POLITIK
12/12/2018 15:34 CET | Aktualisiert 13/12/2018 11:02 CET

Dieser Mann demonstriert seit Monaten gegen den Brexit – das treibt ihn an

"Der Brexit ist ein zu wichtiges Thema, um einfach zuzusehen.”

Im Video oben seht ihr den unermüdlichen Steve Bray im Einsatz.

Auch an diesem Mittwoch werden die Rufe von Steve Bray wieder zu hören sein. In den Live-Schalten der britischen Medien vor dem Parlament in London ertönt dann: “Stoooooooop Brexit!”

Seit mehr als einem Jahr demonstriert Bray fast jeden Tag von 11 bis 18 Uhr lautstark in London gegen den Austritt seines Landes aus der Europäischen Union. Er läuft mit seinen Schildern, der EU-Flagge, seinem blauen Hut und seinem blauen Pulli umher und schreit “Stop Brexit”. 

Steve Bray aus Wales ist zum bekanntesten Demonstranten gegen den Brexit geworden. Seine Rufe sind zu hören, wenn Premierministerin Theresa May vor die Presse tritt. Seine Schilder sind im Hintergrund zu sehen, wenn Moderatoren Politiker vor dem Parlament befragen. Immer wieder schafft Bray es, seine Botschaft über die Medien zu verbreiten. 

Ein Mann, allein gegen den Brexit.

Während viele Briten und Europäer das politische Chaos in London mit Häme, Fassungslosigkeit oder Apathie beobachten, während Theresa May eisern an ihren Plänen festhält und nun ein Misstrauensvotum überstehen muss, kämpft Steve Bray gegen alle Widrigkeiten weiter für seine Überzeugung: Der Exit vom Brexit ist möglich

Ein-Mann-Protest gegen den Brexit 

Brays Geschichte als Ein-Mann-Demonstration begann im September 2017. “Ich war immer noch wütend über die Lügen der Leave-Kampagne und all das schreckliche Anti-Migrationsgetöse und ich war frustriert darüber, wie schlecht die Regierung mit allem umgeht”, schreibt der Münzhändler aus Wales in einem Gastbeitrag für die britische Ausgabe der HuffPost

Als ihm klar geworden sei, wie sehr der Brexit Großbritannien wirtschaftlich schaden kann, sei er nach London gekommen, um etwas dagegen zu unternehmen. “Niemand hat dafür gestimmt, ärmer zu sein”, steht auf einem der Plakate von Bray. 

Getty Editorial
Steve Bray vor dem britischen Parlament. 
Ich habe einen Enkel. Wenn wir die EU verlassen, wird er nicht die Vorteile und Rechte genießen, die ich hatte – das ist eine große Ungerechtigkeit. Steve Bray

Es ist eines der Hauptargumente der Brexit-Gegner. Sollte Großbritannien die EU ohne eine unterschriebene Einigung verlassen, droht die Wirtschaft auf den britischen Inseln innerhalb eines Jahres um acht Prozent zu schrumpfen, heißt es in einem Bericht der Bank of England. Aber auch mit einer Einigung wird das wirtschaftliche Wachstum deutlich schwächer ausfallen. 

Es geht um sehr viel beim Brexit.

“Der Austritt aus der EU wird sich auf unser aller Leben auswirken, insbesondere auf die Jugend und ihre Zukunft”, schreibt Bray. “Ich habe einen Enkel, und wenn wir die EU verlassen, wird er nicht die Vorteile und Rechte genießen, die ich hatte – das ist eine große Ungerechtigkeit. Und wofür?”

Auch Feindseligkeiten halten Bray nicht auf 

Großbritannien war und ist ein tief gespaltenes Land. 52 Prozent der Briten stimmten 2016 für den EU-Austritt.

Unter den 18- bis 24-Jährigen aber waren fast zwei Drittel der Wähler dagegen. Dazu kommen all die Briten, die beim Brexit-Referendum noch zu jung waren, um selbst abzustimmen – aber deren Zukunft dabei auch bestimmt wurde. 

Für diese Menschen will Bray ein Sprachrohr sein. Für sie schreit er jeden Tag “Stop Brexit”. 

Zu Beginn habe Bray nur mit wenigen Menschen demonstriert. Einige hätten Angst gehabt, das Wort “Remain”, die Forderung nach einem Verbleib in der EU, überhaupt auszusprechen. 

Man hat mich angeschrien – man hat mich als Verräter bezeichnet. Steve Bray

Feindseligkeit erlebt Steve Bray immer wieder. “Man hat mich angeschrien – man hat mich als Verräter bezeichnet und mir gesagt, ich solle endlich ein richtiges Leben führen.” 

Aber es gab auch schnell positive Reaktionen: “Es dauerte nicht lange, bis die Abgeordneten und Lords anfingen, uns für unseren Protest zu danken und uns sagten, dass sie uns im Parlament hören können”, schreibt Bray. “Das gab mir immer einen Schub weiterzumachen, besonders an den Tagen, an denen es eiskalt oder nass war!”

Der Anti-Brexit-Mann wurde zur Internetsensation

Zu Ruhm brachte es Bray im Internet, als er sich in Live-Interviews der BBC immer wieder ins Bild schlich. Er hält dann seine Botschaften in die Kameras. Wechselt die Kameraperspektive, läuft Bray einige Schritte, um wieder im Bild zu sein. 

Er benutzt auch einen meterlangen Stab, um seine Botschaft im Hintergrund eines Interviews auf einer erhöhten BBC-Bühne unterzubringen. 

Wenn London wieder im Brexit-Chaos versinkt, wenn das Horrorszenario eines ungeregelten Austritts wieder unvermeidlich erscheint – dann wird Bray zum Zeichen für eine andere Zukunft. Er erinnert Millionen Zuschauer daran, dass es noch immer einen Teil der britischen Bevölkerung gibt, der in der EU verbleiben möchte. 

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Anti-Brexit-Bewegung im Aufschwung 

Längst ist Bray vor dem Parlament nicht mehr allein. Mittlerweile flattern dutzende EU-Flaggen in Westminster. “Die Unterstützung, die ich täglich erhalte, ist überwältigend und zeigt, wie viele Menschen es gibt, die sich genauso fühlen”, schreibt er. 

Die Anti-Brexit-Bewegung ist im Aufschwung, so scheint es. Anfang Dezember überreichten Labour-Politiker der Regierung eine Petition für ein zweites Referendum mit einer Millionen Unterschriften. 

Wie eine erneute Abstimmung über den Brexit ausgehen würde, ist jedoch unklar. Zwar würden sich derzeit laut einer Umfrage von YouGov 46 Prozent für “Remain”, also für den Verbleib in der EU, und nur 42 Prozent für den Austritt entscheiden. Aber sieben Prozent der Befragten gaben auch an, sich nicht entscheiden zu können.

Vor Großbritannien liegt eine ungewisse Zukunft. Sollte May das Misstrauensvotum verlieren, könnte es tatsächlich zu einem zweiten Referendum kommen. Aber auch neue Verhandlungen mit der EU über den Brexit oder Neuwahlen sind möglich. 

Bray jedenfalls gibt nicht auf. Er will so lange demonstrieren, bis der Brexit gestoppt ist.

“Ich bin die Art von Mensch: Wenn mir etwas wichtig ist, dann gebe ich alles dafür. Das tue ich hier”, schreibt er. “Wenn du nicht für das kämpfst, woran du glaubst, dann hast du bereits verloren. Der Brexit ist ein zu wichtiges Thema, um einfach zuzusehen.” 

huffpost

Dieser Beitrag ist Teil des HuffPost-Adventskalenders. Hier stellen wir jeden Tag einen Menschen vor, der uns durch seine besondere Geschichte Mut macht. Alle Beiträge findet ihr hier. 

(jkl/ben)