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19/11/2018 17:03 CET | Aktualisiert 19/11/2018 19:10 CET

Dieses Wort diskriminiert Frauen – lasst es uns endlich abschaffen

Worte schaffen Wirklichkeit.

JulyProkopiv via Getty Images

Es muss so im zehnten Schuljahr gewesen sein. Im Geschichts-Unterricht sprachen wir über Feminismus und mein Klassenkamerad Benedikt wollte mich ärgern:

“Warum heißt es denn eigentlich ‘Die Geisel’, Gunda?” Ich steckte mein Mäppchen in den Rucksack, sah ihn an und fragte zurück: “Warum heißt es eigentlich Der Idiot?”

Dass das grammatikalische Geschlecht nichts mit den Eigenschaften des Wortes zu tun hat, wussten wir beide. Aber was wir auch beide wussten: Worte sind wichtig. Worte können nicht nur ärgern, sie können auch verletzen und sie können zur Waffe werden, da, wo man sonst nur mit Gewalt hinkommt: Ins Private, ins Intime.

Worte schaffen Wirklichkeit. Das wissen auch Marketingexperten, die sich mühevoll überlegen, wie sie ein neues Produkt nennen, denn sie wissen: Allein der Name kann schon bewirken, dass es besser gefällt.

Worte schaffen Wirklichkeit – das gilt auch bei den Genitalien

Das wissen Politiker und PR-Manager, die sehr sorgfältig abwägen, mit welchen Worten sie in den Wahlkampf ziehen oder Pressekonferenzen abhalten. Das wissen wir alle, wenn wir darüber nachdenken, wie wir jemandem unsere Zuneigung gestehen.

Worte schaffen aber nicht nur Wirklichkeit, sie drücken auch eine Geschichte aus. Das fiel mir neulich wieder auf. Eigentlich sogar eher zufällig. Ich hatte gerade einen Artikel für watson.de zu der korrekten Benennung der weiblichen Genitalien recherchiert.

Viele Begriffe, alle mit einer Geschichte. Ich ging meine Notizen durch: Vulva, Klitoris, Vagina, Schamlippen… Schamlippen? Warum eigentlich Schamlippen? Was hat die Scham an unserer Vulva verloren? Ich schaute im Duden nach, welches Wort ich alternativ verwenden könnte. Doch ich fand: nichts.

Worte drücken Geschichte aus. Und die Schamlippen weisen auf eine Geschichte der unterdrückten Sexualität, der Diskriminierung weiblicher Lust und der Beschämung weiblicher Körper hin.

Doch diese Geschichte ist noch nicht vorbei. Wer wissen will, wie lebendig die Scham für viele Frauen noch ist, der muss sich nur mal mit Gynäkologen, Sexualtherapeuten und Psychologen unterhalten.

Diskriminierung weiblicher Sexualität

Und so kam mir die Idee. Es kann doch nicht sein, dachte ich, dass wir ein Körperteil nicht benennen können, ohne dabei von Scham zu sprechen. Denn Worte schaffen Wirklichkeit, remember? Für Schamgegend kann man auch Genitalbereich sagen, aber die Schamlippen sind laut Duden alternativlos die Schamlippen.

Ich beschloss, das zu ändern. Und zwar radikal und sofort. Ich möchte, dass es ein anderes Wort im Duden dafür gibt.

Ich erzählte Mithu Sanyal, Journalistin, Kulturwissenschaftlerin und Autorin von “Vulva - Die Enthüllung des ‘unsichtbaren’ Geschlechts” von meiner Idee. Sie war sofort dabei. Und wir beide fanden, dass wir auch gar nicht lange nach einem Wort suchen müssen: Es sind die Lippen der Vulva, nennen wir sie also Vulvalippen!

Vulvalippen in den Duden

Und so haben wir eine Kampagne gestartet. Vulvalippen in den Duden. Wir haben geschrieben, getwittert, Interviews gegeben, und schließlich eine Petition bei change.org gestartet: Mehr als 31.000 Menschen haben schon unterschrieben. Es sollen noch viel mehr werden!

► Hier könnt auch ihr unterschreiben 

Denn wie bekommt man ein neues Wort in den Duden? Genau. Indem es so oft wie möglich verwendet wird. Wir müssen also Aufmerksamkeit darauf lenken, Leute überzeugen, das Wort so oft wie möglich zu nutzen. Wir sollten uns nicht länger vorschreiben lassen, dass die Scham etwas mit unseren Körpern zu tun hat.

Vulvalippen. Es ist nur ein Wort. Aber es ist natürlich nicht nur ein Wort, sondern es ist ein Zeichen für all das, für was wir uns schämen, für all das Unausgesprochene zwischen unseren Schenkeln und die Angst in unseren Köpfen. Lasst uns mit diesem Wort anfangen und lasst uns mit ganz vielen anderen Worten weitermachen. Es hat sich aus-geschämt.