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13/12/2017 15:18 CET | Aktualisiert 19/12/2017 16:19 CET

Ehemaliger Amazon-Mitarbeiter klagt an: Wir ermöglichen euch tolle Weihnachten und werden selbst nur ausgebeutet

Alles, was wir von Amazon wollen, ist, dass auch wir uns Weihnachten für unsere Familien leisten können.

Lucas Jackson / Reuters

In der Weihnachtszeit shoppen noch mehr Leute über ihre Smartphones, Tablets und Laptops. Bis vor kurzem war ich noch einer der mehreren hunderttausend Mitarbeiter, die euch die Weihnachtszeit versüßen, während ihr gemütlich von zu Hause aus einkauft.

Als ich als Zeitarbeiter bei Amazon arbeitete, war ich stolz auf meinen Job, weil ich dazu beigetragen habe, euch das Einkaufen zu erleichtern. Die Wahrheit ist aber, dass Amazon unsere harte Arbeit in der Weihnachtszeit nicht belohnt.

Anstellung auf Zeit und ohne Zusatzleistungen

Letzten Herbst verkündete Amazon, dass sie in ganz Amerika neue Lagerarbeiter anstellen würden. Sie versprachen ihnen gute Gehälter und Krankenversicherung.

Viele Positionen bei Amazon werden durch Zeitarbeitsfirmen besetzt. So kann Amazon Kosten sparen, weil sie ihren Zeitarbeitern nicht dieselben Konditionen bieten wie ihren regulären Mitarbeitern. Amazon berichtete stolz vor den Investoren: “Mithilfe von unabhängigen Arbeitern unterstützen wir unsere Mitarbeiter.”
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Ich fing letzten Herbst bei Amazon in Joliet, Illinois, in der Warenannahme an. Ich wurde aber von Integrity Staffing Solutions angestellt, einer Zeitarbeitsfirma, die seit 1998 mit Amazon zusammenarbeitet.

Versprochen wurde viel

Integrity Staffing listet dutzende Zeitarbeitsstellen auf ihrer Webseite auf, unter der Behauptung: “Das sind keine normalen Jobs. Sie helfen dir, auf der Karriereleiter aufzusteigen und versprechen persönlichen Erfolg.” Das entspricht aber nicht meiner Erfahrung als Zeitarbeiter bei Amazon.

Als Zeitarbeiter wurde ich anders behandelt als andere Leute, die denselben Job machten, aber direkt für Amazon arbeiteten. Ich genoss keine Zusatzleistungen, sie schon. Ich verdiente 12,50 Dollar pro Stunde (etwa 10,50 Euro), sie aber 13 Dollar. Und wenn ich mich nach einer Pause verspätete, bekam ich Ärger – obwohl die Amazon-Mitarbeiter mit mir zusammen zurückkehrten.

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Es ist nicht fair, dass Unternehmen wie Amazon solch eine Mitarbeiterpolitik betreiben dürfen und keine Verantwortung für ihre Mitarbeiter übernehmen.

Obwohl ich laut Vertrag bei der Zeitarbeitsfirma angestellt war, arbeitete ich eigentlich für Amazon. Schließlich arbeitete ich in einem Amazon-Warenhaus mit Amazon-Bestellungen, wurde von Amazon-Mitarbeitern betreut, während die Arbeitsbedingungen größtenteils von Amazon gestellt wurden.

Deswegen behaupte ich: Mein wahrer Arbeitgeber war Amazon.

Meine ganze Familie zählt auf mich

Ich habe sechs Kinder und eine Verlobte, meine Familie zählt auf mich, und es war sehr schwierig mit so einem niedrigen Lohn und ohne Zusatzleistungen über die Runden zu kommen.

Als ich angestellt wurde, wurde mir ein Vollzeit-Job direkt bei Amazon versprochen. Stattdessen wurde mir im Juni das erste mal gekündigt. Die Personalabteilung teilte mir mit, dass ich das Limit von 1.500 Arbeitsstunden überschritten hätte, das die Zeitarbeitsfirma vereinbart hatte. Ich könne in 90 Tagen wiederkommen.

Nachdem ich also drei Monate lang gewartet hatte, rief die Zeitarbeitsfirma an, um mir mitzuteilen, dass ich weitere 90 Tage warten müsse, bevor ich mich wieder für eine Stelle bei Amazon bewerben könne. Als ich mich dann endlich im Oktober wieder bewerben durfte, hieß es, ich sei nun ein vollwertiger Amazon-Mitarbeiter.

Diese Behandlung ist einfach nur unfair

Ich war froh darüber, aber nur ein paar Monate später wurde mir wieder gekündigt. Dieses Mal wurde mir gesagt, die Stelle sei nur saisonbedingt gewesen.

Für Mitarbeiter wie mich ist diese Behandlung einfach unfair.

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Früher hieß es, dass wenn du von einem der Fortune-500-Unternehmen angestellt wirst, hast du es geschafft. Dich erwartete ein solides Gehalt, Zusatzleistungen und ein unbefristeter Vertrag, wenn du gute Arbeit leistest.

Für viele Amazon-Warenhausmitarbeiter wie mich bedeutet so eine Anstellung mittlerweile Kurzfristigkeit, schlecht bezahlte Arbeit ohne Zusatzleistungen und ein großes Kündigungsrisiko. Obendrein behauptet das Unternehmen, nicht einmal dein Vorgesetzter zu sein.

Mitarbeiter am Ende der Nahrungskette

Sie nennen es “Outsourcing” und meinen, das gestalte das Geschäft effizienter. Ich nenne es auf den Mitarbeitern am Ende der Nahrungskette herumtrampeln.

Wenn Unternehmen wie Amazon sich hinter Zeitarbeitsfirmen und Unterauftragsnehmern verstecken, nehmen sie ihren Mitarbeiter das Recht auf einen fairen Lohn, Zusatzleistungen und die Möglichkeit, bessere Arbeitskonditionen mit ihren echten Vorgesetzten zu verhandeln.

Amazon hat das Kaufverhalten der Menschen nachhaltig verändert, vor allem zur Weihnachtszeit. Allerdings ist es nicht besser, für Amazon zu arbeiten als zum Beispiel für Walmart – vor allem, wenn diese Unternehmen behaupten, Mitarbeiter wie ich seien keine richtigen Angestellten.

Leute wie ich sind stolz darauf, dabei zu helfen, eure Geschenke gleich vor die Haustür zu bringen. Ich hoffe, dass ihr nicht nur alle Bequemlichkeiten des Online-Shoppings genießt, sondern auch ab und zu an all die Mitarbeiter denkt, die euch und euren Familien die Weihnachtszeit verschönern.

Alles, was wir von Amazon wollen, ist, dass auch wir uns Weihnachten für unsere Familien leisten können.

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Dieser Beitrag erschien zuerst in der HuffPostUS und wurde von Agatha Kremplewski aus dem Englischen übersetzt und zum besseren Verständnis angepasst.

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