheit kostete einen schrecklichen Preis: Tausende Zivilisten wurden getötet und große Teile der Stadt wurden in Schutt und Asche gelegt.

Als wären die Waffen erst gestern verstummt

Der Ostteil Mossuls wurde größtenteils verschont, aber der Westen liegt ein Jahr nach Ende der Kämpfe weiterhin in Trümmern. Als ich dort stand, fühlte es sich an, als wären die Waffen erst gestern verstummt.

Wenn wir aus den Geschehnissen des vergangenen Jahrzehnts im Nahen Osten und in Afghanistan etwas gelernt haben, dann das: Wenn einem militärischen “Sieg” keine wirksamen Stabilisierungsmaßnahmen folgen, dreht sich die Gewaltspirale nur weiter.

Man würde daher denken, dass in dieser Situation nichts wichtiger ist als der Versuch, extremistische Gewalt niemals nach Mosul zurückkehren zu lassen. Man würde erwarten, dass der Wiederaufbau einer Stadt, die ein Symbol der Vielfalt, des friedlichen Zusammenlebens und des kulturellen Erbes ist, oberste Priorität hat.

Man könnte sich vorstellen, dass die Straßen von West-Mossul voll wären mit Baumaschinen, mit Experten zur Minenräumung, Architekten, Planern, Regierungsbehörden, Nichtregierungsorganisationen und Welterbeexperten, die dem Irak aus Basis eines Materplans technische Hilfe beim Wiederaufbau der Stadt leisten.

Verlassen, zertrümmert, apokalyptisch

Aber ein Jahr später wirkt West-Mossul verlassen, zertrümmert und apokalyptisch.

Mauern, die noch stehen, sind von Schüssen durchsiebt. Die Straßen sind unheimlich und still: Tausende ehemalige Einwohner der Stadt wohnen nun in Lagern und umliegenden Gemeinden, weil es in der Stadt nichts mehr gibt, wohin sie zurückkehren können. Stinkende Leichen liegen auf den Trümmern und warten darauf, eingesammelt zu werden.

In Straßen, die komplett unbewohnbar aussehen, tragen wenige traumatisierte Familien mit ihren bloßen Händen die Trümmer ihrer Häuser ab und trotzen der Gefahr, die von den übriggebliebenen, versteckten Sprengstoffen ausgeht. In der vergangenen Woche gab es in einem Haus eine Explosion, in der 27 Menschen verletzt und getötet wurden.

Noch schlimmer als der physische Ruin der Stadt ist der unsichtbare Schaden, den der Krieg in der Psyche der Menschen anrichtet. Zurückkehrende Bewohner haben die Häuser verloren, in denen ihre Familien seit Generationen lebten; ihren Besitz, ihre Ersparnisse, sogar die Ausweispapiere. Verschiedene Glaubensgemeinschaften, die früher Seite an Seite lebten, sind auseinandergerissen worden und leben jetzt getrennt.

Eltern, die ihrer Tochter beim Sterben zusehen mussten

Ein Mann, der auf mich zukam, erzählte mir mit Tränen in seinen Augen, wie er von Militanten ausgepeitscht wurde.

Ein Kind erzählte mir von einem Mann, der vor seinen Augen auf der Straße getötet wurde.

Ein Elternpaar beschrieb den Morgen, an dem seine Tochter im Teenageralter von einer Mörsergranate getroffen wurde. Ihre Beine wurden weggerissen und es blieben nur hervortretende, zerbrochene Knochen zurück. Sie trugen sie ins Krankenhaus und baten um medizinische Hilfe, doch sie wurden fortgeschickt und ihre Tochter verblutete in ihren Armen.

Das Leid lässt sich nicht beziffern

Ungerechtigkeit und Leid in dieser Größenordnung lässt sich nicht messen. Dass die Menschen, die diese Erfahrungen überlebt haben, danach alleine gelassen wurden, ist völlig falsch und zutiefst beunruhigend. Die Kluft zwischen dem, was diesen Menschen zusteht und wie rasch sie von der Welt vergessen wurden, ist schockierend.

Ich fragte mich, ob wir zu einem anderen Zeitpunkt in der Geschichte anders auf das reagiert hätten, was in Mossul geschehen ist. Hätten wir nach der Befreiung Europas nach dem Zweiten Weltkrieg so reagiert, wie wir es haben, und sie mit Wiederaufbauhilfe überhäuft?

Ich dachte auch an die Überlebenden der Chemiewaffenangriffe, der Bombenangriffe auf Krankenhäuser, der organisierten Vergewaltigungen und an die Zivilisten, die man absichtlich verhungern ließ. All das sind Merkmale der gegenwärtigen Konflikte.

Ich fragte mich, ob wir für menschliches Leid taub geworden sind. Haben wir angesichts unserer jüngsten Geschichte Zweifel an unserer Fähigkeit, im Ausland zu handeln? Haben wir begonnen, das Unerträgliche zu tolerieren? Entscheiden wir selektiv, wann und wo wir Menschenrechte verteidigen, wie lange und in welchem ​​Ausmaß?

“Ground Zero”

In Mossul, so kommt es mir vor, stand ich auf “Ground Zero” der außenpolitischen Fehlschläge der vergangenen zehn Jahre.

Aber ich stand auch an einem Ort, der für die menschliche Fähigkeit zum Überleben und Neuanfang stand. An einem Ort, der zeigt, wie universelle Werte in den Herzen einzelner Menschen überleben können.

Ich denke an einen Vater, den ich kennengelernt habe, und seine Freude, dass seine zwei Töchter nun wieder in die Schule gehen können. Die Familie hatte kein Geld und kein Dach über dem Kopf, und er sprach darüber, als hätte er keinen wertvolleren Besitz als ihre Zeugnisse.

Das stärkste Symbol für den Sieg wäre, wenn jedes Mädchen in Mossul wieder zur Schule gehen und über sich selbst hinauswachsen könnte.

Niemand verlangte etwas von mir

Keine einzige Familie, die ich in West-Mosul kennengelernt habe, verlangte irgendwas von mir. Sie verlassen sich nicht auf unsere Hilfe. Mossul kann seine Geschichte über 3000 Jahre zurückverfolgen – ich bin mir sicher, dass die Menschen diese drei Jahre des Terrors überwinden werden.

Aber wäre es nicht viel besser, die Genesung dieser Stadt als unsere gemeinsame Aufgabe zu sehen, genauso, wie wir den Kampf gegen den IS als unsere kollektive Verantwortung verstanden haben.

Dieser Text erschien im Original bei HuffPost USA und wurde von Jana Greyling aus dem Englischen übersetzt.

(sk)