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22/06/2018 16:50 CEST | Aktualisiert 22/06/2018 16:50 CEST

Digitale Transformation: Wir brauchen mehr Aufbruchstimmung

Deutschland muss aus dem analogen Dornröschenschlaf aufwachen.

Vasyl Dolmatov via Getty Images
Für die deutschen Unternehmen stellt die digitale Transformation aber einen radikalen Umbruch dar.

“Deutschland ist digitales Entwicklungsland”, “Deutschland wird digital abgehängt”, “Deutschland bei der Digitalisierung nur im Mittelfeld” - üblicherweise beschreiben solche Schlagzeilen den Status quo der digitalen Transformation in Deutschland.

Sicherlich herrscht in Sachen Digitalisierung hierzulande noch reichlich Nachholbedarf - das zeigt auch die Studie “Digitale Transformation 2018”, die etventure gemeinsam mit der GfK zum dritten Mal in Folge unter deutschen Großunternehmen durchgeführt hat. Und dennoch muss die Gesamtsituation weitaus differenzierter betrachtet werden - auch das ist ein Ergebnis der Studie.

Die Politik muss handeln - aber auch die Unternehmen

So bewerten die befragten Unternehmen den digitalen Wirtschaftsstandort Deutschland mit einer Durchschnittsnote von gerade einmal 3,3. Die Politik muss nicht nur in den viel geforderten Breitbandausbau und in Gründerinitiativen investieren, sondern vor allem auch die digitale Bildung im Rahmen der Schulausbildung vorantreiben.

► Auch die Digitalisierung der Verwaltung ist längst überfällig, genauso wie eine Anpassung der Rechts- und Sozialsysteme an die Rahmenbedingungen der neuen, digitalisierten Arbeitswelt.

► Gleichzeitig muss aber auch in den Unternehmen etwas passieren. Digitalisierung meint eben nicht nur die Optimierung von Prozessen und Strukturen mithilfe digitaler Technologien, sondern vor allem die Entwicklung radikal neuer, disruptiver Geschäftsmodelle.

Das ist in vielen Unternehmen noch nicht angekommen.

Deutschland erwacht aus dem analogen Dornröschenschlaf

Doch es gibt auch gute Neuigkeiten: Die deutschen Unternehmen sind mittlerweile aus dem analogen Dornröschenschlaf erwacht und beginnen, die digitale Transformation ernst zu nehmen.

Doch der Fortschritt vollzieht sich zu langsam. Viele Mitarbeiter tun sich mit
Veränderungen schwer – auch, weil ihnen das entscheidende Digital-Knowhow fehlt. Dem Management gelingt es bislang noch nicht, die Belegschaft auf die Reise mitzunehmen.

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Gleichzeitig bringen Startups und digitale Quereinsteiger mit neuen Geschäftsmodellen ganze Industrien ins Wanken. Für die deutschen Unternehmen stellt die digitale Transformation aber einen radikalen Umbruch dar. Denn klassischerweise herrscht in Deutschland ein “Ingenieursdenken” vor,
Perfektion und Sicherheit werden groß geschrieben. Das ist auch gut so, denn genau diese Stärken haben uns groß gemacht.

Digitaler Wandel braucht Agilität statt Perfektion

Genau diese Mentalität ist es aber, die deutschen Unternehmen bei der Digitalisierung und der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle im Weg steht. Wie soll in diesem Land Aufbruchstimmung entstehen, wenn jeder halbwegs revolutionäre Vorschlag direkt in der Luft zerrissen wird?

Ob in Politik, Wirtschaft oder Gesellschaft - innovative Ideen und mutige Visionen werden durch destruktive Debatten und eine Meckerkultur oft schon im Keim erstickt, bevor es überhaupt zur Umsetzung kommen kann.

Gerade jetzt brauchen wir aber keine perfekten, elaborierten Lösungen, sondern Menschen, die etwas wagen. “Move fast and break things” – mit diesem Motto startete Facebook, um das größte soziale Netzwerk der Welt zu werden. Ich würde Deutschland und all den Menschen, die so schnell mit Kritik bei der Hand sind, eine kleine Portion dieser Mentalität wünschen.

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Auch Unternehmen müssen diese neue Denk- und Herangehensweise zulassen – weg von starren Prozessen hin zu Agilität und weg vom Fokus auf das Produkt hin zum Kunden.

Es versteht sich von selbst, dass ein solcher Umbruch nicht von heute auf morgen vonstatten gehen kann und mit den bestehenden Strukturen im Unternehmen kollidiert.

Deutschland geht es zu gut

Ein weiterer Grund für die stockende Digitalisierung: Deutschland geht es aktuell zu gut. Das mag zunächst absurd klingen, da ja gerade durch die florierende Wirtschaft auch umfangreiche Investitionen in die digitale Transformation durchaus möglich sind.

Tatsächlich wiegen sich Unternehmen, ebenso wie die Politik, dadurch aber in vermeintlicher Sicherheit. Die ausgezeichnete Wirtschafts- und Arbeitsmarktsituation täuscht darüber hinweg, dass Politik, Wirtschaft und Gesellschaft jetzt handeln müssen.

Das betrifft die digitale Infrastruktur, die öffentliche Verwaltung sowie Unternehmen jeder Branche. Denn auch wenn Deutschland im digitalen Wettlauf die erste Runde verloren hat, haben wir alle Chancen, bei der zweiten Runde vorne dabei zu sein.

Dabei zwingt die Digitalisierung kein Unternehmen, seine Stärken aufzugeben oder das erfolgreiche Kerngeschäft zu gefährden – im Gegenteil. Stattdessen gilt es, die klassischen Werte deutschen Unternehmertums in eine neue Ära zu überführen.

Analytische Methoden und hohe Qualität sind auch im digitalen Zeitalter weiterhin gefragt. Gepaart mit Schnelligkeit, Daten-Kompetenz und einer kundenzentrierten Herangehensweise können sie zu einem weltweit einzigartigen Erfolgsrezept werden, das das Gütesiegel “Made in Germany” auch in einer digitalisieren Wirtschaftsordnung aufrecht erhält.