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14/02/2018 17:55 CET | Aktualisiert 14/02/2018 19:18 CET

Eine Domina zwingt Männer, feministische Literatur zu lesen

Ein Kunde hat deshalb sogar eine Hilfsorganisation für Mütter gegründet.

Nicki Sunshine
Weil sie Geldsorgen hatte, begann diese Amerikanerin als Domina zu arbeiten. 
  • Die Domina Mistress Velvet gibt ihren Kunden Unterricht in feministischer Kultur
  • Mit HuffPost hat sie über ihre ungewöhnliche Arbeit gesprochen

Mistress Velvet hat eine Mission: Die Domina versohlt ihren Kunden nicht nur ordentlich den Hintern, sie bringt ihnen auch bei, gesellschaftliche Machstrukturen zu hinterfragen. 

Wie die Männer darauf reagieren, wieso sie ungerne Leder trägt und wie es die Masterabsolventin ins Sexgewerbe verschlagen hat, verrät sie im Gespräch mit HuffPost. 

Wie sind Sie zu diesem Beruf gekommen?

Vor ein paar Jahren hatte ich Geldsorgen. Obwohl ich einen Vollzeitjob hatte, stand ich kurz davor, aus meiner Wohnung geworfen zu werden. Also brauchte ich einen Nebenjob.

Eine meiner Freundinnen arbeitete schon seit sechs Jahren als Domina und hatte immer spannende Geschichten zu erzählen. Und sie verdiente ziemlich gut. Also beschloss ich, es auch auszuprobieren.

Ich war nur leider überhaupt nicht gut darin. Mein erster Kunde sagte mir, dass aus mir niemals eine gute Domina würde – ich habe mich jedes Mal bei ihm entschuldigt, wenn ich ihn geschlagen habe.

Ich glaube, es war die Aussage des Kunden, die mich angespornt hat. Ich wollte mich der Herausforderung stellen.

Machen Sie diesen Job aus Leidenschaft, oder ist er nur ein Mittel zum Zweck?

In erster Linie ja: Der Job soll mich finanziell absichern. Aber irgendwann habe ich eine Bindung zu meinen Kunden aufgebaut.

Unsere Gesellschaft erlaubt es Männern nicht wirklich, sich unterzuordnen. Bei mir können sie eine ganz neue Seite an sich entdecken, eine, die nicht im traditionellen Sinne männlich ist. Bei mir können sie sie selbst sein, vor allem in sexueller Hinsicht, weil sie frei sind von gesellschaftlichen Zwängen.

Sie merken, ich habe viel darüber philosophiert. Jedenfalls ist dieser Aspekt zu einer persönlichen Motivation für mich geworden.

Am Anfang habe ich mich jedes Mal entschuldigt, wenn ich einen Kunden geschlagen habe.

Wann haben Sie angefangen, Machttheorien ins Spiel zu bringen?

Meine Kunden sind überwiegend weiße, heterosexuelle Männer aus guten Verhältnissen. Ich begreife meine Arbeit mit ihnen auch als eine Chance auf emotionale Wiedergutmachung.  

Viele von ihnen stellen mir Fragen. Manche sagen mir: “Diese Erfahrung hat mich verändert. Ich denke jetzt anders über manche Dinge.” Einer meiner Kunden erzählte mir, dass er schwarzen Frauen jetzt immer die Türe aufhalte.

Ein anderer hat eine Hilfsorganisation für schwarze Mütter in einer der ärmsten Gegenden von Chicago gegründet.

Das hat mich nachdenklich gemacht. Mein Job bietet mir eine Plattform. Ich kann einen Perspektivwechsel bei meinen Kunden bewirken. Aber nur weil sie sich mir unterordnen, hinterfragen sie nicht automatisch unsere gesellschaftspolitische Ordnung.

Deshalb behelfe ich mir mit Literatur, um diesen Männern etwas über schwarzen Feminismus beizubringen. Anstatt schwarze Frauen zu fetischisieren, sollen sie sich ihrer eigenen Rolle in diesem System der Unterdrückung bewusst werden.

Braden Nisen

Wie nehmen die Kunden das an?

Nun ja, ich frage sie ja nicht um Erlaubnis. (lacht)

Stimmt, darum geht es ja.

Aber bisher hat sich noch keiner beschwert. Und sie kommen immer noch zu mir. Ich habe das Gefühl, dass sie die Essays mit Interesse lesen. Anschließend sprechen wir über die Thesen und oft sagen mir die Männer am Ende: “Darüber habe ich noch nie nachgedacht, das war sehr hilfreich.”

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Sie wollen in jeder Hinsicht dominiert werden, nicht nur körperlich.

Was geben Sie Ihren Kunden zu lesen?

Patricia Hill Collins’ Black Feminist Thought zum Beispiel. Das ist schon etwas älter, aber ein wirklich gutes Buch.

Um klischeebehaftete Vorstellungen schwarzer Frauen zu hinterfragen, frage ich meine Kunden immer: “Warum findest du mich attraktiv?” Wenn sie etwas Stereotypes antworten, gebe ich ihnen etwas zu lesen, was sich mit der Entstehung dieser Stereotype auseinandersetzt. Damit sie verstehen, was daran problematisch ist.

Audre Lordes Schriften eignen sich ebenfalls gut. Und ich kann The New Jim Crow von Michelle Alexander empfehlen.

Inwiefern kann BDSM schwarzen Frauen als Wiedergutmachung dienen?

Ich glaube, dass BDSM uns die Möglichkeit gibt, spezifische Erlebnisse aufzuarbeiten. Schwarze Frauen gehören zu den am meisten unterdrückten sozialen Gruppen. Auf dem Weg zur U-Bahn werde ich jedes Mal von Männern belästigt.

Dieses Machtgefälle umzudrehen, auch wenn es nur für eine Stunde in einem geschlossenen Raum ist, kann sehr befreiend sein.

Was gefällt Ihnen sonst noch an Ihrem Job?  

Dass ich mich total auspowern kann. Ich muss mich auf jeden Kunden vorbereiten, ihm jedes mal etwas Neues bieten. Das erfordert Kreativität.

Außerdem bin ich von Natur aus kein dominanter Mensch. Ich schlüpfe also jedes Mal in eine Rolle – das macht Spaß, aber es kostet auch Kraft. Meistens bin ich danach völlig erschöpft.

Die meisten meiner Verwandten wissen nichts von meinem Job.

Was gefällt Ihnen nicht?

Am Anfang hatte ich Angst, dass ich an einen Kunden geraten könnte, der mich schlecht behandelt. Jeder, der im Sexgewerbe arbeitet, hat diese Angst. Inzwischen müssen meine Kunden durch ein Auswahlverfahren, das gibt mir ein sichereres Gefühl.

Was sagen Ihre Freunde und Familie dazu, dass Sie als Domina arbeiten?

Die meisten meiner Verwandten wissen nichts von meinem Job. Ich habe nur meinen Geschwistern davon erzählt. Sie finden, dass ich das machen sollte, was mir Spaß macht. Meine Freunde unterstützen mich ebenfalls in dem, was ich tue.

Was sind die größten Vorurteile gegenüber Dominas?

Die Shades Of Grey Romane und Verfilmungen haben vielen Menschen ein falsches Bild von BDSM vermittelt. Dass wir alle ständig Leder tragen zum Beispiel. Tue ich aber nicht, weil ich es hässlich finde und es kratzt.

Dominas sind auch nicht kaltherzig. Sie schlagen nicht ohne Grund einfach zu. Ich habe lange geübt, bis ich die Peitsche so einsetzen konnte, dass der Kunde nicht ernsthaft verletzt wird.

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Wie schon gesagt, entwickle ich zu meinen Kunden eine Beziehung, vor allem, zu denen, die ich jede Woche, oder jeden Monat sehe. Unsere Zeit zusammen ist eine emotionale Erfahrung für uns beide. Das hatte ich anfangs nicht erwartet.

Dominas sind nicht kaltherzig. Sie schlagen nicht ohne Grund einfach zu.

Macht das die Arbeit leichter?

Ich finde schon, weil sie dadurch an Bedeutung gewinnt. Es ist wirklich schön, zu wissen, wo die Grenzen des Anderen liegen, zu wissen, was ihm gefällt. Wie in jeder guten Beziehung eben. Nur, dass es meinen Kunden eben gefällt, wenn ich ihnen Schmerzen zufüge.

Dieses Interview erschien zuerst bei der amerikanischen Ausgabe der HuffPost und wurde von Anna Rinderspacher übersetzt und leicht gekürzt.