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12/06/2018 12:00 CEST | Aktualisiert 12/06/2018 12:00 CEST

Wie wir Donald Trump verstehen können

Jonathan Ernst / Reuters

Schon seit dem amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf im Jahre 2016 wird Donald Trump von der überwiegenden Zahl der US-amerikanischen Medien verspottet. In den deutschen Medien ist dies bis auf wenige Ausnahmen der Regelfall. Trump wird als inkompetent, politisch unerfahren und untalentiert, sprunghaft und beratungsresistent dargestellt.

Auch wird immer wieder hinzugefügt, dass Trump bei Amtsantritt das höchste
Lebensalter von allen US-amerikanischen Präsidenten hatte. Gemeint ist damit wohl, dass er nicht mehr über die körperlichen Voraussetzungen für die Ausübung eines so fordernden und anspruchsvollen Amtes verfügt.

Neben der Analyse seiner ersten politischen Äußerungen und Entscheidungen mit dem Tenor, dass sie ein Bruch mit der klugen und grundsätzlich guten Politik vorheriger Präsidenten sei, wird sein Politikstil in der Regel als populistisch, rassistisch, protektionistisch und isolationistisch beschrieben.

Geht es um das Leben von Donald Trump, wird immer wieder gerne betont, dass seine erste überregionale mediale Wahrnehmung 1973 in der New York Times die Vorwürfe gegenüber seiner Firma Trump Management zum Gegenstand hatten, schwarze Interessenten bei der Auswahl der Mieter seiner Immobilien systematisch zu diskriminieren.

Trump als Teil der Greed-is-good-Mentalität

Gerade die wirtschaftliche Betätigung seit der Übernahme der Firma Trump Management von seinem Vater haben Donald Trump als typisch amerikanischen Geschäftsmann mit all seinen positiven wie negativen Facetten geprägt. Gerade diese rund 50-jährige Prägung des Geschäftsmannes Trump ist nun maßgeblich für sein Handeln als einer der wichtigsten Politiker der Welt.

In dem Buch ´The Art of the Deal´ aus dem Jahr 1987 beschreibt der Ghostwriter Tony Schwartz sehr anschaulich, wie Trump durch Verhandlungs- und Geschäftspraxis seine Erfolgsziele verwirklicht. Der Journalist James Brian McPherson nennt Trump darauf basierend ein Paradebeispiel der Greed-is-good-Mentalität der 80er Jahre.

Bezeichnend für Trump ist dabei sein schnelles Agieren bei Geschäften, die immer viel mit öffentlicher Aufmerksamkeit und der Herausstellung seiner Person zu tun haben.

Trump erleidet dabei auch wirtschaftliche Rückschläge bis hin zur Insolvenz einzelner Unternehmen. Trump wandelt sein Unternehmen jedoch immer wieder um, gründet neue Rechtsformen und erschließt sich neue Märkte, stößt gleichzeitig unrentable Firmen ab, auch wenn es ihm teilweise nicht leichtfällt und er den Anschein erweckt, eine höhere Empathie für seine Unternehmen zu entwickeln, als manch ein anderer amerikanischer Unternehmer.

Trump entwickelt sich immer mehr zum egozentrierten Unternehmer - nicht Manager - um dessen Marke Trump sich alles dreht. Genau diese Handlungsmuster erkennt man in der Politik Donald Trumps als amerikanischer Präsident.

Der Politiker Donald Trump

Den Politiker Donald Trump gibt es nicht - es gibt nur Donald Trump. Er handelt in völliger Kontinuität zu seinem Verhalten als Unternehmer, nun natürlich mit einer weltweiten Aufmerksamkeit und den daraus resultierenden Folgen für seine Kommunikation.

Trump „verhandelt“ auf seine Art, indem er letzte Angebot macht, Ultimaten setzt und Verträge kündigt, die für ihn nicht lukrativ erscheinen. Nichts anderes hat er bei The Trump Organization gemacht.

Auch als Unternehmer lief bereits ein erheblicher Teil der Kommunikation unmittelbar über Trump, wenn auch nicht unmittelbar von ihm über Twitter, wie nun als amerikanischer Präsident. Präsident Trump ist die Fortentwicklung vom
Unternehmensführer zum politischen Führer ohne einen Stilwechsel.

Dies trifft auf eine weltweit anders sozialisierte politische Klasse - von Politikern bis hin zu Journalisten - und auf einen anders organisierten Politikstil.

Der  verhandlungs- und konsensorientierte Politikstil von Demokratien

Auf Donald Trump trifft ein verhandlungs- und konsensorientierter Politikstil der meisten Demokratien, der ein Win-Win-Ergebnis anstrebt, zumindest die beteiligten Akteure vor einem Gesichtsverlust in ihren Ländern bewahren will.

Bei Trump ist dies anders und er kann erkennen, dass er durch seine Politik des ‚Friss oder Stirb‘ Erfolge erzielt, die seine Vorgänger in Verhandlungen nicht annähernd erreichen konnten. So war es die vereinigte Linke, die in Deutschland und vielen anderen Ländern Europas TTIP in Frage stellte, obwohl in der Außenhandelsbilanz zwischen den USA und Europa, die EU deutlich die Nase vorne hat.

So betrug der Handelsbilanzüberschuss der EU mit den USA im März 2018 rund 14,9 Milliarden Euro. Seitdem Trump der EU die Pistole auf die Brust setzt, räumen immer mehr europäische Politiker ein Ungleichgewicht ein. Für die EU wird sich dies schon auf kurze Sicht als folgenreicher Fehler herausstellen und ist die Folge des Aufeinanderprallens der unterschiedlichen Politikstile.

Europa muss umdenken

Europa muss umdenken, wenn es die EU und ein relevantes Europa bald noch geben soll. Die Politik Trumps wirkt hier gleichsam eines Teilchenbeschleunigers bei schon hohen Zentrifugalkräften innerhalb der EU. Trump verhandelt nicht, er stellt seine - nun die amerikanische - Position dar, er stellt Forderungen und Ultimaten.

Er lässt Taten als politische Statements zur Untermauerung seiner Position folgen. Die Mitgliedstaaten der EU versuchen in Besuchen ihrer Staats- und Regierungschefs, sowie der Minister mit den USA zu verhandeln.

Sie geben sich teilweise in Washington die Klinke in die Hand. Gleichzeitig
sendet Trump über sein Handy per Twitter Signale nach China, nach Süd- und Nordkorea und schafft eine Unsicherheit beim politischen Gegenüber ohne großen Aufwand.

Seit dem Präsidentschaftswahlkampf 2016 beschäftigt sich Europa mit Trump anstatt mit sich selbst. Anstatt nach Washington zu reisen, sollten die Staat- und Regierungschefs ihre Positionen in Brüssel festlegen.

Auch wenn die Vereinigten Staaten nun ein seit Jahrhunderten gewachsener Partner gerade für Deutschland sind, muss Europa die Beziehungen zu China und auch zu Russland klären. Gegenüber Trump helfen nur klare und einheitliche Positionen, die aus der Stärke und dem Selbstbewusstsein Europas heraus getroffen werden.

Wir stehen, wie in den zwanziger Jahren des Smoot–Hawley Tariff Act vor dem Abgrund einer durch Protektionismus herbeigeführten Zerrüttung der weltwirtschaftlichen Beziehungen.

Auch Donald Trump ist insoweit die Geschichte bekannt. Die EU muss deutlich machen, dass sie mit absoluter Härte gegen Protektionismus, der den
Welthandel gefährdet, vorgehen wird. Ein Hochschaukeln in kleinen Schritten wird im Desaster enden; ein Nachgeben in der schrittweisen Selbstaufgabe der EU.

Die EU hat die letzte Chance die eigenen Reihen geschlossen zu halten und gegenüber den anderen Supermächten klare Verhältnisse zu schaffen. Die Möglichkeit aus der G7 eine G6 (+1 Russland) zu machen, muss dabei ein weiterer Hebel sein.

Trump versteht harte Verhandlungspositionen und ist nicht selbstzerstörerisch, sondern hat immer wieder gezeigt, dass er aus Niederlagen Erfolge machen will und kann. Umgekehrt nutzt er Schwäche gnadenlos aus, um seine Positionen durchzusetzen und ist dies, aus seiner Art Wirtschaft zu leben, auch so gewohnt.

Wenn Europa die roten Linien für Trump klar definiert, eigene Forderungen stellt und gegenüber Trump unmissverständlich deutlich macht, dass die europäischen Reaktionen für die USA in eine Krise münden werden, welche die
amerikanischen Medien nur zu gerne Trump anlasten würden, wird er sich - wie so oft - auch bei seiner Wirtschaftspolitik um 180° drehen.