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25/03/2018 17:43 CEST | Aktualisiert 26/03/2018 18:10 CEST

E-Bikes: In Städten findet eine Verkehrsrevolution statt, ohne dass wir es merken

Leise, sauber und platzsparend.

Westend61 via Getty Images
Fahrräder mit elektrischem Motor erobern Deutschlands Städte.

Diesel-Skandal, überschrittene Stickstoffoxid-Grenzwerte, tote Fußgänger: Die Verkehrsrevolution, von der immer alle reden, scheint angesichts täglicher Negativmeldungen in weiter Ferne.

Politiker und Wissenschaftler trommeln schon seit Jahren für weniger Benzin- und Dieselautos und mehr Fahrräder, bessere Fahrradwege und E-Autos.

Auf den ersten Blick aber hat sich auf Deutschlands Straßen nicht viel geändert. 

Durch die Straßen rollen immer noch Verbrenner-Lawinen. 70 Städte überschreiten die Stickstoffoxid-Grenzwerte. Und die Hälfte der deutschen Bevölkerung fühlt sich laut Umweltbundesamt vom Straßenlärm gestört und belästigt.

► Wer aber genauer hinschaut, merkt: Es gibt sie, die Revolution. Sie findet bereits statt - ohne, dass wir davon viel mitbekommen.

Sie zeigt sich vor allem an zwei Verkehrsmitteln, die in der Debatte eine bislang untergeordnete Rolle spielten: den E-Bikes und E-Rollern.

► Die Verkaufszahlen der Zweiradstromer sind in den vergangen Jahren kontinuierlich gestiegen.

► Außerdem haben die E-Roller und Bikes Vorteile, die keine anderen Verkehrsmittel, haben, auch Fahrräder und E-Autos nicht.

“Das Problem unserer Städte lässt sich nicht mit E-Autos lösen”

“Deckel auf, Motor raus, Elektromotor rein – und kein Problem ist gelöst”, sagt Heinrich Strößenreuther im Gespräch mit der HuffPost über E-Autos. Strößenreuther hat im Juni 2016 in Berlin Deutschlands ersten Volksentscheid für ein Fahrradgesetz initiiert, kein Wunder also, dass er fürs Fahrrad plädiert.

Er sagt sogar: “Das Verkehrsproblem unserer Städte lässt sich nicht mit Elektro-Autos lösen.”

Staus und Platzprobleme werden durch E-Autos nicht geringer. Auch, dass sie leise sind, sei ein Trugschluss, sagt Strößenreuther. Bei Geschwindigkeiten von über 30 Kilometern pro Stunde verursachen die Reifen mehr Lärm als jeder Motor.”

E-Bikes für weniger Lärm und mehr Piazza-Feeling

Viel besser: ein Fahrrad. Noch besser: ein E-Bike.

 

Mehr Fahrräder in unseren Städten würden nicht nur das Problem mit der Luftverschmutzung lösen, sondern sie würden die Lebensqualität auch noch aus anderen Gründen steigern, sagt Strößenreuther.

“Autos sind keine schönen Dinge – egal mit was für einem Motor. Dort, wo Autos parken und fahren, ist kein Platz für Bäume, Grün und Schankflächen. Menschen, die in der Stadt leben, wollen ein Piazza-Feeling und keine Blechkistenwüste.

Dass alle Autos von deutschen Straßen verschwinden, wird nicht möglich sein: Vor allem in ländlichen Regionen sind Menschen darauf angewiesen. Das sieht auch Strößenreuther so.

“Das Problem sind viel mehr die Menschen, die wegen Lärm und Luftverschmutzung aus der Innenstadt wegziehen, dann aber mit dem Auto in die Stadt reinfahren”, glaubt Strößenreuther.

Und da kommt das E-Bike ins Spiel.

Chance für Städte wie Berlin 

Beispiel Berlin. In der Innenstadt mit ihren zwei Millionen Menschen haben rund 53 Prozent der Haushalte kein Auto, in den Außenbezirken sind es nur rund 34 Prozent, wie eine Mobilitätsstudie der TU Dresden aus dem Jahr 2015 zeigt.

Menschen, denen die Entfernungen mit dem Rad zu weit ist, könnten mit dem E-Bike fahren, sagt Strößenreuther.

Mit dem normalen Rad lassen sich bis zu zehn Kilometer entspannt zurücklegen, so seine Rechnung. Mit dem E-Bike hingegen sei es das Doppelte. Das ist mehr als genug, um vom Speckgürtel in die Stadt zu fahren.

Verkaufszahlen für E-Bikes sind rasant gestiegen

► Aus Statistiken lässt sich ablesen, dass E-Bikes nicht nur eine Chance sind. Sondern die E-Bike-Revolution längst schon stattfindet.

Die Nachfrage nach E-Bikes steigt seit Jahren. 2017 sind in Deutschland 720.000 E-Bikes verkauft worden. Das sind 19 Prozent mehr als im Jahr zuvor, wie der Deutsche Zweirad-Industrie-Verband mitteilt. Im Jahr zuvor verzeichnete der Verband ein Wachstum von 13 Prozent.

Mehr zum Thema: 3 Gründe, warum das größte Problem der Elektromobilität schon bald gelöst sein wird

Die Antriebe werden immer effizienter und leichter, die Modellvielfalt wächst. Auch gibt es sogenannte Lasten-Pedelecs, mit denen bis zu 200 Kilogramm Fracht – seien es Einkäufe oder auch Kinder – transportiert werden können.

Laut einer Umfrage des Digitalverbands Bitkom aus dem Jahr 2017 kann sich jeder dritte Deutsche vorstellen, ein E-Bike zu kaufen.

Ein teures Vergnügen

► Die ganze Sache hat nur einen gewaltigen Haken: Der Hauptgrund für die rund 60 Prozent der Deutschen, die sich nicht vorstellen können, ein E-Bike zu kaufen, ist der hohe Preis.

Noch immer sind E-Bikes häufig so teuer wie ein Gebrauchtwagen, unter 700 Euro ist kaum ein neues E-Rad zu bekommen. Die meisten kosten über 1000 Euro.

Immerhin: Seit 2012 können Mitarbeiter über ihren Arbeitgeber zu günstigen Konditionen E-Bikes leasen. Gesetzlich sind Elektroräder Dienstwagen gleichgestellt.

Auch “sorgt das E-Cargobike bereits heute für Entlastung in den durch gewerblichen Lieferverkehr chronisch verstopften Städten”, teilt der Zweirad-Industrie-Verband mit.

E-Roller für die, die nicht radeln wollen

Aber nicht nur E-Bikes sind Teil der Verkehrsrevolution, sondern auch Elektro-Roller. Firmen, die E-Roller vertreiben, gibt es bereits einige in Deutschland.

Eines davon ist “Unu”.

Unu
Ein Unu-Roller

“Bevor wir unseren ersten Roller entwickelt haben, haben wir uns gefragt, was sind die größten Probleme, die den Verkauf von E-Rollern bislang bremsen?”, sagt Pascal Blum, einer der Gründer von “Unu”, der HuffPost.

► Nutzer von E-Rollern konkurrieren mit E-Autos um Ladestationen, von denen es sowieso häufig noch nicht ausreichend gibt.

“Also haben wir unsere Roller mit portablen Akkus ausgestattet. Zwei davon haben unter dem Sitz Platz und garantieren eine Reichweite von 100 Kilometern”, sagt Blum. Aufladen kann man die Akkus ganz bequem zu Hause an der Steckdose.

► Außerdem sind E-Roller oft doppelt so teuer, wie andere City-Roller. Durch die aufwändige Produktion von Lithium-Batterien beginnen die Preise im Schnitt bei bei 4000 Euro.

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“Unu” hingegen vertreibt seine Roller nicht über lokale Händler, sondern direkt übers Internet. Das spart immens Kosten und “Unu” verkauft Roller ab 1799 Euro.

► “Wir sind seit drei Jahren auf dem Markt und der Bedarf steigt rasant”, sagt Blum. Genaue Zahlen kann er nicht nennen, aber er spricht von mehreren tausend verkauften Rollern pro Jahr.

“Zu unseren Kunden zählt jeder, der in Großstädten lebt. Keine Staus, kein Parkplatz, schneller unterwegs. Von diesen Vorteilen profitieren nicht nur Privatpersonen, wir haben immer mehr Geschäftskunden.”

München steckt 10 Millionen Euro in die Direktförderung von E-Bikes

Ein Münchner Startup beispielsweise stellt all seinen Mitarbeitern einen Roller. Aber auch große Firmen wie Adidas oder Coca-Cola nutzen E-Roller.

“Grundsätzlich sind sicherlich viele junge Leute unter unseren Kunden, aber da ist schon auch mal ein 60-jähriger Architekt dabei”, sagt Blum.

Es wird immer Autos geben. Sei es aus Bequemlichkeit, sei es als Prestige-Objekt und Luxusgut. Aber wenn der Anteil sinkt, gibt es auch weniger Staus, weniger Luftverschmutzung und weniger zugeparkte Flächen.

Und: Autos machen unsere Städte hässlich, schmutzig, gefährlich und laut und verbrauchen Platz – Fahrräder, E-Bikes und E-Roller tun all das nicht.

► Eine Stadt die vormacht, dass diese Revolution funktionieren kann, ist München. Oder zumindest, welcher Weg in die richtige Richtung führt.

Als “Radlhauptstadt” will München bis 2050 klimaneutral werden. Das bedeutet auch, dass die bislang mehr als 700.000 Autos in München durch emissionsfreie Fahrzeuge ersetzt werden müssen.

Ein wesentlicher Schritt auf dem Weg dahin ist die E-Mobilität.

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München ist Radlhaupstadt

Zu deren Unterstützung hat die Stadt München mit insgesamt 22 Millionen Euro Deutschlands größtes E-Förderprogramm auf
die Beine gestellt. Eines der größten Einzelbudgets von aktuell etwa 10 Millionen Euro ist die Direkt-Förderung.

Das Geld investiert die Stadt zum Beispiel in privat genutzte Ladestationen oder fördert damit E-Zweiräder und E-Leichtfahrzeuge.

Viele Münchner nutzen die Förderung

25 Prozent der Nettokosten der Räder, Roller oder Ladestationen werden so übernommen. Seit Beginn des Programms im April 2016 sind über 3000 Förderanträge eingegangen.

► Der Fokus der Förderung lag anfangs auf Unternehmen, Freiberuflern und gemeinnützigen Organisationen.

“Bei den geringen täglichen Fahrleistungen, die für viele Branchen typisch sind, lassen sich herkömmliche Fahrzeuge bereits heute durch Elektrofahrzeuge ersetzen”, erklärt Uwe Hera von der Stadt München der HuffPost.

► Das Fördergeld fließt auch in Beratung. Die Stadt unterstützt etwa die Ausbildung von Fachberatern.

“Die gehen direkt auf Unternehmen zu und zeigen ihnen die Möglichkeiten auf, wie sie ihren Fuhrpark auf Elektromobilität umstellen können. Das kann ein starker Türöffner sein”, sagt Hera.

Mehr zum Thema: Abschied vom Auto: Berlin plant die Fahrradrevolution

Seit Juli 2017 gibt es die Förderung für Lasten-Pedelecs, E-Roller und E-Bikes auch für private Antragsteller. Seitdem hat sich die Zahl der Anträge noch einmal rasant nach oben entwickelt.

Die Zahl der Unfälle steigt

► Dennoch: Eine Revolution wäre keine Revolution, wenn es keine Stolpersteine gäbe.

4300 Unfälle mit Personenschaden gab es in den ersten neun Monaten im Jahr 2017, an denen E-Bikes beteiligt waren. So die Angaben des Statistischen Bundesamts. Ein Anstieg von 28 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.

Doch grundsätzlich sei der Anstieg der Unfallzahlen durch die steigende Zahl der E-Bikes zu erklären, sagte die ADFC-Sprecherin Stephanie Krone. Auch steigt der Anteil an älteren Menschen, die E-Bikes nutzen.

Mittlerweile gibt es in Deutschland nach Angaben des Fahrrad Clubs ADFC 3,5 Millionen E-Bikes. Demgegenüber gab es im Jahr 2017 laut Kraftfahrtbundesamt 46,4 Millionen zugelassene Pkws.

83 Prozent aller Wege in der Berliner Innenstadt werden ohne Auto zurückgelegt

► Auch ist klar, dass weniger Autos und mehr E-Bikes nur dann etwas in den Städten verändern, wenn Straßen künftig weniger Platz einnehmen.

Momentan machen Radwege beispielsweise drei Prozent der verbauten Flächen in Berlin aus – die Straßen für Autos das Zwanzigfache.

► “83 Prozent aller Wege in der Innenstadt Berlin werden zu Fuß, mit dem Rad oder dem Nahverkehr zurückgelegt”, sagt Strößenreuther. “Flächengerechtigkeit sieht anders aus.”

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Die meisten Wege in Berlin werden ohne Auto zurückgelegt

► Er fordert, Straßen zu verkleinern und Fahrradwege größer und sicherer zu machen. Und er sagt: Es ist nicht nur die junge Generation, die das will.

“Ich spreche auch mit vielen Menschen zwischen 40 und 60. Die wissen, dass es gesund ist und besser, mit dem Rad zu fahren. Aber sie wissen auch, dass es viel zu aggressiv ist, was im Straßenverkehr mit Autos passiert”, sagt Strößenreuther und meint, kleine Betonpoller würden da schon helfen, Fahrradfahrer zu schützen.

Fest steht: In den Köpfen der Menschen in unseren Städten findet die Revolution längst statt.

(jkl)