POLITIK
26/04/2018 14:14 CEST | Aktualisiert 26/04/2018 14:25 CEST

Dorfchemnitz: Wo sogar die Pfarrerin der AfD etwas Gutes abgewinnen kann

“Vielleicht habe ich damals zu sehr gegen die Partei gewettert."

HuffPost / Reuters
Christine Klement ist Pfarrerin in Dorfchemnitz: Einst fürchtete sie die AfD – jetzt hat sie ihre Meinung über die Partei geändert. 

Christine Klement ist ins Grübeln gekommen.

Sie sitzt in einem Gartenstuhl auf einer Wiese hinter ihrem Pfarrhaus und blickt von einem kleinen Hügel auf Deutschlands AfD-Hochburg.

Klement ist Pfarrerin in Dorfchemnitz, einem winzigen Ort in Sachsen. Die AfD hat hier bei der Bundestagswahl mit 47 Prozent ihr stärkstes Ergebnis geholt. 

Niemand aus Dorfchemnitz meldete sich damals so kritisch zu Wort wie Klement. Mit Blick auf die AfD warnte sie vor einem neuen 1933.

Das ist nun mehr als ein halbes Jahr her.

Ein halbes Jahr, das viel verändert hat – nicht nur im politischen Berlin, sondern auch bei Klement und den Menschen in Dorfchemnitz.

Wir sind in den Ort gefahren und zu erfahren, ob die Menschen hier ihre Stimme für die AfD bereuen – oder die Partei wieder wählen würden. Ob sich die Hoffnungen erfüllt haben, die sie an ihre Stimme knüpften. Und wie es jenen Menschen geht, die die AfD nicht wählten.

Vielleicht habe ich damals zu sehr gegen die Partei gewettert. Vielleicht hat es ja doch etwas positives, dass die AfD nun im Bundestag ist.

Klement sagt: “Vielleicht habe ich damals zu sehr gegen die Partei gewettert. Vielleicht hat es ja doch etwas positives, dass die AfD nun im Bundestag ist.”

Es ist einer der ersten sommerlichen Tage des Jahres. Blumen und Bäume blühen, hinter uns gackern Hühner.

Von hier oben, dem Kirchberg, sieht Dorfchemnitz fast aus wie das märchenhafte Hobingen aus Tolkins “Herr der Ringe”.

HuffPost
Blick auf Dorfchemnitz.

Aber das ist es natürlich nicht.

Wir sind im Erzgebirge. Die Straßen haben tiefe Schlaglöcher, es gibt keinen einzigen Supermarkt, die Schule wurde geschlossen.

All diese Probleme sorgten dafür, dass die Menschen hier der AfD ihre Stimme gaben. Sie beschäftigten plötzlich nicht mehr nur Dorfchemnitz, sondern die ganze Republik.

Und das ist es auch, was Klement “positiv“ nennt.

“Vielleicht ist es, dass uns nun wieder zugehört wird“, sagt sie.

Tatsächlich besuchte erst vor kurzem Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) die Nachbarstadt Sayda.

Nun merkt man, dass das Interesse für unsere Themen auch von den anderen Parteien wieder da ist.

Kretschmer hat seinen Posten indirekt der AfD zu verdanken. Sein Vorgänger Stanislaw Tillich erklärte seinen Rücktritt nach der Bundestagswahl, weil die Rechtspopulisten in dem Bundesland vor der CDU landeten.

Nun tourt Kretschmer mit seinem Kabinett durch die Dörfer und Städte in Sachsen, um mit den Menschen über ihre Probleme zu sprechen.

Im Wahlkampf machten das vor allem AfD-Politiker.

“Da merkt man, dass das Interesse für unsere Themen auch von den anderen Parteien wieder da ist“, sagt Klement.

Viele Menschen, die ich kenne, kommen nicht raus, fahren nicht in Urlaub. Wenn jetzt hier der Münchner Hauptbahnhof stände und die tausend Flüchtlinge angekommen wären, wäre das auch alles ganz anders. Deswegen deprimiert es mich auch, wenn man uns als braunes Nest abgestempelt.

Und von denen erhofft sie sich mehr Lösungen als von der AfD, die zu simple Antworten auf komplexe Fragen habe.

Sie geht sogar noch einen Schritt weiter und findet, dass die AfD “ihren Schrecken verloren“ hat.

“Es geht ja doch alles so weiter wie vorher.” Der Partei fehle der Einfluss, um wirklich was zu verändern.

Erstaunlich daran ist, dass die Worte von einer Pfarrerin kommen.

Kaum eine gesellschaftliche, konservative Kraft hat sich so eindeutig gegen die AfD positioniert wie die Kirche.

Der Berliner Bischof Markus Dröge etwa ist der Meinung, dass “Christen in der Partei nichts verloren haben.”

Auch Klement sagt, dass sie in vielen Punkten nicht der Meinung der AfD ist. Etwa beim Thema Abtreibung und der Flüchtlingspolitik. 

Aber sie hält sich mittlerweile mit direkten Angriffen auf die Partei zurück. 

Eine Familie in der Gemeinde unterstützt die AfD, aber eben auch die Kirche, in der die Familie alles repariert, was kaputt geht.

“Wenn ich anfange, gegen die AfD zu wettern, habe ich die Familie verloren“, sagt Klement. “Ich habe mehr zu geben als zu sagen, welche Partei gut oder schlecht ist.“

Letzendlich, sagt sie, seien die Menschen in Dorfchemnitz alles “total nette Menschen“, deren Angst vor dem Fremden sie auch verstehen könne.

Viele Menschen, die sie kenne, kämen nicht raus, und würden auch nicht in den Urlaub fahren.

“Wenn jetzt hier der Münchner Hauptbahnhof stände und die tausend Flüchtlinge angekommen wären”, sagt sie, dann wäre auch Dorfchemnitz weltoffener.

Deswegen deprimiere es sie auch, “wenn man abgestempelt wird.“

Sachsen war der “braune Schandfleck Deutschlands”, nicht erst seit der Bundestagswahl.

Vier Kilometer von Dorfchemnitz liegt etwa Clausnitz, wo wütende Demonstranten einen Bus mit Flüchtlingen angriffen.

Wer mit dem Auto eine Stunde in den Norden fährt, landet in Freital, wo Rechtsterroristen 2015 Bombenanschläge verübten. 

JOHN MACDOUGALL via Getty Images

Der Hohn und Spott, der über die Region hereinfiel – er hat auch Dorfchemnitz nicht gespalten, sondern eher zusammengeschweißt.

Wer vom Kirchberg hinunter in die Stadt auf eine kilometerlange Hauptstraße fährt, bekommt einen Eindruck davon, was das heißt.

Aus einer Bäckerei kommt ein ältere Mann, blaue Jeans, weißes T-Shirt, er hat zwei Schrippen gekauft.

Was die AfD da im Bundestag veranstaltet, gefällt ihm.

Er habe die Partei genau für dieses Spektakel gewählt – damit “die den anderen so richtig in den Hintern treten!“

Er fand es zum Beispiel “großartig“, dass ein AfD-Abgeordneter seinen Stimmzettel bei der Kanzlerinnen-Wahl auf eine Toilette legte, fotografierte und ins Netz stellte.

Zur Ironie gehört, dass in der Bäckerei der einzige Flüchtling in Dorfchemnitz eine Ausbildung macht.

Die bekommen jetzt endlich, was sie verdienen. Und na klar wählen wir wieder die AfD!

Was der Jeansträger denn davon hält, dass jetzt ein Syrer seine Schrippen backt?

Ihm gehe es weniger um Ausländer als um die Regierung, um Merkel.

“Die bekommt jetzt endlich, was sie verdient. Und na klar wählen wir wieder die AfD!“.

Wir.

In Dorfchemnitz begegnet einem eine starkes Wir-Gefühl, ein starker Zusammenhalt – und die AfD hat diese Emotionen angesprochen. 

Wir gegen die die da oben, für solche Worte bekam etwa die frühere AfD-Chefin Frauke Petry bei einem Auftritt vor der Bundestagswahl in Dorfchemnitz Applaus.

Würde morgen wieder gewählt, würde vermutlich genau das gleiche Ergebnis für die AfD herauskommen, vielleicht sogar ein besseres.

Und das, obwohl die ersten Monate der AfD im Bundestag turbulent waren. Der Ausstieg von Parteichefin Frauke Petry. Wirre Auftritte im Bundestag, etwa über den “Finanzrassismus“. Und die Erkenntnis, dass viele Abgeordnete Rechtsextremisten beschäftigen.

Was Deutschland empörte, wurde in Dorfchemnitz gefeiert.