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29/09/2018 16:12 CEST | Aktualisiert 30/09/2018 09:00 CEST

Warum ich in der Erdogan-PK nicht aufgestanden bin, als ein Kollege abgeführt wurde

Ein Erklärungsversuch.

Im Video oben seht ihr, was auf der Erdogan-Pressekonferenz in Berlin passiert war. 

Es gibt diese Momente, in denen eine durchprotokollierte Pressekonferenz für einen Augenblick ins Chaos stürzt – und dann trotzdem alles so weiterläuft, als wäre nichts gewesen.

Einen solchen Moment erlebte ich beim Treffen von Kanzlerin Angela Merkel und dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan im Kanzleramt am Freitagmittag.

Der Journalist Ertugrul Yigit, der ein T-Shirt mit der Aufschrift “Gazetecilere Özgürlük – Freiheit für Journalisten in der Türkei” trug, wurde dabei von Sicherheitsleuten abgeführt.

Ich handelte, wie Journalisten in einer solchen Situation in der Regel handeln: Ich filmte und veröffentlichte das Material, zuerst bei Twitter, später in der HuffPost.

Elf Sekunden dauert mein Video, das zeigt, wie Yigit von Sicherheitskräften an mir vorbeigezerrt wird und ruft: “Ich habe nichts getan”.

Auf Twitter schrieb ich dazu, was ich in der kurzen Zeit über den Vorfall in Erfahrung bringen konnte: Ein Mann wurde wegen seines T-Shirts abgeführt.

Ich ahnte nicht, was ich damit auslösen würde.

“Zu feige für alles”

Mein Video haben einen Tag später alleine auf meinem privaten Twitter-Account über 100.000 Menschen angesehen und es hat breite Empörung hervorgerufen.

Nicht nur über den Vorfall, damit hatte ich gerechnet. Sondern auch über die Reaktion der Journalisten in der Pressekonferenz, zu denen ich gehörte.

Ein Nutzer wirft den Journalisten vor, “keine ethische Haltung” zu haben. Allein dieser Kommentar wurde fast 600 Mal geteilt und mit “Gefällt mir” markiert, auch von einigen Journalisten.

Ein anderer findet es “unfassbar, dass kein Journalist diesen Affront gegen die Pressefreiheit mit Protest begleitet hat.” Ein Kollege findet es “unsolidarisch, dass alle sitzen bleiben.”

Und die Linken-Politikerin Jutta Ditfurth schreibt, “keine Solidarität von anwesenden Journalisten. Zu feige für alles, aber ständig Zivilcourage von allen anderen einfordern.”

Es gibt noch hunderte solcher Kommentare, aber sie alle werfen mir und den anderen in der Runde im Wesentlichen vor, nichts unternommen zu haben, nicht reagiert zu haben, als der Kollege rausgeschmissen wurde.

Friendly Fire von Kollegen

Ich bin es gewohnt, als Journalist für meine Berichterstattung angefeindet zu werden. Dazu gehören wüste Beschimpfungen, Androhungen von Gewalt und auch Morddrohungen.

Einen Shitstorm, wie er seit gestern über mich hereinbricht, habe ich so allerdings noch nie erlebt.

Er wird nicht nur von anonymen Trollen angefeuert wie so oft, sondern kommt aus den eigenen Reihen – Friendly fire.

Ich nehme ernstgemeinte Kritik grundsätzlich ernst.

Deswegen sind mir tatsächlich einige Fragen durch den Kopf gegangen. War ich zu feige? Unsolidarisch? Wäre ich wirklich besser aufgestanden? Mit aus dem Raum gegangen?

Es ist gut, dass diese Fragen aufgeworfen werden. Und für mich als Journalist kann es darauf nur eine Antwort geben: Nein, sicher nicht!

Ich bin kein Aktivist

Ich verstehe mich nicht als Aktivisten, der seinen Notizzettel oder das Smartphone hinwirft und den Saal verlässt, um ein politisches Zeichen zu setzen.

Meine Aufgabe ist es, vor Ort zu bleiben, vor allem in solchen Situation – und darüber zu berichten und die richtigen Fragen zu stellen.

Statt aufzustehen, habe ich gefilmt, sonst hätte dieser Vorfall nicht so schnell eine breite Öffentlichkeit erreicht.

Statt aufzustehen, habe ich mich gefragt, was dort gerade passiert.

Ich habe diese Frage so – wie viele meiner Kollegen auch – später über die sozialen Medien an den Regierungssprecher gestellt, der darauf auch antwortete.

Statt aufzustehen, haben wir berichtet

Es war ja noch nichtmal bekannt, wen die Sicherheitskräfte da vor unseren Augen abführten. Dass es sich um einen in Deutschland lebenden türkischen Journalisten handelte, wurde erst später klar.

Und statt aufzustehen, haben meine Kollegen Erdogan Fragen gestellt, für die es sonst so schnell keine weitere Gelegenheit gegeben hätte. Etwa über den im Exil lebenden Journalisten Can Dündar und, ob sich Erdogan für die Nazi-Vorwürfe gegen Deutschland entschuldigt hat.

Statt aufzustehen, haben wir berichtet. Und das war gut so. So verstehe ich jedenfalls meinen Beruf.

Ja, es gibt in der Öffentlichkeit Unverständnis über die Arbeit von Journalisten. Umfragen zeigen, dass das Vertrauen in Medien in den vergangenen Jahren gesunken ist. Vielleicht auch, weil wir unsere Arbeit nicht oft genug erklären.

Wenn aber selbst wir Journalisten uns gegenseitig anfeinden, weil wir unseren Job erledigen, dann haben die Feinde der Pressefreiheit schon gewonnen.

Die Feinde der Pressefreiheit sitzen nicht nur in der Türkei, sie sind unter uns

Soweit darf es nicht kommen!

Schon jetzt sitzen die Feinde der Pressefreiheit nicht nur in der Türkei, sondern mitten unter uns.

Sie sitzen mit der AfD im Bundestag, die von “Lügenpresse” und “Staatsmedien” spricht und Journalisten den Zugang zu Veranstaltungen verwehrt.

Und sie gehen in Chemnitz und anderswo auf die Straße und greifen Reporter und Kamerateams an.

Die Empörung trifft die Falschen. Der Skandal sind nicht die Journalisten, der Skandal ist der Vorfall an sich. Darüber sollten wir reden, statt aus der Ferne auf die wenigen dutzenden Journalisten einzudreschen, die vor Ort waren.

“Wir halten es bei Pressekonferenzen im Kanzleramt wie der Deutsche Bundestag: keine Demonstrationen oder Kundgebungen politischer Anliegen”, rechtfertigte Regierungssprecher Steffen Seibert am Freitag das Vorgehen gegen den Kollegen.

Ich verstehe, dass politische Aussagen und Demonstrationen im Bundestag, der Bundespressekonferenz und eben auch im Bundeskanzleramt verboten sind.

Befremdlich allerdings finde ich, dass unsere Regierung die Pressefreiheit als “politisches Anliegen” bezeichnet.

Dabei ist es ein Grundgesetz, das wir Journalisten am besten verteidigen, wenn wir – gemeinsam – unseren Job erledigen.

(ben/ujo)