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27/03/2018 15:00 CEST | Aktualisiert 27/03/2018 15:00 CEST

Digitalisierung braucht Mut – und ein Flugtaxi-Projekt für jedes Ministerium

Dazu gehören mutige Vorstellungen.

Fabrizio Bensch / Reuters
Wir müssen es selbst anpacken.

Kaum waren der Koalitionsvertrag unterschrieben und die personelle Besetzung
veröffentlicht, gab es bereits den ersten Shitstorm. Dorothee Bär, neue Staatsministerin für Digitalisierung im Bundeskanzleramt hatte in einem Interview lieber von einem Flugtaxi, statt von den altbekannten Problemen beim Breitbandausbau sprechen wollen.

Insbesondere auf Twitter war die Häme groß. Kaum war eine Vision geäußert, wurde gleich an der gesamten Fachkompetenz gezweifelt. Dabei ist das Flugtaxi längst keine unrealistische Träumerei mehr: Airbus und Daimler arbeiten an entsprechenden Lösungen, das deutsche Startup Lilium sammelte bereits knapp 100 Millionen Euro ein, um einen Senkrechtstarter für die zivile Nutzung zu entwickeln.

Die Reaktionen zeigen, dass es bei der Flugtaxi-Debatte um viel mehr geht

In den USA, in China und anderswo wird ebenfalls an Lösungen gearbeitet, die insbesondere in den Megametropolen den Verkehr entlasten könnten. Doch statt nun darüber zu diskutieren, wie man eine solche Idee für die breite Bevölkerung sinnvoll nutzbar machen kann, hagelte es hauptsächlich Skepsis
und Ignoranz.

Die Reaktionen zeigen, dass es bei der Flugtaxi-Debatte um viel mehr geht. Es geht darum, ob wir uns in Deutschland generationsübergreifend zutrauen, Visionen zu entwickeln, die unser Land verändern können. Können wir Ideen mit Potential realisieren, sich auf einem immer dynamischer werdenden Weltmarkt durchzusetzen und damit hierzulande Arbeitsplätze schaffen, aber auch Qualitätsstandards nach unseren Vorstellungen durchsetzen, um beispielsweise Umwelt und Verbraucher gleichermaßen zu schützen?

Längst haben wir uns daran gewöhnt und halten es für völlig normal, dass Social Media Plattformen oder die Streaming-Dienste der Unterhaltungsindustrie aus den USA kommen, ebenso wie die Produzenten unserer Smartwatches, Smartphones oder Tablets nicht aus Deutschland stammen.

Sobald es konkret wird scheitert der wohlgemeinte Ausspruch oft an der Realität

Wir kaufen unsere Produkte über Plattformen aus den USA und beklagen zugleich, dass deutsche Innenstädte aussterben und dem Staat Steuereinnahmen fehlen.

Zwar wird parteiübergreifend landauf und landab gerne davon gesprochen, dass das nächste Silicon Valley an Elbe, Isar oder Spree entstehen soll. Doch sobald es konkret wird scheitert der wohlgemeinte Ausspruch oft an der Realität.

So hat es beispielsweise der rot-grüne Hamburger Senat auch mehr als zwei Jahre nach dem Beschluss der Bürgerschaft zur Einrichtung eines 100 Millionen schweren Venture Capital Fonds als Kooperation zwischen Stadt und Privatwirtschaft nicht geschafft, ein Managementteam zu finden, ein Konzept zu
entwickeln oder gar erste Investoren zu präsentieren.

Mehr zum Thema: “Hart aber Fair”: CDU-Mann stempelt Arbeitslose als faul ab – mit einem Satz

Innovationen scheitern oft an ganz einfachen Dingen: fehlenden Ressourcen und einem entsprechenden Mindset. Die Flugtaxi-Debatte verdeutlicht das einmal mehr. Dabei braucht eigentlich jedes Ministerium auf Landes- und Bundesebene ein eigenes Flugtaxi-Projekt, eine Vision, wie das eigene Ressort einen Beitrag zur Weiterentwicklung unseres Landes leisten wird.

Dafür braucht es personelle Kompetenzen in den Behörden, die in Möglichkeiten denken darf, nicht nur in Paragraphen. Diese Voraussetzungen lassen sich ähnlich auch auf den deutschen Mittelstand übertragen.

Wir müssen es selbst anpacken

Wir müssen die Angstdebatten rund um den Datenschutz transformieren in Mutdebatten über Datensouveränität. Wir müssen erkennen, dass Digitalisierung nicht nur bedeutet, Schulen mit Tablets auszustatten, sondern Kindern Programmieren beizubringen.

Und wir müssen es selbst anpacken, wenn wir in Bereichen wie der künstlichen Intelligenz und der Blockchain-Technologie, im Internet of Things und in der Industrie 4.0 globale Standards definieren wollen.

Das funktioniert nur, wenn Innovationen auch wieder Made in Germany
sind und von hier aus vermarktet werden. Wir brauchen einen neuen Gründergeist. Dazu gilt es, die Vorteile von Digitalisierung und modernen Technologien im ganzen Land nutzbar auszugestalten und die Gesellschaft in ihrer ganzen Breite dafür zu begeistern.

Junge Talente sollten wir motivieren, nicht nur an Karrieren in Großkonzernen und Behörden zu glauben, sondern an die Verwirklichung eigener Ideen und Projekte.

Dazu gehören mutige Vorstellungen

Doch kaum ist die Tinte unter den Ernennungsurkunden der neuen Bundesregierung getrocknet, verlieren wir uns schnell wieder in Armuts- und
Umverteilungsdebatten, Kompetenzgerangel und dem üblichen Schwarze-Peter- Spiel zwischen Bund und Ländern.

Der Koalitionsvertrag bietet so viel Potential für Visionen, wie es lange bei einer
Bundesregierung nicht mehr der Fall war. Mit einer personellen und institutionellen Verankerung des Themas Digitalisierung im Kanzleramt geht die CDU-geführte Bundesregierung einen weiteren großen Schritt.

Doch die Herkulesaufgabe steht uns noch bevor, parteiübergreifend, landauf und landab: wir müssen die Skepsis vor der Zukunft umwandeln in die notwendige Energie, unsere Zukunft wieder selbst zu gestalten. Dazu
gehören auch mutige Vorstellungen, die über das Jahr 2021 hinaus gehen.