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29/05/2018 09:15 CEST | Aktualisiert 29/05/2018 09:15 CEST

Deutsche Unternehmen verstehen die Digitalisierung falsch

Es geht um die Wettbewerbsfähigkeit eines ganzen Landes.

YakobchukOlena via Getty Images
Sicher ist schon jetzt, dass sich jeder Arbeitsplatz früher oder später verändern wird (Symbolbild).

Die Digitalisierung hat für Unternehmen aller Größenordnungen höchste Priorität – jedenfalls malen Unternehmer, Manager und Politiker gerne dieses Bild in der Öffentlichkeit.

Dennoch: Vielfach wird immer noch nicht verstanden, was Digitalisierung wirklich bedeutet. Oft bleibt man bei der Digitalisierung des bestehenden Geschäftsmodells stecken.

Die Digitalisierung entlang der bestehenden Wertschöpfungskette ist aber lediglich Pflichtprogramm, um Unternehmen wettbewerbsfähig zu halten – auch wenn zum Beispiel Künstliche Intelligenz und Cloud-Technologien neue Möglichkeiten eröffnen. Dabei sollte es eigentlich um den Aufbau von digitalem Neugeschäft gehen.

Das Potenzial das in diesem Zusammenhang von disruptiven Geschäftsmodellen von Plattformen ausgeht, wird trotz prominenter Beispiele häufig noch unterschätz oder nicht richtig verstanden. 

Disruptive Innovationen über Plattformen

Disruption beschreibt laut Harvard Professor Clayton Christensen einen Prozess, bei dem ein meistens kleineres Unternehmen mit weniger Ressourcen etablierte Unternehmen erfolgreich herausfordert.

Die etablierten Unternehmen versuchen ihre Marktposition zu verteidigen, indem sie ihre profitabelsten und anspruchsvollsten Kunden mit ständig verbesserten Produkten und Dienstleistungen versorgen.

Der kleine Angreifer steigt mit seiner disruptiven Innovation in Randbereichen des bestehenden Marktes ein und gewinnt dann sukzessive Marktanteile hinzu, bis er die Marktdominanz erreicht hat.

Der Kontakt zu den Kunden geht verloren

Neu ist seit einigen Jahren, dass der Disrupter häufig in Form einer internetbasierten Plattform auftritt. Plattformen schieben sich zwischen die etablierten Unternehmen und deren Kunden.

Damit verlieren diese Unternehmen den direkten Kontakt zu den Kunden und müssen zudem einen nicht unerheblichen Teil ihrer ursprünglichen Marge an die Plattform abtreten.

Typischerweise gelingt dies, indem Plattformen traditionelle (lineare) Lieferketten nicht verbessern, sondern mithilfe innovativer Geschäftsmodelle auflösen und neue Netzwerke oder Märkte schaffen, wie das zum Beispiel bei Amazon, Netflix und Uber der Fall ist.

Wenige Plattformen beherrschen den Markt

Erfolgreiche Plattformen skalieren dabei durch den Netzwerkeffekt und den Vorteil, nicht notwendigerweise die Vermögenswerte und Ressourcen der ihnen unterliegenden Wertschöpfungsketten besitzen zu müssen.

Dies führt dazu, dass letztendlich eine oder wenige Plattformen die jeweiligen Märkte beherrschen. Aus Kundensicht bieten Plattformen den Vorteil, über eine Schnittstelle Zugang zu einem sehr großen Portfolio von Produkten oder Dienstleistungen zu erlangen.

Damit entsteht typischerweise auch ein stärkerer Kundenbindungseffekt, als es in der offline Welt der Fall ist.

Mehr zum Thema: Wie die Digitalisierung Gesellschaft, Geschäftsmodelle und Kundenbeziehungen der Industrie verändert

Plattform ist nicht gleich Plattform

Es gibt im Wesentlichen zwei Plattformarten: Horizontale und Vertikale Plattformen.

Horizontalen Plattformen wie Amazon oder Alibaba bieten branchenübergreifend Standardprodukte oder -dienstleistungen an.

Vertikale Plattformen vertreiben eine große Palette von spezialisierten Produkten oder Dienstleistungen für bestimmte Kundengruppen oder Branchen.

Ein Beispiel für eine vertikale Plattform ist die chinesische Chemie-Plattform Molbase mit über 100.000 Anbietern und Kunden. Die Plattform bietet darüber hinaus Services wie beispielweise Logistikdienstleistungen an und wickelt bereits fünf Jahre nach der Gründung monatlich Geschäfte im Wert von über 100 Millionen Euro ab.

Das traditionelle Geschäft kann unter Druck kommen

Während bei horizontalen Plattformen die großen US-amerikanischen und chinesischen Player uneinholbar vorne liegen, sind bei vertikalen B2B-Plattformen viele Märkte noch nicht besetzt.

Grundsätzlich sind etablierte Unternehmen aufgrund ihrer Industrieexpertise und den oft langjährigen Lieferanten- und Kundenbeziehungen prädestiniert, solche vertikalen Plattformen aufzubauen.

Der disruptive Charakter einer vertikalen Plattform für den Markt, in dem diese Unternehmen aktiv sind, stellt allerdings ein großes Hemmnis für die Einführung dar. Schließlich kann das traditionelle Geschäft erheblich unter Druck kommen, wenn sich der Disruptor selbst angreift.

Es entsteht eine Gefahr für die Plattformen

Dazu kommt, dass sich die Plattform nach dem initialen Aufbau durch das etablierte Unternehmen von diesem lösen muss, um über die gewonnene Unabhängigkeit auch direkt Wettbewerber als Plattformteilnehmer anzuziehen.

Gelingt der Aufbau einer Plattform auf Initiative von etablierten Unternehmen einer Branche nicht, besteht die Gefahr, dass sich ein Angreifer von außen zwischen diese Unternehmen und den Kunden schiebt.

Dieser Angreifer kann eine vertikale Plattform aus angrenzenden Industriebereichen, oder auch eine horizontale Plattform, die über die Zeit mehr und mehr spezialisierte Produkte und Dienstleistungen anbietet, sein.

Auch die Politik ist gefordert

Bisher haben alle Plattformdisruptionen außerhalb von Deutschland stattgefunden und es waren auch keine deutschen Unternehmen daran beteiligt.

Die meisten in Deutschland initiierten Industrie 4.0 Projekte sind hingegen nur darauf ausgerichtet, bestehende Produkte und Dienstleistungen zu verbessern. Werden beispielsweise statt einer Anlage Betriebslaufzeiten verkauft und das System mit vorausschauender Wartung optimiert ist das richtig und wichtig, aber noch lange kein disruptives Geschäftsmodell.

Mehr zum Thema: Digitale Technologien können tausende Menschenleben retten – wenn wir sie richtig anwenden

Um allerdings disruptive Innovationen voranzutreiben, bedarf es eines ausgeprägten digitalen Mindsets. Deutsche Unternehmen können dabei aufgrund ihrer internationalen Ausrichtung ins Ausland ausweichen, wenn sie im Inland nicht den entsprechenden Nährboden für diese Innovationen finden.

Die Politik hat noch nicht ausreichend verstanden, dass es nicht um die Wettbewerbsfähigkeit einzelner Unternehmen, sondern eines ganzen Landes geht.

Der Abstand zu den Regionen wird größer

Ein grundsätzliches Problem des Koalitionsvertrags in diesem Zusammenhang ist, dass viele sinnvolle Vorhaben erst viel zu spät wirken.

Dies wird deutlich, wenn man die globalen Venture Capital Investitionen des vergangenen Jahres betrachten. Von weltweit 150 Milliarden US-Dollar wurden 44 Prozent in den USA und 40 Prozent in Asien – überwiegend China – investiert.

Europa hatte einen Anteil von sieben Prozent und Deutschland weniger als zwei Prozent. Darüber hinaus wurden von den “big five“ Tech-Unternehmen - Apple, Amazon, Alphabet (Google), Facebook und Microsoft - jeweils zweistellige Milliardenbeträge in neue Technologien investiert.

Gleiches gilt in China für Alibaba, Tencent und Baidu. Im Ergebnis wird der Abstand zu beiden Regionen trotz aller Anstrengungen in Europa jeden Tag größer.

Die digitale Infrastruktur muss ausgebaut werden

Was Deutschland daher braucht ist ein massives digitales Förderprogramm mit Fokus auf schnell wirkenden Maßnahmen.

Wenn Kinder programmieren lernen sollen, muss jeder Schüler sofort einen Laptop bekommen und entsprechende Online-Kurse belegen. Deutschland kann nicht darauf warten, bis die Lehrer entsprechend ausgebildet sind.

Mehr zum Thema: Deutschland versteht die Digitalisierung falsch – Appell eines Start-up Gründers an die Politik

Digital Government muss jetzt eingeführt werden und die digitale Infrastruktur muss heute massiv ausgebaut werden, sonst ist es zu spät.

Gleiches gilt für Venture Capital. Deutschland muss seinen Anteil an den weltweiten VC-Investitionen deutlich erhöhen. So sollte beispielsweise umgehend mehr Kapital durch die Lockerung der Anlagebindung für institutionelle Anleger wie Versicherungen freigesetzt werden.

Digitalisierung wird jeden massiv betreffen

Es ist davon auszugehen, dass durch die Digitalisierung in Verbindung mit künstlicher Intelligenz etwa die Hälfte der heutigen Tätigkeiten wegfallen werden.

Durch neue Technologien, die neue Produkte und Dienstleistungen und damit auch neue Berufe hervorbringen, werden aber auch neue Arbeitsplätze entstehen. Zudem werden durch die Digitalisierung auch Arbeitsplätze gesichert, da in vielen Branchen Effizienzgewinne durch eine stärkere Automatisierung dazu beitragen, Produkte und Dienstleistungen günstiger zu machen und so die Nachfrage nach ihnen zu erhöhen.

Heftig diskutiert wird in diesem Zusammenhang, ob letztendlich mehr Arbeitsplätze wegfallen, als das neue entstehen. Der Hinweis, dass bisher bei jeder industriellen Revolution mehr Arbeitsplätze entstanden als weggefallen sind, hilft da nicht weiter.

Jeder Arbeitsplatz wird sich verändern

Für den Fall, dass tatsächlich am Ende weniger Arbeitsplätze zur Verfügung stehen, stellt sich die Frage, wie die Politik damit umgeht. Die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens würde die bestehenden Strukturen von Sozialstaaten tiefgreifend verändern, da es zu einer deutlich stärkeren Entkoppelung von Einkommen und Arbeit kommen würde.

Die große Frage, über welchen Zeitraum diese Umwälzungen am Arbeitsmarkt eintreten werden und welche Konsequenzen diese letztendlich für den Einzelnen haben, kann bisher nicht befriedigend beantwortet werden.

Sicher ist aber schon jetzt, dass sich jeder Arbeitsplatz früher oder später verändern wird. Darauf müssen sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer frühzeitig einstellen und schon heute ihren Mitarbeitern entsprechende Weiterbildungsmaßnahmen anbieten.