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16/02/2018 18:42 CET | Aktualisiert 16/02/2018 18:47 CET

Kopftuch ohne Funktion: Warum die Schleier dieser Frauen durchsichtig sind

Viele Betrachter werden erst einmal verwirrt sein.

Isra Abdou
Das Projekt "Reda" – zu Deutsch “Zur Genugtuung” zeigt Frauen mit durchsichtigen Kopftüchern.
  • Eine Berliner Kunststudentin hat Frauen mit durchsichtigen Kopftüchern fotografiert
  • Mit dem Projekt fordert sie: Jede Frau muss selbst entscheiden dürfen, wie sie sich verhüllt

Isra Abdou stand kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Sie ist 22 Jahre alt, studiert Kunst auf Lehramt, trägt ein Kopftuch – und wird ständig darauf reduziert.

Als sie sich für ein Praktikum als Lehrerin an unterschiedlichen Schulen bewirbt, wird sie überall abgelehnt. Laut dem “Neutralitätsgesetz” in Berlin darf sie mit Kopftuch den Lehrerberuf nicht ausüben. Das gilt zwar nicht für Praktika oder Referendariate, trotzdem will sie niemand einstellen.

Zur Genugtuung

“Einmal saß ich für ein Bewerbungsgespräch mit einem Rektor zusammen. Der sagte mir direkt ins Gesicht, ich solle mir Gedanken darüber machen, wie meine Zukunft aussehen soll. Denn obwohl ich außergewöhnliche Leistungen auf dem Papier vorweisen kann, dürfte und würde er mir niemals einen Job anbieten – einzig und allein wegen meines Kopftuchs”, sagt sie der HuffPost.

Das war für sie der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte – und somit die Geburtsstunde ihres Projekts “Reda”. Auf Deutsch: “zur Genugtuung”.

Ein Fotoprojekt, das Frauen mit den acht gängigsten Kopfbedeckungen (Hijab, Burka, Turban, Shayla, Al Amira, Selendang, Chemar und Niqab) zeigt.

Dabei sticht ein Detail heraus: Die Tücher sind durchsichtig.

Mehr zum Thema: Berliner Grüne fordert Lehrerinnen mit Kopftuch - der Koalitionspartner SPD kritisiert den Vorstoß

Isra Abdou
Dein HIJAB funktioniert nicht.

Kopftuch ohne Funktion

Die Frauen auf den Fotos wirken stolz, ihre Gesichter zeigen Unbeirrbarkeit und Selbstbewusstsein. Die durchsichtigen Kopfbedeckungen wirken erst einmal irritierend. Denn die Haare sind so für jeden sichtbar. 

► Fast augenblicklich stellt sich die Frage: Ist das kein Widerspruch in sich? Warum durchsichtig?

Kunststudentin Abdou möchte mit ihren Bildern auf ein wichtiges gesellschaftliches Problem aufmerksam machen.

Für Abdou ist das Kopftuch ein Zeichen der Selbstbestimmung. Es sei höchst individuell, was es für jede Frau bedeute und wie sie es trage.

Ihre Bilder zeigen Kopftücher, zur Genugtuung anderer:

► Die Kopftuchbefürworter werden glücklich gestimmt, weil die Frauen Schleier tragen, die Kritiker sind zufriedengestellt, weil der Schleier durchsichtig ist.

Alle werden zufriedengestellt.

Nur die Selbstbestimmung der Frauen – die durch das Kopftuch eigentlich selbst entscheiden, wie viel sie von sich zeigen, wie sie ihre Religion ausleben wollen, was das Kopftuch für sie bedeutet – bleibt auf der Strecke.

Isra Abdou
Deine BURKA funktioniert nicht.

Hass von beiden Seiten

Ihre Kunst spiegelt ihre eigene Lebenserfahrung wider. Seit sie sich mit zwölf Jahren aus eigenen Stücken für ein Kopftuch entschieden hat, wird sie mit Kritik konfrontiert – und das eben nicht nur von Rechts, sondern auch aus der eigenen muslimischen Community

Von den Kopftuchgegnern hört sie unaufhörlich, sie sei doch von ihrer Familie gezwungen worden, habe bestimmt kein Leben, keinerlei Freiheiten. Erfolg im Beruf könne sie sich sowieso abschminken. 

Aber auch von Glaubensgenossen kommen harte Worte. Make-Up tragen, studieren oder abends spät heim kommen, sei in Verbindung mit einem Kopftuch nicht vertretbar. Abdou trage ihr Kopftuch viel zu locker, weil ihr Haaransatz sichtbar sei. Die Aussagen gehen sogar so weit, dass sie in die Hölle käme, da sie zu oft schwarz träge.

► Ihr Kopftuch verlor so seine Funktion – zur Genugtuung anderer, statt ihrer Selbst.

Isra Abdou
 Dein TURBAN funktioniert nicht.

Es wird schnell vergessen: Egal, um welche Art der Bedeckung es sich handelt,  darunter verbirgt sich noch immer eine Frau. Eine Frau mit Zielen, Wünschen, Vorstellungen.

Isra Abdou ist eine ganz normale junge Frau. Sie studiert, macht Sport, treibt auch mal Unsinn. In ihrem Blog “Das E in Isra ist stumm” berichtet sie mit einer Prise Humor über ihren Alltag.  

“Es ist allein meine Überzeugung, die mich antreibt. Ich selbst entscheide, ob und wie ich ein Kopftuch tragen möchte. Für wen trage ich das Kopftuch, wenn nicht für mich selbst?”

Mehr zum Thema: Mehr Kopf als Tuch: Warum auch wir Muslimas aufhören müssen, uns über das Kopftuch zu definieren

Die zwei Botschaften hinter dem Projekt

Die Mädchen auf den Bildern sind keine Hijabis und auch nicht alle Muslima. Aber sie stehen hinter der Botschaft und sehen sich als Aktivistinnen. 

Mit dem Projekt sollen zwei Messages vermittelt werden:

► Einerseits soll es Mädchen mit Kopftüchern die Kraft geben, die sich selbst fragen, ob sie sich tatsächlich für sich oder für andere bedecken. Sie sollen sich mehr mit sich selbst beschäftigen, selbst bestimmen.

► Andererseits sollen all jene angesprochen werden, die das Kopftuchtragen mit Zwang und Unterdrückung gleichsetzen. Negativen Input gibt es nicht nur auf Seiten der Islamkritiker, sondern auch aus der muslimischen Community.

Das Projekt “Reda” hat sowohl gute sowie schlechte Reaktionen erhalten. Nach der Veröffentlichung der Bilderreihe hatte Abdou plötzlich über 1000 mehr Follower auf Instagram, vor allem von jungen Frauen.

“Das sind Mädchen, die meine Situation nachvollziehen können. Weil viele unter ihnen genau dasselbe Problem haben”, berichtet sie.

Viel negativer Wind blieb der Bloggerin jedoch nicht erspart. Der Islam sei böse, das Projekt biete keine Freiheit für eigene Meinungsbildung, heißt es in privaten und öffentlichen Nachrichten an sie.

Abdou nimmt das eher mit Humor. “Das ist schließlich der Sinn von Kunst. Jeder darf hineininterpretieren, was er möchte.”

Mehr zum Thema: Diese Fotos zeigen, wie schön und einzigartig Frauen mit Kopftuch sind

Isra Abdou
Deine SHAYLA funktioniert nicht.
Isra Abdou
Deine AL AMIRA funktioniert nicht.
Isra Abdou
Dein SELENDANG funktioniert nicht.
Isra Abdou
Dein CHEMAR funktioniert nicht.
Isra Abdou
Dein NIQAB funktioniert nicht.

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(ks/tb)