WIRTSCHAFT
01/08/2018 16:06 CEST | Aktualisiert 07/08/2018 18:20 CEST

Beschert Trump den USA ein Wirtschaftswunder? 3 US-Ökonomen antworten

"Donald Trump ist ein Meister der Massenpsychologie."

Getty / HuffPost
Donald Trump feiert "sein" Wirtschaftswunder. Aber hat der US-Präsident mit dem überhaupt etwas zu tun?

1992 prägt der US-Wahlkampfstratege James Carville einen Satz, der bis heute die kompletteste Erklärung für die politischen Entwicklungen in den USA bietet: “It’s the economy, stupid!” 

Es ist ein Slogan, mit dem Bill Clinton es ins Weiße Haus schaffte. Und einer, der das politische Überleben von US-Präsident Donald Trump erklärt. 

Die Russland-Affäre, Vorwürfe sexuellen Missbrauchs, wirtschaftliche Interessenskonflikte: Trumps Präsidentschaft ist von Skandalen geprägt, seine Beliebtheit ist im Vergleich zu früheren Präsidenten extrem gering. 

Doch Trump kann all das egal sein – solange die US-Wirtschaft weiter so stetig wächst, wie in den eineinhalb Jahren seiner Regierung. 

► Im Jahr 2017 wuchs das US-amerikanische Bruttoinlandsprodukt im Jahresschnitt um 2,2 Prozent – und setzte so einen starken Trend seit 2010 fort. 

Für das zweite Quartal 2018 wurden nun sogar 4,1 Prozent Wachstum gemeldet. Es ist das stärkste Ergebnis, seit Trump Präsident ist. Die Zahl mag noch nach unten revidiert werden, im ersten Quartal gab es zudem nur ein Wachstum um 2 Prozent. Klar ist aber: Die USA befinden sich in einem langanhaltenden Aufschwung.

Es ist eine Entwicklung, von der auch der Arbeitsmarkt profitiert. Die Arbeitslosenquote in den USA ist so niedrig wie zuletzt in den Jahren 1969 und 2000. Im Schnitt wurden 2018 monatlich etwas mehr als 200.000 neue Jobs pro Monat geschaffen. Stand Juni wurden seit 92 Monaten jeden Monat mehr Arbeitsplätze geschaffen, als aufgelöst – ein Rekord. 

Es ist dieser wirtschaftliche Boom, von dem Trump so enorm profitiert. Obwohl die Reallöhne in den USA stagnieren, gilt: Den US-Amerikanern geht es so gut wie lange nicht.

Trump stellt diese Entwicklung als seinen Verdienst dar. Hat der US-Präsident damit Recht?

Wir haben drei US-Ökonomen gefragt – und sie zudem darum gebeten, zu erklären, wer von der starken US-Wirtschaft profitiert. 

Valerie Ramey, University of California, San Diego

HuffPost: Was sind die Gründe für das anhaltende Wachstum der US-Wirtschaft?  

Ramey: Das reale Wachstum des Bruttoinlandprodukts war die vergangenen eineinhalb Jahre sehr stark. Von 2010 bis 2016 lag der Schnitt bei 2,1 Prozent; seit 2017 liegt er aber bei 2,6 Prozent.

Das ist durchaus überraschend. Normalerweise ist Wachstum vor allem dadurch begründet, dass die Arbeitsproduktivität steigt. Für die momentane Wirtschaftsentwicklung kommt das aber nicht in Frage. 

Tatsächlich zeigen unabhängige Studien: Es ist gut möglich, dass die Steuersenkungen, die Trump und die Republikaner durchgesetzt haben, für das Wachstum verantwortlich sind. 

Andererseits ist es häufig so, dass sich Strafzölle und Handelskriege, wie sie Trump verhängt und führt, negativ auf die Wirtschaft auswirken. Ob das so ist, werden wir im nächsten halben Jahr herausfinden. 

Donald Trump feiert das hohe Wirtschaftswachstum als persönlichen Erfolg. Zurecht?

Die meisten Entwicklungen, die Einfluss auf das Bruttoinlandsprodukt haben, sind komplett unabhängig davon, was die Regierung macht. 

Allerdings können bestimmte politische Beschlüsse durchaus ihren Effekt auf das Wirtschaftswachstum haben. So ist es durchaus möglich, dass Trumps Steuerreform sich positiv auf die Wirtschaft ausgewirkt hat. 

Ob Trumps Maßnahmen zur Deregulierung der US-Wirtschaft zum Wachstum beigetragen haben, ist wissenschaftlich bisher allerdings nicht erwiesen. 

Die Reallöhne in den USA stagnieren und sind zuletzt sogar leicht gesunken. Wer profitiert also wirklich vom Wirtschaftswachstum?  

Es ist meiner Meinung nach tatsächlich die Schicht der sozial abgehängten Arbeiter, die am meisten profitiert.

Aufgrund des Booms erklären sich mehr und mehr Unternehmer bereit, schlechter ausgebildete Arbeitskräfte mit kaum oder gar keiner Erfahrung einzustellen. Diese hohe Nachfrage nach Arbeitern hievt nicht nur Menschen aus der Arbeitslosigkeit, sondern wirkt auch bei Menschen, die gar nicht zur Erwerbsbevölkerung gezählt wurden.

So haben zum Beispiel schwarze Teenager sehr viel bessere Chancen auf einen Job als früher. 

Dass die durchschnittlichen Reallöhne nicht steigen, ist auch eine Folge dieses Effekts: Menschen mit geringer Vorbildung bekommen schlechter bezahlte Jobs und das wirkt sich auf die Statistik aus. 

Dennoch: Es ist zunächst Mal eine gute Nachricht, dass diese Menschen nun in Arbeit kommen. 

Dimitri Papadimitriou, Levy Economics Institute of Bards College, New York

HuffPost: Was sind die Gründe für das anhaltende Wachstum der US-Wirtschaft?  

Papadimitriou: Es gibt mehrere Gründe für die positive Entwicklung: die hohen Staatsausgaben und die Versprechen, an diesen festzuhalten; die weitgehenden Steuersenkungen, die zwar das Staatsdefizit erhöhen, aber auch die Produktionskosten senken und die Profite erhöhen; der Boom an den Aktienmärkten, der mehr Investitionen durch den privaten Sektor fördert und den Unternehmen hohe Rücklagen ermöglicht. 

All diese Faktoren bedingen einander und sorgen so für den Wirtschaftsaufschwung, den wir derzeit erleben.  

Donald Trump feiert das hohe Wirtschaftswachstum als persönlichen Erfolg. Zurecht?

Präsident Trump ist ein Meister der Massenpsychologie. Er hat den Bürgern in den USA einen positiven Spirit vermittelt. 

Allerdings: Die oben genannten Faktoren, die geholfen haben, diese Euphorie zu entfachen, könnten auch ein Grund für einen kommenden Kollaps der Wirtschaft sein. Steuersenkungen, Schulden und ein boomender Aktienmarkt sind – wenn sie nicht jedes Jahr aufs Neue wirken – keine verlässlichen Faktoren für hohes Wachstum. 

Vielmehr glaube ich: Dieser Wirtschaftsboom wird bald anfangen, zu verpuffen. 

Die Reallöhne in den USA stagnieren und sind zuletzt sogar leicht gesunken. Wer profitiert also wirklich vom Wirtschaftswachstum?  

Die Ungleichheit war und bleibt in den USA ein ernstes Problem.

Die Reallöhne stagnieren seit vielen Jahren. Und Entwicklungen wie die Automatisierung in Fabriken und in bestimmten Dienstleistungssektoren lassen vermuten, dass dieser Trend anhalten wird. 

Hinzu kommt, dass von der Politik der Trump-Regierung – etwa die Steuersenkungen – vor allem die ohnehin Gutgestellten profitieren. Es ist eine Ungleichheit, die sich negativ auf die Entwicklung der wirtschaftlichen Nachfrage auswirken wird: Studien zeigen, dass die Wohlhabenden nicht mehr konsumieren, wenn sie mehr verdienen, sondern mehr Geld sparen und aus dem Markt nehmen.  

 David Shulman, UCLA Anderson School of Management, Los Angeles

HuffPost: Was sind die Gründe für das anhaltende Wachstum der US-Wirtschaft?  

Shulman: Es gibt mehrere Gründe für das starke Wirtschaftswachstum.

Das sind zum einen die Steuersenkungen, die die Republikaner beschlossen haben, die Deregulierungen, die von der Trump-Regierung vorgenommen wurden und die steigenden Ölpreise, die für mehr Investitionen in der Energiewirtschaft sorgen. 

Hinzu kommt, dass die Auswirkungen der außerordentlichen Geldpolitik der vergangenen Monate noch nicht wirken.

(Die US-Notenbank hat den Leitzins – also den Zinssatz, zu dem sich Banken bei ihr Geld leihen können – im Juni bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr erhöht, er liegt nun bei zwei Prozent. Ein höherer Leitzins gilt als investitionshemmend. – Anm. d. Red.)

Donald Trump feiert das hohe Wirtschaftswachstum als persönlichen Erfolg. Zurecht?

Die Steuersenkungen und der Abbau von Regulierungen durch die Trump-Regierung haben sicherlich geholfen, die Wirtschaft anzukurbeln.

Trump verdient also einen gewissen Teil der Anerkennung. 

Allerdings ist er gerade dabei, durch seine Handelspolitik einige der Gewinne der Wirtschaft wieder zu relativieren. Denn: Strafzölle wirken wie eine Erhöhung von Steuern – und die sorgt zumeist für Unsicherheit bei Unternehmen. 

Die Reallöhne in den USA stagnieren und sind zuletzt sogar leicht gesunken. Wer profitiert also wirklich vom Wirtschaftswachstum?  

Die Reallöhne mögen Jahr für Jahr stagnieren – aber dafür gibt es eine statistische Erklärung.

Denn es sind die steigenden Energiepreise, die dafür sorgen, dass die existierenden Zugewinne bei den Löhnen direkt wieder ausgeglichen werden. Hinzu kommt, das die Daten über die Reallöhne Bonuszahlungen an die Arbeitnehmer nicht mit einberechnen. 

Doch gerade die sind ein immer größer werdender Teil des Arbeitsentgelts.  

Fazit

► Steuerreform, Deregulierung, Optimismus: Donald Trumps Politik ist mitverantwortlich für den Wirtschaftsboom in den USA – einen Boom, von dem laut Experten auch viele aus den sozial schwachen Schichten profitieren. 

► Allerdings befürchten einige Ökonomen, dass besonders das hohe Staatsdefizit und Trumps Handelskonflikte das Wirtschaftswachstum wieder schwächen könnten. 

► Hinzu kommt: Die US-Wirtschaft wuchs schon in den Jahren vor Trump stark. Sein Vorgänger Barack Obama erbte eine Wirtschaft in der Krise, während seiner zweiten Amtszeit gelang der neuerliche Aufschwung. Unter Trump wird dieser nun erfolgreich fortgeführt. 

(ll)