BLOG
19/02/2018 16:01 CET | Aktualisiert 22/02/2018 14:53 CET

Als Mann im "Elsa"- Kostüm: Im Fanladen zeigt sich, was Disney wirklich denkt

Disney scheint seine eigene Figur vollkommen falsch zu verstehen.

Michael Scherer
Unterwegs im Prinzessin Elsa-Kostum Kinder sind begeistert ganz im Unterschied zu Disney.

Let it go? Nein, let me in!

“Schau Elsa, noch mehr Klamotten für dich!“ Die Kollegin lacht und geht auf die Frozen-Fanartikel zu, die am Eingang des erst diesen Winter eröffneten Disney-Stores aufgebaut sind. Doch ich kann die Fanartikel nicht genauer betrachten, denn noch vor Betreten des Ladens hält mich eine Securitylady auf.

“Du musst bitte gehen.“

“Warum”, frage ich?

“In diesem Kostüm darfst du den Laden nicht betreten. Verkleidet dürfen nur Kinder hier rein, aber nicht…“ – sie zögert kurz – “Erwachsene. Bitte geh jetzt.“

Verwirrt machen meine Arbeitskollegen und ich kehrt. Neben uns betreten zahlreiche Piraten, Prinzessinnen und Mickey Mäuse das Geschäft, Menschen drängen von der Straße herein, alle verkleidet.

Kein Gender-Mainstreaming bei Disney

Es ist Faschingsdienstag in München. Ich sehe aus wie Elsa, Hauptfigur aus Frozen, dem erfolgreichsten Disneyfilm der letzten Jahre. Nun ja, ich sehe fast aus wie Elsa, denn ich bin unter dem Kostüm ein Mann, noch dazu mit einem etwas längeren Dreitagebart.

Und irgendwie habe ich das Gefühl, dass auch genau das der Grund ist, warum ich den Laden nicht betreten darf. Es hat den Anschein, die Disney-Angestellte möchte die zarten Kinderseelen vor dem Anblick einer bärtigen Elsa bewahren.

Gender-Mainstreaming schon bei den Kleinsten? Nicht beim Familienunternehmen Disney! Was sollen die Kinder bloß denken?

Mehr zum Thema: Studie zeigt: Das passiert wirklich mit kleinen Jungen, die stereotypische Mädchenfilme schauen

Tatsächlich denken Kinder gewöhnlicherweise gar nichts dabei oder zumindest nicht das, was Disney denkt. Das weiß ich, da ein Kumpel und ich schon einmal als Anna und Elsa unterwegs waren. Zahlreiche Kinder liefen begeistert auf uns zu und wollten ein Foto mit den beiden Disney-“Prinzessinnen“.

Wir hatten einen Riesenspaß, und genauso die Kinder samt deren Eltern – nur Disney versteht anscheinend keinen Spaß. Und das an Fasching. “Verkleidet dürfen nur Kinder hier rein, aber nicht… Erwachsene.“ Mir wird bewusst, was die Frau von der Security damit eigentlich meint:

“Nicht erwachsene Männer im Prinzessinenkostüm.“ Männer mit Mickeymaus-Ohren dürfen den Laden nämlich anscheinend betreten und verlassen, wie sie möchten. Ich dagegen darf ihn nur verlassen.

Disneys Geschlechterbild aus der Mottenkiste

Die Message, die Disney damit aussendet ist klar. Die Filme sind ja generell bekannt für ihr – nennen wir es mal vorsichtig – eher “traditionelles“ Geschlechterbild:

Arielle die Meerjungfrau beispielsweise zeigt dem jungen Zuschauer, überspitzt ausgedrückt, dass für ein Mädchen gutes Aussehen völlig ausreicht, um einen Typen abzubekommen. Auf ihre Stimme dagegen kann Arielle gut verzichten – schließlich haben Frauen eh nichts Interessantes zu sagen!

Mehr zum Thema: Von wegen Disney-Prinzessin: Diese Schauspielerin beweist Humor

Ja selbst im Tierreich müssen’s die Männer am Ende wieder richten: So braucht es im König der Löwen die Anwesenheit des zurückgekehrten Patriarchen Simba, damit die heruntergekommene Heimat endlich wieder erblüht. Nicht mal richtig den Haushalt schmeißen können die ollen Löwinnen.

Der Erfolgsfilm Frozen schien nun endlich mit vielen Disney-Klischees zu brechen: Prinzessin Anna muss am Ende lernen, dass man den Mann, mit dem man genau ein einziges Duett gesungen hat, vielleicht nicht gut genug kennt, um ihn direkt zu heiraten.

Und Elsa ist die wohl erste Disney-Prinzessin, die überhaupt keinen Mann will: Sie will einfach ein selbstbestimmtes Leben führen.

Prinzessin Elsa – Vorbild für LGBT-Jugendliche

Viele LGBT-Fans sehen Elsas gesungenem Befreiungsschlag “Let it go“ sogar als Metapher für das Coming-Out: “I don’t care what they’re going to say“, singt sie da, und “the fears that once controlled me can’t get to me at all“.

Interessanterweise wird die LGBT-Sichtweise des Films von Regisseurin Jennifer Lee selbst offengelassen: “We know what we made. But at the same time I feel like once we hand the film over, it belongs to the world, so I don’t like to say anything, and let the fans talk. I think it’s up to them.”

Elsa also als mögliches Vorbild für LGBT-Jugendliche? Was für ein großer Schritt! Was für eine tolle Message!

Mehr zum Thema: “Frozen”: Wird Disney-Prinzessin Elsa lesbisch?

Und was für eine Enttäuschung: Ausgerechnet die Prinzessin, die klischeehafte Rollenbilder in Frage stellt, wird von Disney nicht in den Laden gelassen. Weil ein Mann im Elsakostüm keine klassischen Rollenbilder bedient. 

Ich stehe mit meinen Kollegen noch immer etwas perplex vor dem Disney-Store. Eigentlich kann mir das Ganze ja völlig egal sein: Es ist Fasching, ich bin als Frau verkleidet. Heute Abend ziehe ich das Kostüm aus und bin wieder ein Mann.

Ein Mann, der sich in seinem Körper als Mann wohlfühlt und jeden Laden betreten und verlassen kann, den er will.

Unerwünscht in der Disney-Familie

Aber es gibt nun mal Menschen, die können ihr “Kostüm“ nicht ausziehen: Männer im falschen Körper, die sich als Frauen fühlen. Und Frauen, die spüren, dass sie eigentlich Männer sind.

Ganz allgemein Menschen, die sich in ihrem Körper nicht wohl fühlen.

Jugendliche, die verzweifelt ihre Identität suchen, weil sie merken, dass sie irgendwie anders sind. Und für all diese Menschen ist die Message dieses Tages aus dem Disneystore – man entschuldige die unprinzessinnenhafte Ausdrucksweise – scheiße:

Sowas ist nicht normal, sowas passt nicht in unsere Disney-Familie, sowas wollen wir nicht. Euch wollen wir nicht.

Als ich so vor dem Laden stehend darüber nachdenke, kommt schon das nächste Kind begeistert angelaufen:

“Elsa! Elsa!!“ Und während ich mit dem glücklichen Kind für ein Foto posiere, die Mutter lachend an der Kamera, werde ich das Gefühl nicht los, dass eigentlich auch die Securityfrau jetzt viel lieber hier draußen wäre, um mit uns zu feiern und Blödsinn zu machen. Denn es ist Fasching.