POLITIK
08/10/2018 15:14 CEST | Aktualisiert 08/10/2018 15:44 CEST

Klimaforscher zum alarmierenden UN-Report: Das kommt nun auf Deutschland zu

“Bewegen sich einige Länder nicht, ist die Katastrophe kaum abzuwenden.”

DPA

Es sind alarmierende Schlagzeilen.

“Umfassender Klima-Report beschreibt großes Risiko, dass es schon 2040 zur Krise kommt”, schreibt die “New York Times” am Montag. Die “Washington Post” titelte zeitgleich: “Die Welt hat nur noch knapp über zehn Jahre, um den Klimawandel unter Kontrolle zu bringen, sagen UN-Forscher”.

Der neu veröffentlichte Bericht des Klimarats IPCC liest sich wie ein Einschnitt. “Nie dagewesene Veränderungen” in allen Bereichen der Gesellschaft seien nötig, um zu verhindern, dass die Temperaturen sich über 1,5 Grad Celsius erwärmen.

Bliebe es beim derzeitigen Tempo der Erwärmung, sei ein Plus um 1,5 Grad womöglich schon 2030 erreicht, spätestens aber im Jahr 2052. Mögliche Folgen, wenn es noch wärmer wird: ein Auftauen des Permafrostbodens und des Eises in der Arktis, dazu gewaltige Überschwemmungen, abnehmende Korallenriffe, Dürre, Armut.

In der HuffPost erklären nun zwei der renommiertesten Klimaforscher des Landes, was der Bericht bedeutet – und was Deutschland tun kann, gar tun muss, um eine Katastrophe abzuwenden.

Mojib Latif: “Plötzlich merkt die Öffentlichkeit, dass es keine Zeit mehr gibt”

Mojib Latif forscht an der Universität Kiel zur Entwicklung des Klimas. Er wundert sich über das Medienecho des UN-Reports. “Mich überrascht, dass die Öffentlichkeit so überrascht ist”, sagt er im Gespräch mit der HuffPost.

“Das Thema Klimawandel ist auf die lange Bank geschoben worden. Jetzt merkt die Öffentlichkeit plötzlich, dass es keine Zeit mehr gibt”, bemerkt Latif.

Beim Klimagipfel von Paris Ende 2015 hatten sich die Staaten verpflichtet, die Zwei-Grad-Grenze nicht zu überschreiten. Aus Rücksicht auf die besonders von der Erderwärmung betroffenen Staaten war aber auch das 1,5-Grad-Ziel im Gespräch. Der nun veröffentlichte Bericht war als Zugeständnis an die Inselstaaten vereinbart worden.

Latif erklärt: “China ist für fast 30 Prozent der Emissionen verantwortlich, die USA für circa 15 Prozent. Bewegen sich diese Länder nicht, ist die Katastrophe kaum abzuwenden.”

Denn auch nach dem Pariser Klimaabkommen sei der Ausstoß von Treibhausgasen gestiegen und nicht gesunken. “Viele dachten damals: Alles ist gut, jetzt da es eine internationale Einigung gab. Die unbequeme Wahrheit ist: Nichts ist gut, solange die Ziele des Abkommens nicht angegangen und erreicht werden”, sagt Latif.

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Klimaexperte Mojib Latif warnt vor den Folgen des Klimawandels.

Der Klimawandel sei eine weltweite Herausforderung und der deutsche Einfluss begrenzt. China und die USA sind fast für die Hälfte der weltweiten Emissionen verantwortlich. Latif warnt: “Bewegen sich diese Länder nicht, ist die Katastrophe kaum abzuwenden.”

Besonders haben aber die USA den Kampf gegen die Erderwärmung massiv zurückgeworfen. US-Präsident Donald Trump hat erklärt, aus dem Abkommen austreten zu wollen.

“Ein Geländewagen macht in der Stadt keinen Sinn”

Dennoch, glaubt Latif, kann Deutschland eine wichtige Rolle einnehmen. Damit es doch bei 1,5 Grad bleibt.

“Es ist wichtig, dass es Länder gibt, die vorangehen. Deutschland sollte eines dieser Länder sein”, fordert der Klima-Forscher. “Das heißt zunächst einmal: schneller Kohleausstieg!” Das ambitionierte Ziel müsse sein, bis 2050 CO2-neutral zu sein.

Für die Deutschen würde das bedeuten, auf gewisse Gewohnheiten zu verzichten. Wobei Latif das Wort “Verzicht” nicht mag.

“Ganz klar ist: Geländewagen in Städten machen keinen Sinn, mehrere Fernreisen im Jahr sind nicht unbedingt notwendig. Auch jeden Tag Fleisch essen macht keinen Sinn. Wir sollten das nicht als Verzicht bezeichnen, sondern als Gewinn an Lebensqualität: bessere Luft, viel Radfahren, gesundere Ernährung. Klimaschutz macht das Leben besser und nicht schlechter.”

Klimaexperte von Storch betont Schwächen im UN-Bericht

Der Klimaexperte Hans von Storch sieht den Sonderbericht des Klimarates derweil kritisch. Der Professor am Institut für Meteorologie in Hamburg sagte im Gespräch mit der HuffPost, es gebe “sehr viele sozioökonomische Einschätzungen. Allerdings teilweise auch sehr politisch vorschreibende Abschnitte”.

Von Storch sagte: “So heißt es zum Beispiel, wir müssen raus aus der Kohle, aber über die politische Frage, ob Kohle oder nicht, entscheidet nicht nur der Klimaaspekt.”

Forderungen dieser Art würden die Glaubwürdigkeit von Wissenschaftlern gefährden und zugleich unmögliche Zielvorgaben an die Politik stellen.

Von Storchs Sorge: Dies könnte repressive Züge Annehmen, würde man nicht auch gesellschaftliche und ökonomische Bereiche berücksichtigen. Auf der anderen Seite könne man den Bericht durchaus als ernstzunehmende Warnung verstehen.

Von Storch warnt vor “Experten-Regime”

Zur Forderung eines völligen politischen Umdenkens sagte von Storch: 

“Das fand ich tatsächlich dreist. Umdenken ist zwar immer gut, aber es ändert sich ständig eine ganze Menge in der Welt. Nicht nur das Klima.”

Wie solle denn künftig der Mehrbedarf an Energie in Länder wie Südafrika und Indien von heute auf morgen ohne Kohle gedeckt werden, fragt der Professor.

“Die Wissenschaft fordert und die Politik soll gehorchen. Das funktioniert nicht, denn es gibt selbstverständlich diverse gesellschaftliche Implikationen, die berücksichtigt werden müssen.”

“Politik ist ein Aushandlungsprozess”, betonte von Storch. Die Klimaveränderung sei zwar ein wichtiges Thema, aber eben nur eines von vielen. Man könne das Klima nicht “einseitig ganz nach vorne schieben”. Das sei ein “Experten-Regime” – “und hat mit Demokratie nichts zu tun”, erklärt von Storch.

“Veggie-Day und autofreie Tage haben keine Wirkung”

Gedankenspiele wie der Veggieday oder ein autofreier Sonntag seien lediglich “Symbolpolitik, die zwar durchaus gut ist, um Bewusstsein zu schaffen, aber im Prinzip ist der eigene Verzicht erstmal wertlos”.

“Rein symbolische Akte, die haben in der Sache keine Wirkung. Daraus resultiert ein moralisierender Anspruch, der sich vermutlich so nicht trägt.” Das “Gutfühlen des Akteurs allein ist nicht dienlich”, so von Storch.

Die deutsche Einsparleistung sei im Bezug auf die Gesamtlage ohnehin relativ belanglos. Man müsse “natürlich global und deshalb auch technisch denken”.

Deutschland soll laut von Storch also vor allem “sein enormes technisches Potential nutzen, um zur Erfüllung von Klimazielen beizutragen”. Aber auch hier mahnt der Meteorologe, müsse man global denken. “Letztendlich müssen die Menschen in Indien und Nigeria das auch wollen.”

(mf)