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31/05/2018 19:56 CEST | Aktualisiert 31/05/2018 19:56 CEST

Dieser Chef kürzte sein Gehalt, damit seine Mitarbeiter mehr bekommen

Heute liege das durchschnittliche Gehalt bei Gravity bei 103.000 US-Dollar.

Getty
Unternehmer Dan Price

Vor drei Jahren wurde Dan Price über Nacht berühmt.

Der damals 31-jährige Tech-Unternehmer sorgte weltweit für Schlagzeilen, als er verkündete, sein eigenes Gehal von 1,1 Millionen US-Dollar zu kürzen, um jedem Mitarbeiter mindestens 70.000 Dollar im Jahr zu zahlen.

Sein Millionärs-Gehalt möge zwar handelsüblich sein bei Firmenchefs, sagte er seinen Angestellten, aber “meine Entlohnung ist wirklich, wirklich hoch”.

“In dem Film ‘Social Network’ gibt es diese Szene, in der einer der Charaktere zu Mark Zuckerberg sagt, dass ’eine Millionen Dollar nicht mehr cool ist, eine Milliarde Dollar ist cool”, erklärt Price im Büro seiner Kreditkarten-Firma in Seattle der HuffPost. ”Ich glaube, das ist einer der schlimmsten Sätze in der Filmgeschichte. Was wirklich cool ist: Wenn man versucht, sein Bestes zu geben.”

Kritik wird laut

Seine Idee mit den gerechten Löhnen wurde anfangs mit Begeisterung aufgenommen. Ein Video, in dem die größtenteils jungen Angestellten von Prices Firma Gravity Payments die Nachricht bejubeln, verbreitete sich rasant im Netz. Auftritte in Talkshows und ein Buchvertrag folgten für den Unternehmer.

Doch dann tauchte plötzlich eine Klage seines Bruders (und Mitinhabers von Gravity) Lucas auf, in der er behauptete, dass Price, der Posterboy für moralischen Kapitalismus, sich selbst kürzlich eine ”übermäßig hohe Entlohnung” ausbezahlt habe.  

Dan Price war auch gezwungen, Vorwürfe seiner Ex-Frau zu bestreiten. Sie bezichtigte ihn der häuslichen Gewalt. Er selbst bezeichnete die Anschuldigungen als “eindeutig falsch”.

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Kritiker wurden laut, seine vermeintliche Großzügigkeit sei nur eine PR-Aktion. Es sah danach aus, als würde ihm die Geschichte auf die Füße fallen.

Oder etwa doch nicht?

Dem Unternehmen und den Mitarbeitern geht es besser also jemals zuvor

Heute liege das durchschnittliche Gehalt bei Gravity bei 103.000 US-Dollar, teilt das Unternehmen mit. Und jeder verdiene mehr, als den von Price veranschlagten “Mindestlohn” von 70.000 Dollar im Jahr. Wie er es versprochen hat.

Darüber hinaus ist die Firma auch wirtschaftlich erfolgreich. Gravity behauptet, dass die Zahl ihrer Kunden um 80 Prozent gestiegen sei, seit das Experiment läuft.

Price aber betont, dass er den Erfolg nicht am finanziellen Ergebnis bemisst, sondern daran, wie das höhere Gehalt das Leben der Menschen verändert hat.

Er betont daher:

“Die Geburtenrate innerhalb des Unternehmens ist von null auf zwei Babys im Jahr gestiegen. Seitdem gibt es 20 Neugeborene. Also das war wirklich aufregend. Die Eigenheim-Käufe haben sich erheblich gesteigert. Ich finde, das ist großartig.”

Boston Globe
Dan Price mit Angestellten von Pharmalogics und der CEO Megan Driscoll.

Gravity hat mittlerweile auch Nachahmer gefunden. Nachdem der Firmenchef von Pharmalogics Recruiting in Boston die Rede von Price gehört hatte, steigerte er das Einstiegsgehalt 2016 in seinem Unternehmen um 33 Prozent.

Im vergangenen Monat hat das Tech-Unternehmen rented.com aus Atlanta bekanntgegeben, dass der Lohn der Mitarbeiter auf 50.000 Dollar im Jahr ansteigen soll – in Anlehnung an Price.

Jetzt hat Price eine neue Vision

Nicht alle bei Gravity haben sich allerdings über den Lohnzuwachs gefreut. Zwei Mitarbeiter, die bereits rund 70.000 Dollar verdienten, hätten gekündigt, sagt Price. Sie hätten es als demotivierend oder unfair empfunden, dass nun Belohnungen auf dem Silbertablett ausgehändigt würden.

Er aber meint, dass der “Mindestlohn” dabei geholfen hat, dass andere Mitarbeiter “länger dabeibleiben”, statt zu einem größeren Unternehmen zu wechseln. Die Klage seines Bruders ist inzwischen gescheitert. 

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Dan Price hat jetzt eine neue Mission: Die Oligarchen der Tech-Industrie daran zu hindern, kleinere, unabhängige Unternehmen zu schlucken. 

Aber genau wie bei seinen Plänen für eine gerechte Entlohnung fragen sich einige Beobachter, ob seine Kampfansage an die Tech-Giganten nicht ein wenig zu schön ist, um wahr zu sein.

Doch sein Kampf für mehr Gerechtigkeit in der Wirtschaft treibt den Amerikaner schon lange an. 

Dan Price war eines von sechs Kindern. Er wurde von evangelischen Eltern, im ländlichen Teil von Idaho zu Hause unterrichtet. Bis er zwölf Jahre alt war. Er konzipierte sein Unternehmen Gravity, während er als jugendlicher Musiker bei kleinen Veranstaltungen auftrat.

Damals kam er zu dem Schluss, dass sie von großen Kreditkarten-Unternehmen bei den Bearbeitungsgebühren für ihren Lohn abgezockt wurden. Eine günstigere Lösung musste her.

Der Wohlstand ist zu stark an der Spitze der Gesellschaft konzentriert – mit fatalen Folgen

Seine Vorstellung, dass Gehaltszahlungen gezinkt werden, verband sich mit seiner eigentlichen Mission, den Davids dieser Welt den Rücken zu stärken im Kampf gegen großunternehmerische Goliaths.

Und mit dem politischen Glauben, dass der Wohlstand zu stark an der Spitze der Gesellschaft konzentriert ist.

“Man schaue sich die Erlöse an, die Investoren erwarten und die Bewertungen, die wir Unternehmen geben. Das ist völlig aus den Fugen geraten. 80 Prozent des Vermögens, das im vergangenen Jahr erwirtschaftet wurde, ging an das obere eine Prozent der Gesellschaft. Hauptsächlich über Eigentumsrechte und geschätzte Vermögenswerte. Das Einkommen der eigentlichen Arbeiter sinkt währenddessen von Jahr zu Jahr.  

Wenn wir der großen Mehrheit der Menschen auf dieser Welt weiter die Grundbedürfnisse wegnehmen, um einen kleinen Prozentteil mit Wohlstand und Macht zu glorifizieren, dann braucht es nicht viel Vorstellungskraft, um sich daran zu erinnern, dass das für alle schlimm enden wird.”

Price meint, dass der Druck für Firmenchefs ungesund sei, ihren Aktionäre große Erträge zu verschaffen, um so ihre überhöhten Gehälter zu rechtfertigen. Er unterstützt die Idee einer Anteilszahlung. Das Gehalt eines Firmenleiters sollte sich an dem Einkommen eines normalen Arbeiters orientieren.

“Sagen wir, du kannst nur rund 20 oder 30 Mal so viel verdienen wie ein normaler Arbeiter. Dann würde das den Firmenchefs den Anreiz nehmen, das Spiel für den Profit ihrer Aktionäre zu manipulieren. Sie würden das Richtige tun wollen.”

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Price sagt, er habe Kredite für sein Haus und seine Altersvorsorge aufgenommen, sein Gehalt um mehr als 90 Prozent reduziert und “Annehmlichkeiten” wie seinen persönlichen Assistenten geopfert, um die Kosten von 1,8 Millionen Dollar zu decken und der Hälfte seiner Belegschaft von 117 Mitarbeitern eine Gehaltserhöhung zu geben.

Viele würden sich freuen, wenn Price scheitert

Price hat noch immer ein sehr gutes Einkommen. Nachdem nun der “Mindestlohn” ausbezahlt wird, diskutiert der Aufsichtsrat von Gravity darüber, wann sich Price möglicherweise wieder das branchenübliche Gehalt eines Firmenchefs gönnen kann.

Price hat Opfer erbracht, die viele Firmenchefs nicht erbringen würden. Und das sorgt für unangenehme Fragen von seinen Kollegen in Führungsriegen anderer Unternehmen.

Einige aus der amerikanischen Unternehmerwelt würden sich freuen, wenn Price scheitern würde. Der Gravity-Chef behauptet, dass der Leiter einer regionalen Bank keine Geschäfte mit seiner Firma  machen wolle – wegen ihrer “politischen Haltung”.

Aber das hat ihn nicht davon abgehalten, einen neuen politischen Streit über eine Steuererhebung für lokale Arbeitgeber vom Zaun zu brechen. Diese Steuer soll eine finanzielle Unterstützung sein, um das Wohnen in Seattle erschwinglicher zu machen.

Er sagt Amazon den Kampf an

Sie soll die steigenden Grundstückspreise ausgleichen, die der Technologieboom in der Stadt mit sich gebracht hat. Price war frustriert, als Amazon zunächst die Erweiterung seines Hauptsitzes in Seattle auf Eis legte, nachdem die geplante Steuererhöhung bekannt wurde.

Viele in Seattle sahen den Schritt als eine Drohung Amazons, Arbeitsstellen auszulagern. 

“Ich glaube einfach, das es ein aggressives Zeichen des zügellosen Kapitalismus ist, wenn man sagt, wir interessieren uns eigentlich für nichts anderes als für Geld.

Wenn ich meine Stimme erheben muss gegen eine Firma wie Amazon, die wie ein Aushängeschild für Erfolg gesehen wird und dennoch keinen existenzsichernden Lohn zahlt im Durchschnitt – ich finde, das ist verrückt.”

Aber das ist nicht sein einziger Streitpunkt von Price mit Amazon.

“Den Großteil unserer Zeit verbringen wir gerade damit, der Frage nachzugehen: Wie können wir Amazon und andere Firmen des gleichen Kalibers davon abhalten, unabhängigen Unternehmen und Familienbetrieben zu schaden?

Also haben wir in den vergangenen Jahren buchstäblich Millionen von Dollar ausgegeben, um die besten Cloud- oder Software-Lösungen zu finden, damit unabhängige Firmen mithalten können.”

Die Idee dahinter ist, über die Zahlungsabwicklung hinaus zu expandieren, hin zu anderen Software-Modellen. Es geht um die Abdeckung von Dienstleistungen, die kleinen Unternehmen derzeit noch von großen Plattformen gegen Bezahlung angeboten werden.

Ein Beispiel wäre eine Software, die es einem Restaurant aus der Nachbarschaft ermöglicht, einen Lieferservice einzurichten – ohne dabei von Lieferplattformen wie UberEats oder Lieferando abhängig zu sein.

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Möglicherweise sind manche von Prices Ideen dazu nur ein Marketing-Coup. Aber die faszinierende Frage ist, ob es die kleinen Unternehmen überhaupt interessiert, was Price antreibt, solange sie von seinen Produkten profitieren. 

Fühlt er sich rehabilitiert, drei Jahre nach seinem Gehaltsexperiment und dem darauffolgenden Rückschlag? Price stockt kurz, bevor er antwortet:

“Ich glaube, es hat sich bislang gezeigt, dass meine Kritiker falsch lagen. Jemand, mit dem ich zusammengearbeitet habe, meinte zu mir: ’Dan, ich hinterfrage nicht deine Beweggründe, aber um ehrlich zu sein... es ist mir auch egal, wenn ich hier sitze und darüber spekuliere, was deine Beweggründe sind.’

“Ich finde, das ist ein guter Punkt. Es scheint nämlich schwierig zu sein, die Gedanken eines anderen zu lesen. Aber auf lange Sicht gesehen, werden entweder meine Unterstützer oder die Zyniker Recht behalten. Wir müssen einfach abwarten.”

Dieser Artikel ist zuerst in der HuffPost US erschienen und wurde von Patrick Steinke aus dem Englischen übersetzt.

(ujo)