POLITIK
01/10/2018 18:51 CEST | Aktualisiert 02/10/2018 14:40 CEST

Ein AfD-Abend in Niederbayern zeigt, warum die Partei hier so erfolgreich ist

An diesem Abend präsentiert sich die AfD als eine Art Partei gewordener Stammtisch.

Oben im Video: “Das ist die Sprache Hitlers” – so resümieren Wähler das erste Jahr der AfD im Bundestag.

Die AfD in Niederbayern trägt einen gezwirbelten Schnurrbart, einen grauen Janker und spricht in breitem bairischen Dialekt.

Auch sonst entspricht Manfred Kleinschwärzer, Direktkandidat der Partei für den Landtag, dem Bild eines Bayern, das wohl viele Menschen in Deutschland im Kopf haben – nur ein Freund der CSU ist Kleinschwärzer nicht. Die taugt an diesem Freitagabend höchstens als Feindbild für die AfD.

Zusammen mit knapp 60 anderen sitze ich in einem kleinen, stickigen Raum im Untergeschoss des sogenannten Hauses der Generationen in Mallersdorf-Pfaffenberg, meinem Heimatort mit knapp 7000 Einwohnern in Niederbayern, und höre der Anklage von Kleinschwärzer zu.

Warum gibt es in einem reichen Land wie Deutschland Altersarmut, Obdachlose und unterbezahlte Pfleger, fragt er. Erst danach kommt Kleinschwärzer zur Asylpolitik oder dem Vorwurf, die AfD sei rechtsradikal.

LEONHARD LANDES

Das bestimmende Thema an diesem Abend ist nicht die gefühlte Unsicherheit durch Zuwanderung, sondern die Angst der Menschen vor einer unsicheren Zukunft. 

Es ist ein Abend, der deutlich macht, warum die AfD in der Region so erfolgreich ist. Bei der Bundestagswahl erzielte die Partei im Stimmkreis Mallersdorf-Pfaffenberg 18 Prozent, mehr als im bayerischen Durchschnitt.

Warum ich für die Bayern-Wahl in mein Heimatdorf zurückziehe 

Rente nur für Bayern

Anders als die AfD auf Bundesebene hat die AfD in Bayern ein Rentenprogramm die sogenannten Bayernrente, vorzuweisen. Kleinschwärzer stellt das Programm stolz vor und betont, die sechs Seiten des Flyers, den er in der Hand hält, seien nur ein kleiner Ausschnitt.

Die Bayernrente sieht vor, dass Alleinstehende 1300 Euro und Paare 1700 Euro monatlich an Rente bekommen sollen, wenn sie 20 Jahre lang in Bayern ihre Rentenbeiträge gezahlt haben. 

Wo soll das zusätzliche Geld herkommen, frage ich mich. Aber Kleinschwärzer liefert prompt die Antwort: Die AfD will dafür den Länderfinanzausgleich abbauen. Weniger für den Bund, mehr für Bayern.

“Warum soll Bayern den extravaganten Lebensstil Berlins finanzieren und unsere Rentner müssen Flaschen aus dem Müll fischen, um über die Runden zu kommen?”, lässt sich Kleinschwärzer in der Pressemitteilung der Partei zu diesem Abend zitieren.

Rückt das Paradies weiter weg? 

► Die Partei bedient damit gleich zwei Gefühle.

► Da wäre etwa ein verbreiteter Pessimismus in Bayern. Die Mehrheit der Menschen im Freistaat beurteilt die eigene wirtschaftliche Situation zwar positiv, laut dem Bayerntrend aber blicken 46 Prozent der Wahlberechtigten nicht mit Zuversicht in die Zukunft; unter AfD-Anhängern sind es gar 70 Prozent. 

► Außerdem gibt es im Freistaat immer noch den bayerischen Patriotismus. Er ist an den Stammtischen zu hören. Oder auch bei der CSU zu spüren, wenn Horst Seehofer Bayern als “Vorstufe zum Paradies” bezeichnet. 

Für die AfD ist die CSU an diesem Abend der Feind. Neben Kleinschwärzer stellen sich noch Johann Müller, AfD-Direktkandidat des Stimmkreises Regen-Freyung/Grafenau, und die beiden Kandidaten für den bayerischen Bezirkstag, Markus Hesse und Thomas Seidl, vor. 

Müller, ein ernst wirkender Mann mit akkurat gescheiteltem Haar und Brille, spricht kein einziges Mal über die Asylpolitik. Sein wichtigstes Thema: Infrastruktur. 

Die CSU wird attackiert 

Er kommt aus dem Bayerischen Wald, ein Mittelgebirge an der Grenze zu Tschechien. Die Region galt einst als “Armenhaus Bayerns”, mittlerweile ist die Arbeitslosigkeit gesunken, die maroden Straßen und die Funklöcher aber sind geblieben. Über den Dialekt der Menschen aus dieser Region macht sich selbst der Rest Bayerns lustig. 

Müller spricht über eine Brücke in seinem Landkreis, die dringend saniert werden müsste. Der damalige CSU-Verkehrsminister Alexander Dobrindt habe sich die Brücke vor der Bundestagswahl angesehen und Geld für Bauarbeiten versprochen – doch das Geld sei nie angekommen. 

Auch Thomas Seidl wirft der CSU vor, nur dann zu erscheinen, wenn die Presse oder ein Buffet warten. An Seidls Vortrag lässt sich deutlich erkennen, welchen Kurs die AfD in Niederbayern einschlägt. 

Die Menschen hier, besonders die AfD-Kandidaten selbst, sind enttäuscht von der Politik und von der CSU. Seidl nennt den einstigen Ministerpräsidenten und CSU-Chef Franz Josef Strauß den ”Übervater”. Die jetzige CSU ist aber nicht mehr seine politische Heimat: “Die CSU ist links abmarschiert”, sagt er und zeigt mit seinem Arm Richtung Fenster, “und ich bin weiter gerade aus”.

dpa
Franz Josef Strauß 1976 bei einer Rede. 

Mehrmals an diesem Abend geht es um Skandale der etablierten Parteien in der Region. Der Regener SPD-Landrat Michael Adam trat 2017 nach mehreren Kontroversen nicht mehr an. In Geiselhöring, fünfzehn Autominuten von Mallersdorf-Pfaffenberg entfernt, soll ein Landwirt 2014 zugunsten seiner Ehefrau, ehemalige CSU-Stadträtin, die Kommunalwahl manipuliert haben.

Kein Rassismus vor 2015? 

Natürlich ist auch der Islam und Rassismus in Deutschland Thema an diesem Abend.

Kleinschwärzer etwa meint, Rassismus habe es vor 2015 nicht gegeben. Keiner im Raum widerspricht, wie als flogen etwa 1991 in Hoyerswerda oder ein Jahr später in Rostock-Lichtenhagen nicht Brandsätze auf von Migranten bewohnte Häuser. 

Vom Nationalsozialismus distanziert sich der AfD-Mann klar. Sein Vater sei im KZ Dachau gelandet, erzählt er.

Dann aber relativiert er die rechtsextremen Umtriebe in der eigenen Partei: Braune Flecken gebe es in jeder Partei, sagt er. Und der braune Fleck der AfD, gemeint ist Thüringens Landeschef Björn Höcke, lasse sich nur schwer aus der Partei entfernen. Über die anderen AfD-Politiker, denen rechtsradikale Positionen vorgeworfen werden, sagt er nichts. 

Dann stellt ein Asylbewerber eine Frage

Insgesamt aber gibt sich die Partei gemäßigter an diesem Freitagabend als etwa die Fraktionschefs im Bundestag, Alice Weidel und Alexander Gauland. Als einmal ein Asylbewerber eine Frage stellt, kommt es zu einem aufschlussreichen Wortwechsel mit AfD-Mann Kleinschwärzer. Der Asylbewerber will wissen, warum die Partei gegen Kopftuch und Vollverschleierung sei. 

Gegen das Kopftuch habe er nichts, sagt Kleinschwärzer. Aber die Vollverschleierung lehnt er ab, weil hier nicht sichtbar sei, wer sich darunter verbirgt. Was, wenn es ein Mann mit einem Bombengürtel sei? Außerdem würde Frauen die Vollverschleierung aufgezwungen werden. 

Der Asylbewerber widerspricht. Manche Frauen würden sich freiwillig verschleiern, das könne man ihnen doch nicht verbieten. Die anderen Zuhörer lachen, auch Kleinschwärzer will dieses Argument nicht glauben. 

Ein AfD-Politiker, der nicht gegen das Kopftuch wettert? “Gell, die sind gar nicht so”, sagt mir ein Bekannter zum Abschluss, der auch zu der Veranstaltung gekommen war. 

Der Partei gewordene Stammtisch 

An diesem Abend präsentiert sich die AfD als eine Art Partei gewordener Stammtisch. Der Name von Bayerns Übervater Strauß fällt mehrmals. Auch SPD-Legende Herbert Wehner wird erwähnt.

Kleinschwärzer wirft den anderen Parteien mangelnden Anstand im Umgang mit der AfD vor – und sagt, Wehner hätte dem Grünen-Politiker Cem Özdemir eine Watschn gegeben für dessen ungestüme Attacken auf die AfD. 

Die AfD-Politiker und ihre Zuhörer scheinen sich in die Zeit zurückzusehnen, als sich Wehner und Strauß Rededuelle lieferten – und die Welt noch übersichtlicher war als 2018. Für diejenigen, die es sich wünschen, vermittelt dieses Gefühl die AfD derzeit offensichtlich besser als die CSU. 

“Wir sind das Original”, ruft AfD-Mann Seidl am Ende selbstbewusst.

(ben)