POLITIK
20/08/2018 18:59 CEST | Aktualisiert 21/08/2018 13:44 CEST

"Economist"-Journalist: Das verstehen die Deutschen an ihrem Land falsch

Jeremy Cliffe schrieb fast zwei Jahre über das Land – nun geht er nach Brüssel.

Fast zwei Jahre war er die Stimme aus Deutschland für den britischen “Economist” – nun zieht der Korrespondent des Nachrichtenmagazins von Berlin nach Brüssel.

Zum Abschied zieht Jeremy Cliffe im HuffPost-Interview Bilanz – zu der Frage, was Deutsche an ihrem Land falsch verstehen. 

Vorweg: ziemlich viel.

Einen Namen machte er sich mit klugen, optimistischen Analysen in einer aus deutscher Sicht chaotischen, teils krisengeschüttelten Zeit.

► Eine Debatte löste sein Titel über das “coole Deutschland” aus. “Deutschland wird offener und vielfältiger”, stand auf dem Cover des weltbekannten Wirtschafts-Magazins.

► Seinen Berlin-Abschied bestritt er im “Economist” mit einem Appell an die Deutschen, den Kopf nicht hängen zu lassen (“Cheer up!”).

Seine Stimme wird in Deutschland fehlen – auch, wenn sie in der EU sicher auch dringend gebraucht wird.

Auf der HuffPost-Dachterrasse am Potsdamer Platz nimmt er in einem Lounge-Sessel Platz. 

Er spricht fließend Deutsch, muss sich kein einziges Mal mit Englisch behelfen. Die bayerische Haxe und Weißbier hat er mittlerweile lieber als Fish and Chips und Guinness (im Video unten).

Flüchtlingskrise, AfD, Europa, Özil-Debatte: Cliffe hat zu allem einen optimistischen Dreh. Nur bei einem Thema sieht er Deutschland nicht als Vorbild.

Das ganze Interview lest ihr hier:

Jeremy, nach fast zwei Jahren in Deutschland, in denen Du das Land offenbar schätzen gelernt hast – wärst Du lieber Deutscher als Brite?

Ich überlege, die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen. Das ist hauptsächlich ein Witz, weil ich dafür noch mehrere Jahre in Deutschland leben müsste. Aber ich halte es immer noch für denkbar.

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Wie denkbar? Gehen wir lieber davon aus, dass nicht alle Leser den britischen Humor beherrschen.

Ich denke ernsthaft darüber nach. Zum einen polarisiert sich die Politik meines Landes. Es droht, zu zerbrechen. Zum anderen erkenne ich Stärken an Deutschland, die vielleicht nichtmal die Deutschen erkennen.

Welche sind das?

Deutschland ist ein Land, das auf Stabilität setzt. Eine Stabilität – das wird oft vergessen – die es erlaubt, mutige Entscheidungen zu treffen und Grundlagen für große Errungenschaften zu schaffen. Und das seit Jahrzehnten.

Deutschland ist ein Land, das auf Stabilität setzt. Eine Stabilität – das wird oft vergessen – die es erlaubt, mutige Entscheidungen zu treffen und Grundlagen für große Errungenschaften zu schaffen. Und das seit Jahrzehnten.

Zum Beispiel?

Deutschland hat die Wiedervereinigung und die Wirtschaftskrise des frühen Jahrtausends verkraftet und die Flüchtlingskrise angepackt. All das sind Leistungen, die mit anderen europäischen Ländern kaum zu vergleichen sind. Die von Deutschen als unsexy empfundenen Eigenschaften – Stabilität, Regeln, Bürgertum – haben das ermöglicht. Sie stimmen mich optimistisch.

Auch für die kommenden Jahrzehnte?

Ja.

Der “Spiegel” bewertete diese Frage vor Kurzem vollkommen anders. “Fußball, Politik, Wirtschaft: Es war einmal ein starkes Land”, titelte das Magazin.

Natürlich geht die Gesellschaft an einigen Stellen stark auseinander. Darüber berichte ich auch. Aber: Das Wohnungsangebot, die Qualität der Wohnungen,  die Infrastruktur, die Schulen, die Behörden – in den meisten Bereichen funktioniert es in Deutschland einfach viel besser als in anderen europäischen Ländern. Das hält die Gesellschaft zusammen.

Viele alarmiert, dass die Frage der deutschen Identität in der Politik wieder aufgetaucht ist. Etwa in der Debatte um die Nationalmannschaft und Mesut Özil. Wie passt das zusammen?

Es stimmt: Die Monokulturisten, die sich eine einzige deutsche Identität vorstellen, sind gerade laut. Die meckern, hetzen, provozieren, aber mehr können sie nicht. Aber sie verlieren das größere Spiel. Das ist: Wie sieht Deutschland in 30, 40 Jahren aus?

Die Monokulturisten, die sich eine einzige deutsche Identität vorstellen, sind gerade laut. Die meckern, hetzen, provozieren, aber mehr können sie nicht. Aber sie verlieren das größere Spiel.

Wie?

Deutschland wird sich immer weiter in die Richtung einer multikulturellen und pluralen Gesellschaft entwickelt, in dem es keinen Unterschied mehr zwischen Passdeutsch und Deutsch gibt. Das ist die Zukunft dieses Landes.

Andere wiederum sehen etwa in der Debatte um Özil ein Zeichen, dass Deutschland rassistischer geworden ist.

Ganz im Gegenteil. Die Politik in den 80er und 90er Jahren war viel rassistischer: etwa die Darstellung von Menschen mit Migrationshintergrund. Oder, was auf CDU-Parteitagen so alles geredet wurde. Das ist auch der Grund, warum die Gegner einer offenen Gesellschaft nun so laut sind.

Warum?

Sie verlieren ihre Komfortzone aus dem vergangenen Jahrtausend. Hat denn ernsthaft jemand gedacht, dass die Ankunft von 1,2 Millionen Menschen – viele muslimische Männer mit niedriger Bildung und Traumata – dass das alles leicht sein würde? Dass dieses Phänomen einfach verschwindet?

“Wir schaffen das”, sagte die Kanzlerin dazu. Das klang zumindest optimistisch. Mehr aber auch nicht.

Und das ist auch das, was ich ihr vorwerfe. Sie hat es versäumt, ihre Politik zu erklären. Durch Interviews, durch Reisen durchs Land, durch eine Narrative, um die Bevölkerung vorzubereiten. In England sagt man dazu “pitch rolling”. Man muss den Rasen ausrollen, bevor man darauf spielen kann. Politiker müssen nicht nur machen, sondern die Menschen mitreißen.

Hat denn ernsthaft jemand gedacht, dass die Ankunft von 1,2 Millionen Menschen – viele muslimische Männer mit niedriger Bildung und Traumata – dass das alles leicht sein würde?

Ich spiele wieder den Pessimisten und sage: Das wird Merkel als Kanzlerin auch nicht mehr schaffen. Dieses Thema muss ihr Nachfolger angehen.

Das mag sogar sein. Und das ist schade. Denn eigentlich beherrscht Merkel diese Eigenschaft. Ihre Familienpolitik in ihrer ersten großen Amtszeit hat zu großer, tiefer gesellschaftlicher Veränderung geführt. Und es gab polemische Elemente darin, die die patriarchalischen Aspekte der CDU aufgeräumt haben. Auch in der Energiewende war die Kanzlerin am Anfang keine Technokratin und Verwalterin, sondern hat sehr emotional von den Chancen gesprochen.

Was hätte Merkel in der Flüchtlingskrise machen müssen?

Sie hätte sich gut und immer wieder erklären und sagen müssen: Die Flüchtlingskrise ist eine gute Entwicklung, langfristig. Aber es wird anstrengend, es wird für manche Personen unbequem sein und könnte die Identität unserer Landes verändern.

Du sagst schon “unseres Landes”...

Ja, das stimmt. Ich rede, als wäre ich einer dieser Politiker. Aber es stimmt, dass ich immer mehr von “wir in Deutschland” spreche.

Zurück zur Kanzlerin.

Ja. Ich finde es zumindest hilfreich, dass die CSU Fragen stellt wie: Gehört der Islam zu Deutschland? Brauchen wir offene Grenzen? Diese Fragen muss eine Gesellschaft diskutieren, bevor sie den Weg in die Zukunft gehen kann. Vorankommen ist unbequem.

In Deutschland wurde das eher als Mega-Streit der Regierung interpretiert, der Europa fast an den Abgrund geführt hätte.

Ja, diese Strategie war verantwortungslos. Ich bin für Debatten, aber nicht für opportunistisches Wetten auf die nationale Zukunft. Wir werden im Oktober sehen, welche Folgen das für die CSU bei der Landtagswahl haben wird. Das wird ein Beweis dafür sein, ob Deutschland wirklich so pessimistisch ist und man die Erzählung von einem düsteren Land teilt.

Woher kommt die Schwarzmalerei in Deutschland?

Der Vorreiter ist sicher die AfD. Die zeichnet das Bild von einem Deutschland, in dem alles schiefgeht. Das ist schon komisch für eine so patriotische Partei. Während die Grünen, die angeblich die großen Deutschlandhasser sind, eigentlich die Optimisten sind.

So viele Menschen in ein Land zu lassen ohne eine Reaktion der Gegner – das hätte mich schon sehr gewundert. Die AfD ist deswegen letztlich ein Beweis für ein fragmentiertes, aber auch moderneres Deutschland.

Die AfD sitzt im Bundestag, liegt in Umfragen teils vor der SPD. Manche sehen darin einen Backlash konservativer Werte. Deutschland auf dem Weg zurück in die Vergangenheit. Teilst Du diese Einschätzung?

Das Gegenteil ist der Fall. Die Auswirkungen der Flüchtlingspolitik darf man nicht unterschätzen. Deutschland war bis vor kurzem kein Einwanderungsland wie die USA oder Frankreich. So viele Menschen in ein Land zu lassen ohne eine Reaktion der Gegner – das hätte mich schon sehr gewundert. Die AfD ist deswegen letztlich ein Beweis für ein fragmentiertes, aber auch moderneres Deutschland.

Ich habe noch ein Argument der Pessimisten: Deutschland verschläft die Trends der Zukunft. Gerade zu sehen in der Autoindustrie. Dazu der Dieselskandal. Da werden selbst erprobte Optimisten schwach, oder?

Ich will die Versäumnisse der Industrie nicht runterspielen. Wenn sich Deutschland über die Flüchtlingskrise vielleicht zu viel Angst gemacht hat, wäre beim Thema Auto meiner Meinung nach mehr Panik angebracht.

Aha!

Die Frage der Elektromobilität und des Dieselskandals – das ist nicht nur ein Einzelfehler. Das wirft die Frage auf, ob das allgemeine deutsche Wirtschaftsmodell für die Zukunft fit ist.

Nichtsdestostrotz: Ich habe den Eindruck, dass die Industrie aufgewacht ist. Sie beschleunigt die Investitionen in Batterien und selbstfahrende Autos. Hier sieht man den Anfang eines Aufwachens. Da muss aber viel mehr gemacht werden.

Es dauert also noch, bis der “Economist” erneut seine Schlagzeile vom “kranken Mann Europas” hervorkramt?

Ja. Das halte ich für unwahrscheinlich.

(lp)