POLITIK
18/04/2018 11:44 CEST | Aktualisiert 17/07/2018 10:53 CEST

Echo-Debatte: Antisemitismus ist nur ein Thema, wenn Muslime die Täter sind

Die HuffPost-These.

Im Video oben: Antisemitismus ist in Deutschland nicht verschwunden – im Gegenteil

Erst tobte die “Bild”, dann wütete Toten-Hosen-Sänger Campino auf der Bühne – und schon bald empörte sich ganz Deutschland.

Seit die beiden Rapper Kollegah und Farid Bang am Donnerstagabend den Musikpreis Echo in der Kategorie Hip-Hop/Urban National gewonnen haben, nimmt der mediale Empörungssturm kein Ende. 

Die Rapper seien Antisemiten, heißt es. Mehrere ehemalige Gewinner des Preises gaben angetrieben vom Zorn der Massen ihre Auszeichnungen zurück – darunter Pianist Igor Levit, Musiker und Grafiker Klaus Voormann und Sänger Marius Müller-Westernhagen.

Die Kritik an der Entscheidung der Veranstalter ist nachzuvollziehen. Die Provokationen der Rapper sollten in Zeiten des wieder aufflammenden Judenhasses nicht auch noch belohnt werden.   

Dennoch ist die Aufregung im höchsten Maße scheinheilig. Fast gewinnt man den Eindruck: Der mutmaßliche Judenhass der Echo-Gewinner ist nur ein Thema, weil Farid Bang und Kollegah Muslime sind.

Andere werden für ähnliche Ausfälle nicht kritisiert

Denn: Mit Xavier Naidoo hat in den vergangenen Jahren ein Sänger mehrere Echos abgeräumt, der ein ähnlich problematisches Verhältnis zum Judentum zeigt.

Auch die Rechtsrock-Band Freiwild! gewann im Jahr 2016 einen Echo. Experten zufolge spielen die Südtiroler völlig bewusst mit antisemitischen Klischees und würdigen Opfer der NS-Zeit herab.

Vereinzelt gab es darüber Empörung – daran, seinen Preis abzugeben, dachte damals aber offenbar niemand. Dafür braucht es einen Farid Bang, einen in Spanien geborenen Deutschen mit marokkanischen Wurzeln, der in zu spätpubertärer Provokationslust rappt: “Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen.”

“Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen. Farid Bang

Es ist eine Zeile, die in dem Song “0815”, einem von Tabubrüchen gespickten Verbal-Gemetzel über Vergewaltigungen und Gewalt-Orgien, fast untergeht.

Aber die jetzt als universaler Beweis hinhalten soll, wer in der Antisemitismus-Debatte in Deutschland 2018 die Täter sind. Junge Migranten, Muslime, “asoziale Marokkaner”, wie AfD-Fraktionschefin Alice Weidel unverblümt und ohne große Kritik anmerken durfte. 

Xavier Naidoo: Eine Schande für den Echo

Naidoo saß dagegen auch 2018 wieder im Publikum des Echos – und durfte Backstage mitfeiern.

Er, der noch im Jahr 2016 für eine Live-Performance beim Echo bejubelt wurde, den Preis 2017 sogar moderieren durfte, dichtet in seinen Songs über die vermeintlich gierige Familie Rothschild, über jüdische Banken. Er spielt damit auf eine jüdische Weltverschwörung an und bedient klassische antisemitische Klischees. Angeblich – wie er später erklärte – ohne es zu wissen.

In dem Song “Raus aus dem Reichstag” heißt es:

Wie die Jungs von der Keinherzbank, die mit unserer Kohle zocken/ Ihr wart sehr, sehr böse, steht bepisst in euren Socken/ Baron Totschild gibt den Ton an, und er scheißt auf euch Gockel/ Der Schmock ist’n Fuchs und ihr seid nur Trottel/ Xavier Naidoo

Eine völlig offensichtliche Anspielung auf die berühmte jüdische Bankiersfamilie, die Xavier Naidoo zum Inbegriff allen gesellschaftlichen Übels stilisiert.

Naidoo ist geboren in Mannheim, bekennender Christ, einer der mit seinem säuselnden Gesang unverdächtig wirkt, aggressive Stimmungen zu befeuern.

Das Gegenteil ist der Fall – völlig offenkundig. 

Naidoo politisiert, Farid Bang provoziert

Naidoo verwebt seine antijüdischen Vorurteile mit einem Elitenhass, der in Zeiten politischer Polarisierung auf einen gefährlichen Nährboden trifft.

Dass der Sänger vor Anhängern der rechtsextremen Reichsbürger davon sprach, Deutschland sei ein von den USA besetztes Land, entlarvt ihn als das, was er ist: ein politischer Brandstifter.

Ein Brandstifter mit sechs Echos. Ein Brandstifter, der in Zeiten, in denen Muslime als Haupttäter von Terror, Judenhass und Extremismus gelten, unter dem Radar bleibt. 

Der Echo: Eine von Grund auf würdelose Veranstaltung

Die geschmacklose(n) Entgleisung(en) von Kollegah und Farid Bang entschuldigt das natürlich in keiner Weise.

Doch anders als Naidoo geht es den jungen Rappern nicht um eine politische Botschaft, sondern um “die größtmögliche Provokation”, wie es der deutsche Raplabel-Boss und Musik-Journalist Marcus Staiger zusammenfasst.

Wie übrigens auch Campino in seinen jungen Jahren, als er noch nicht bei Galas vorgeschriebene Moral-Fürbitten predigte.

Dass der Echo diese Provokation würdigt, zeigt den Geburtsfehler eines Preises, der allein auf die Honorierung ohnehin schon erfolgreicher Produkte abzielt. Und der nie und nimmer als moralische Kontrollinstanz funktionieren kann.

Wenn die Debatte um den Echo-Skandal also etwas Gutes hat, dann vielleicht, dass die Auszeichnung endlich ein für allemal eingestampft wird.

Zu mehr taugt die Diskussion nicht.