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14/02/2019 17:24 CET | Aktualisiert 14/02/2019 17:24 CET

Eifersucht: Wir haben Singles und Paare gefragt, wie sie am besten damit umgehen

6 Menschen berichten, welche Rolle Eifersucht in ihrem Leben spielt.

fizkes via Getty Images

Es ist Winter 2016, ich sitze in einem Baumhaus in Südspanien – vor ein paar Tagen sind Vincent und ich hier im Dorf  Valle de Sensaciones in der Nähe Granadas angekommen. Gefühlt sind hier alle polyamor – das heißt, die Bewohner des Dorfes führen ein Liebesleben, bei dem man mehrere Menschen lieben und feste Partner haben darf. Eifersucht ist deswegen ein Thema, das viel diskutiert wird. 

Vincent und ich fühlen uns zueinander hingezogen, und obwohl wir kein Liebespaar sind, fühle ich manchmal Eifersucht: Wenn er viel Zeit mit den anderen Frauen verbringt, zum Beispiel, oder wenn er mit ihnen tanzt. Auch Vincent sagt zu mir: “Du gehst häufig mit Lucas rauchen – ich habe den Eindruck, ihr versteht euch besonders gut, und das macht mich eifersüchtig.”

Wer verspürt mehr Eifersucht – Singles oder Paare?

In einer monogamen Beziehung verspüre ich normalerweise keine Eifersucht – vor allem nicht, wenn ich mit meinem Partner schon länger zusammen bin. Ich frage mich, ob dieses Gefühl, eifersüchtig zu sein, sich für Singles vielleicht stärker anfühlt und häufiger vorkommt, als man glaubt – weil sie nicht die Sicherheit einer festen Beziehung haben.

“Eifersucht ist ein Gefühl, dass ganz individuell definiert und wahrgenommen wird”, sagt Paar- und Sexualtherapeutin Birgit Neumann-Bieneck im Gespräch mit der HuffPost.

“Ob man eifersüchtig ist, hat eigentlich nichts mit dem Beziehungsstatus zu tun – schließlich kann ich auch eifersüchtig sein, wenn meine beste Freundin sich mit anderen Leuten trifft oder wenn ein Arbeitskollege bevorzugt behandelt wird.”

Laut der Expertin definiert jeder Mensch Eifersucht anders und geht unterschiedlich mit ihr um: “Der eine sagt zum Beispiel, er findet es nicht so toll, wenn die Partnerin sich mit jemand anderem trifft, kann das aber tolerieren. Andere reagieren heftiger, für sie ginge so ein Verhalten gar nicht.”

Wir haben Menschen gefragt: Welche Rolle spielt Eifersucht in deinem Leben?

Eifersucht ist offensichtlich eine komplexe Emotion, die aus verschiedensten Gründen entstehen kann und sich für jeden Menschen anders anfühlt. Um dieses vage Gefühl, das wir wahrscheinlich dennoch alle kennen, näher zu erforschen, haben wir von der HuffPost Menschen mit und ohne Beziehung gefragt: Welche Rolle spielt Eifersucht in deinem Leben?

Und: Was ist eigentlich das Gegenteil von Eifersucht? Manchmal lässt sich ein komplexer Sachverhalt eindeutiger erklären, wenn man genau definiert, was ihn eben nicht ausmacht. Erstaunlicherweise haben fast alle Befragten etwas anderes geantwortet – Neumann-Bieneck sagt dazu übrigens: 

“Das Gegenteil von Eifersucht ist Souveränität. Wenn ich meiner Selbst sicher bin, kann ich auch die anderen frei gewähren lassen – egal ob es sich um den Partner oder den besten Kumpel handelt. Ich spüre, ich bin trotzdem wichtig genug. Meine Position und Einmaligkeit ist nicht gefährdet.”

“Heute bin ich weniger eifersüchtig als mit Anfang 20”

Annika (Name von der Redaktion geändert), 30, ist seit eineinhalb Jahren Single.

“Ich kann bloßen Sex von Gefühlen zwar trennen, trotzdem kenne ich auch als Single das Gefühl, eifersüchtig zu sein. Zumindest ansatzweise. Wenn ich zum Beispiel eine Affäre mit jemanden habe, der neben mir noch eine andere Frau trifft, beschäftigt mich das schon – auch wenn ich in solchen Situationen noch nicht von Eifersucht sprechen würde. 

In einer festen Beziehung bin ich in der Regel eifersüchtiger, zumindest am Anfang, bis man austariert hat, wie der andere so drauf ist. Ich hatte mal einen Freund, der sehr viele weibliche Kumpels hatte und mit denen er sehr eng war – die haben zum Beispiel auch beieinander übernachtet. Das hat anfangs schon für Diskussionen gesorgt – war dann aber später in Ordnung.

Eifersucht spielt eigentlich generell keine große Rolle in meinem Leben, vor allem mit zunehmenden Alter nicht: Situationen, die mich mit Anfang 20 vielleicht noch beunruhigt hätten, kann ich heute entspannter betrachten.” 

Das Gegenteil von Eifersucht ist: tiefes Grundvertrauen in den Partner

Das sagt die Expertin Neumann-Bieneck zu Eifersucht in Verbindung mit Alter: 

“Eifersucht kennt meiner Meinung nach kein Alter – es kommt eher darauf an, wie man sich mit seinen Gefühlen auseinandersetzt. Ich habe in meiner Praxis zum Beispiel Paare erlebt, die seit 40 Jahren zusammen sind und genauso eifersüchtig wie am Anfang der Beziehung – aber sie haben sich mit ihrer Eifersucht arrangiert. Andere wiederum arbeiten lieber daran, weil sie sich dadurch eingeschränkt fühlen.”

Mehr zum Thema: Wer hat den besseren Alltag? Singles und Paare antworten

“In einer festen Beziehung war ich noch nie eifersüchtig”

Julius, 25, ist seit drei Jahren Single.

“Das Gefühl von Eifersucht kenne ich, ehrlich gesagt, nur als Single: Wenn ich zum Beispiel jemanden toll finde und mir mit der Person etwas Ernsteres vorstellen könnte, fühle ich mich schneller verunsichert, wenn sie von einem anderen Mann spricht. 

In einer festen Beziehung war ich hingegen noch nie eifersüchtig. Schließlich weiß ich dann ja, dass meine Partnerin auf mich steht und ich auf sie. Warum sollte ich eifersüchtig sein? Wenn ich mir meiner Partnerin nicht sicher bin, warum sollte ich mir dann das ganze Beziehungsdrama antun?

Ich glaube, Eifersucht hängt letztlich mehr mit dem Charakter als mit dem Beziehungsstatus zusammen. Vermutlich sind Menschen, die nicht gut mit sich selbst allein sein können und die ihre Partner vor allem in einer identitätsstiftenden Funktion wahrnehmen, schneller eifersüchtig. Sie verlieren einen Teil ihrer selbst, wenn sie den Partner verlieren – also haben sie auch mehr Angst und verspüren häufiger Eifersucht.

Diese Art von Verlustängsten hatte ich in meinen Beziehungen nicht. Ich dachte immer: Okay, wenn meine Freundin mich hintergeht, dann trenne ich mich von ihr und habe wieder mehr Zeit, um Videospiele zu spielen. Auch gut.”

Das Gegenteil von Eifersucht ist: Arroganz

Das sagt die Expertin zu Eifersucht und Selbstwert:

“Manche Menschen fühlen sich generell sehr unsicher und haben ein niedriges Selbstwertgefühl – das kann mit negativen Erfahrungen zusammenhängen, weil man zum Beispiel in der Kindheit das Grundvertrauen nicht genug ausbilden konnte oder sich als Kind nicht genügend geliebt gefühlt hat. Solche Menschen neigen dann häufiger zu Eifersucht.”

“Solange ich keinen festen Partner habe, bin ich nicht eifersüchtig”

Nadine, 28, ist seit einem halben Jahr Single.

“Da ich eigentlich die meiste Zeit meines Lebens Single war, hat Eifersucht bisher keine große Rolle für mich gespielt: So lange ich keinen festen Partner habe, empfinde ich dieses Gefühl einfach nicht.

In der Regel habe ich kein Problem damit, Emotionen und rein körperliches Vergnügen voneinander zu trennen – vorausgesetzt, der Partner und ich klären im Vornhinein die Spielregeln. Das heißt für mich auch: Wenn eine Person und ich nicht offiziell beschlossen haben, zusammen zu sein, sind wir beide ungebunden und können auch mit anderen Partnern machen, was wir wollen.

Schwierig ist es allerdings, wenn wir nicht klären, ob unser Zusammensein etwas Ernstes werden könnte. Wenn bei einer Affäre plötzlich Gefühle im Spiel sind, ist es natürlich wahrscheinlicher, dass einer von beiden eifersüchtig wird. 

Generell finde ich Eifersucht aber nicht immer negativ – solange sie in Maßen bleibt.”

Das Gegenteil von Eifersucht ist: Vertrauen

Das sagt die Expertin zu Eifersucht und Bindung: 

“Wenn ich mich an eine Person binde, öffne ich mich und mache mich dadurch auch verletzlicher. Schließlich möchte ich in einer Beziehung auch eine bestimmte Position einnehmen, dann kommen Unsicherheiten und damit auch Eifersucht häufiger vor. In einer Affäre passiert es in der Regel nicht, dass ich mich emotional binde – dadurch bin ich nicht so verletzlich und seltener eifersüchtig.”

“Eifersucht ist ein schlechtes Zeichen”

Tobias, 32, ist seit sechs Jahren in einer Beziehung. 

“Ich glaube, Singles kämpfen weniger mit Eifersucht als mit Neid. Eifersüchtig zu sein bedeutet ja, dass man Angst hat, den Partner zu verlieren. Wenn man allerdings keinen Partner hat, kann man ihn auch nicht verlieren.

Ich bin mir sicher, dass man nicht eifersüchtig reagiert, wenn man den Tinder-Kontakt mit anderen Menschen teilt (was oft in der Natur solcher Bekanntschaften liegt) – man hat ja nicht Angst, den Tinder-Kontakt zu verlieren, sondern will vielleicht lieber eigentlich eine feste Beziehung mit ihm haben. Man will also etwas dazugewinnen, was man noch nicht hat.

Ich bin davon überzeugt, dass Eifersucht in einer festen Beziehung kein gutes Zeichen ist. Wer Sorge hat, dass die Partnerschaft zu Bruch geht, sucht dann plötzlich nach Zeichen, die das Ende herbeiführen könnten: Dann stört es plötzlich, wenn der Partner abends länger fortbleibt, sich mit anderen Menschen trifft, die Witze von jemand anderem lustig findet. Wer allerdings von seiner Beziehung überzeugt ist, hat keinen Grund, eifersüchtig zu sein.”

Das Gegenteil von Eifersucht ist: Sicherheit

Das sagt die Expertin zu Eifersucht und Selbstsicherheit: 

“Eifersucht entsteht in der Regel, wenn der eigene Selbstwert ins Wanken gerät. Ich habe dann das Gefühl, dass meine Position beim anderen gefährdet ist – zum Beispiel, wenn sich mein Partner mit anderen Frauen trifft.”

“Wenn eine Beziehung nicht gut läuft, wird die Eifersucht stärker”

Chrissi, 27, ist seit zwei Jahren in einer Beziehung.

“Ich kann mir nicht vorstellen, dass Eifersucht als Single wirklich eine Rolle spielt – in einer Beziehung gehört es für mich jedoch dazu, ein wenig eifersüchtig zu sein. Ich finde das Gefühl auch nicht per se negativ: Man zeigt damit ja auch, dass einem der eigene Partner wichtig ist. Wenn ich mir vorstelle, dass mein Freund sich nun jeden Abend bewusst allein mit einer anderen Frau trifft und ich das kein bisschen hinterfrage, dann weiß ich: In der Beziehung stimmt etwas nicht. 

Generell bin ich schon ein wenig eifersüchtig: Mein Freund ist DJ und ist am Wochenende oft die ganze Nacht lang im Club. Natürlich weiß ich, dass er da nur arbeitet und keine Zeit hat, mit anderen Frauen zu flirten – trotzdem bin ich manchmal unsicher. Andererseits will ich mich auch nicht allzu verrückt machen – schließlich läuft unsere Beziehung gut und wir vertrauen uns gegenseitig.

Ich glaube, wenn es in einer Beziehung kriselt, wird die Eifersucht stärker – gerade wenn man sich viel streitet und der Partner dann viel allein unterwegs sein will. Wenn die Eifersucht dann allerdings zur Kontrollsucht wird und man das Bedürfnis hat, das Handy des Partners zu überprüfen oder ihm nachzuspionieren: Spätestens dann sollte man seine Beziehung gründlich überdenken.”

Das Gegenteil von Eifersucht ist: Gleichgültigkeit

Das sagt die Expertin zu Unsicherheit in der Beziehung:

“Häufig geht es auch einfach nur um die Frage: Wie interessiert bin ich an meinem Partner? Wie intensiv möchte ich mich mit ihm auseinandersetzen? Was macht mich unsicher? Unsicherheit ist übrigens auch nicht gleichzusetzen mit Eifersucht. Wenn mein Partner sich häufiger mit anderen Menschen trifft und ich mich dabei unwohl fühle, heißt das nicht automatisch, dass ich eifersüchtig bin – sondern befürchte, dass unsere ursprüngliche Abmachung vielleicht aus dem Blick gerät.”

“Eifersucht ist eine Art Selbstschutz”

Vincent, 29, lebt seit eineinhalb Jahren in einer offenen Beziehung.

“Meine erste Erfahrung mit Eifersucht habe ich letztes Jahr gemacht: Ich führe mit meiner Freundin seit etwa eineinhalb Jahren eine offene Beziehung. Obwohl wir uns das beide so gewünscht haben, ist das nicht immer einfach.

Normalerweise bin ich nicht eifersüchtig – wenn ich mir der Liebe meiner Partnerin sicher bin, kann sie im Prinzip machen, was sie will – mit wem sie es will. Ich vertraue darauf, dass sie immer wieder zu mir zurückkehren wird.

Im letzten Jahr allerdings hat meine Freundin zunehmend bisexuelle Züge entwickelt – das ging so weit, dass sie zwischendurch zweifelte, ob sie überhaupt mit einem Mann zusammen sein kann. Seitdem bin ich jedes Mal eifersüchtig, wenn sie mit einer Frau ausgeht. 

Wir versuchen, viel über Eifersucht zu sprechen und generell offen mit unseren Gefühlen und Erwartungen umzugehen, das hilft mir.

Ich glaube, Eifersucht ist eine Art Selbstschutz: Ich fühle sie nur dann, wenn ich verunsichert bin. Gleichzeitig gibt mir dieses Gefühl Gelegenheit, meiner Partnerin zu sagen, wie wichtig sie mir ist – am Ende bedeutet eifersüchtig sein ja auch: “Du bist ein toller Mensch und ich habe Angst, dich zu verlieren!” Wer weiß, vielleicht hat es sogar etwas Gutes, eifersüchtig zu sein – solange man offen darüber spricht.”

Das Gegenteil von Eifersucht ist: Selbstsicherheit 

Das sagt die Expertin zu Eifersucht in offenen Beziehungskonzepten:

“Polyamore oder offene Beziehungskonzepte sind sehr herausfordernd, denn man muss regelmäßig gemeinsam reflektieren, welchen Stellenwert man hat. Die gegenwärtige Lebenslage hat viel damit zu tun, schließlich bin ich nicht an jedem Tag gleich gut drauf, manchmal fühle ich mich sicherer oder unsicherer.

Auch sollte man darüber sprechen, ob Vorlieben, die der Partner nicht erfüllen kann, ein Zeichen für Krise sind: Denn oftmals haben diese Vorlieben nichts mit der Beziehung zu tun, sondern bestanden vorher schon. Es kann auch sein, dass in bestimmten Verhaltensweisen der Wunsch liegt, sich vom Partner zu entfernen – die Gründe müssten dann im Gespräch geklärt werden.”

Offen über Eifersucht sprechen

Sowohl Singles als auch Paare kennen Eifersucht –  und egal warum und wie wir Eifersucht verspüren: In der Regel ist dieses Gefühl eher negativ für uns. Deswegen rät Neumann-Bieneck:

“Wenn wir Eifersucht verspüren, sollten wir uns immer fragen: Was steckt dahinter? Bin ich einfach nur unsicher? Kriselt die Beziehung? Leide ich an dem Gefühl, oder kann ich mich gut damit arrangieren?”

Wenn wir offen unsere Ängste und Bedürfnisse kommunizieren, können wir besser mit ihnen umgehen und schließen sowohl Frieden mit uns selbst als auch mit dem Partner – und so können wir auch der Eifersucht ihren Einfluss nehmen, sofern sie uns wirklich einschränkt oder belastet.

(kiru)