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22/11/2018 13:28 CET | Aktualisiert 22/11/2018 13:43 CET

Diesen Frauen wurde gesagt, ihr Körper sei eine Schande – sie haben sich gewehrt

Sie wurden verstümmelt, vergewaltigt und verhaftet.

Perspective Daily

Deborah Feldman wurde in eine ultraorthodoxe jüdische Gemeinde im New Yorker Stadtteil Williamsburg hineingeboren. Mit 17 Jahren verheiratet ihre Familie sie an einen fremden Mann, von dem sie sofort ungewollt schwanger wird.

Doris Wagner trat nach dem Abitur einer streng katholischen Glaubensgemeinschaft bei, die Armut, Keuschheit und Gehorsam verlangt. Als sie einer der Pater das erste Mal vergewaltigt, hat sie schon lange keinen eigenen Willen mehr.

Sie praktizieren das Patriarchat, die universelle Religion. Leyla Hussein, Psychotherapeutin und Aktivistin gegen weibliche Genitalverstümmlung

Die geborene Somalierin Leyla Hussein war erst sieben Jahre alt, als ihre Welt einen Riss bekam. Die Frauen, denen sie zuvor vertraut hatte, Tanten und Nachbarinnen, wurden zu Gewalttäterinnen im Namen von Tradition, Kultur und Religion: Sie verstümmeln Leyla Husseins Genitalien.

Rokudenashiko wuchs in einer Kultur auf, in der weibliche Sexualität ein absolutes Tabu ist. Heute ist sie Künstlerin. Manche sehen in ihr aber auch eine Kriminelle. Ihr Verbrechen: In ihrer Kunst arbeitet die Japanerin mit 3D-Abdrücken ihrer Vulva. Im Jahr 2014 wird sie dafür verhaftet.

Vithika Yadav wurde als Mädchen in Indien von Männern begrapscht und belästigt. Sie hat gelernt, nur dort zu weinen, wo es niemand sieht – in der Überzeugung, man würde ohnehin denken, es sei alles ihre Schuld.

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Fünf Frauen, fünf Geschichten. Jede könnte für sich stehen, jede von ihnen bietet genug Stoff für ein abendfüllendes Drama. Die Schweizer Regisseurin Barbara Miller hat sich trotzdem dafür entschieden, die Erzählungen der Frauen in einer einzigen Dokumentation zu verarbeiten. Denn es gibt ein verbindendes Element: Allen Frauen wurde beigebracht, dass ihre Körper und ihre Sexualität “sündhaft” sind, dass sie unterdrückt, verstümmelt und versteckt werden müssen, um sich selbst und die Männer zu schützen. Und sie alle haben sich gewehrt.

Seit dem 8. November läuft ”#FemalePleasure” in den deutschen Kinos.

Ein Bestseller als Ticket in die Freiheit

Deborah Feldman ist inzwischen die wohl berühmteste Aussteigerin der chassidischen jüdischen Gemeinde in Williamsburg. Über ihre Kindheit und Jugend hat sie ein Buch geschrieben: “Unorthodox” beschreibt eine abgeschottete Welt, die Frauen Menschen- und Bürgerrechte vorenthält – und das mitten in den USA, dem Land, das sich in seiner Nationalhymne als Land der Freiheit feiert.

Von den Frauen der ultraorthodoxen jüdischen Gemeinde wird erwartet, dass sie sich unauffällig verhalten: Dass sie lange Röcke und Blusen tragen, die Haare mit Kopftuch oder Perücke bedecken, wenn sie verheiratet sind. Während der Menstruation gelten Frauen als unrein, ebenso Männer, die sie in dieser Zeit berühren.

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Deborah Feldman hat eine ultraorthodoxe jüdische Gemeinschaft in New York verlassen. Heute lebt sie in Berlin.

Die Frage, was sie später einmal werden wolle, für was sie sich interessiere, stellte sich in Deborah Feldmans Kindheit nie. In ihrer Gemeinde gab es für Frauen nur die eine Doppelrolle: die der Ehefrau und Mutter.

Den Mann, den sie mit 17 Jahren heiraten musste, kannte sie vorher nicht. Im Film erzählt sie, dass sie nicht im klassischen Sinne aufgeklärt wurde, dafür lernte sie im Heiratsunterricht, worin ihre ehelichen Pflichten bestehen. Nach einem schmerzhaften ersten Mal in der Hochzeitsnacht wurde sie schwanger.

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In diesem Moment begriff sie, welche Macht die Gemeinschaft über Frauen wie sie ausübte. Von nun an war sie nicht nur für sich selbst verantwortlich, sondern würde auch einen Menschen dazu zwingen, in einem strengen Regelkorsett aufzuwachsen. Doch Deborah Feldman beschloss, einen anderen Weg zu finden.

Als sich meine volle weibliche Kraft entwickelte, wurde ich zermalmt. Deborah Feldman, Schriftstellerin

Schon als Kind hatte sie heimlich Bücher gelesen, nach der Geburt ihres Sohnes Isaac studierte sie ohne das Wissen ihres Mannes Literatur an einer Universität und begann, ihre Geschichte aufzuschreiben.

“Unorthodox” wurde quasi über Nacht zu einem Bestseller, für Deborah Feldman war es auch das Ticket in ein neues Leben für sich und ihren Sohn Isaac. Die Öffentlichkeit bot ihr Schutz und Rückhalt, nachdem die Familie mit ihr gebrochen hatte und sie Morddrohungen erhielt.

Heute lebt sie mit ihrem Sohn in Berlin, der “Hauptstadt der Fremden und Wurzellosen”. Sie schreibt noch immer und macht damit anderen Frauen Mut, die sich auch nicht länger einer Tradition der Fremdbestimmung beugen wollen. Für Deborah Feldman war Bildung der Weg in die Freiheit. So ging es auch Doris Wagner, die sich ebenfalls mit einem Buch von ihrer Geschichte und der Opferrolle emanzipiert hat.

Eva oder Maria? Doris!

Wobei im Christentum die Opferrolle für Frauen gar nicht vorgesehen ist. Frauen sind entweder Sünderinnen, wie Eva, oder unbefleckte Heilige, wie Maria. Damit sind die Koordinaten des Frauseins festgelegt. Im Unterschied zu Deborah Feldman hatte sich Doris Wagner zwar freiwillig einer erzkatholischen Gemeinschaft in Bregenz angeschlossen, sie hatte jedoch nicht damit gerechnet, wie sehr ihr Körper und ihre Psyche unter Druck geraten würden.

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Doris Wagner schloss sich als junge Frau einer erzkatholischen Gemeinschaft an.

Als ein Pater der gemischtgeschlechtlichen Gemeinschaft sie das erste Mal vergewaltigt, sucht sie Hilfe – und erfährt Schuldzuweisungen. Es wird Jahre dauern, bis Doris Wagner den Absprung schafft. Im Film erzählt sie, wie die ständige Kontrolle ihre Persönlichkeit vollkommen “entkernte”.

Wie in der jüdischen Gemeinde von Williamsburg gab es (und gibt es bis heute!) auch bei der erzkatholischen Gemeinschaft in Bregenz strenge Kleider- und Verhaltensvorschriften, um die Männer ja nicht in Versuchung zu führen. In einem Interview spricht Doris Wagner darüber, was es für ein fühlbarer Übergriff auf den Körper war, als sie ihre Haare abschneiden musste. Eine eigene Sexualität haben Frauen in dieser Welt nicht, der ganze Körper ist Scham.

Doris Wagners Rettung war ein Theologiestudium, die Unterstützung einer Professorin – und ein Mann. Im Film wird nicht erwähnt, dass Wagners späterer Ehemann ein ehemaliger Klosterbruder ist, der die Gemeinschaft später ebenfalls verließ. Das ist ein bisschen schade, denn es wird an vielen Stellen deutlich, dass der Kampf um Gleichberechtigung und gegen die Dämonisierung des weiblichen Körpers keiner ist, den Frauen im Alleingang gewinnen können.

Es kann sich nicht zuerst nur ein Geschlecht ändern. Das ist eine gemeinsame Anstrengung: Wir müssen uns alle ändern. Deborah Feldman, Schriftstellerin

Das weiß auch Leyla Hussein.

Mit der Heckenschere gegen das Patriarchat

In einer der plakativsten Szenen von ”#FemalePleasure” steht die in Mogadischu geborene Londonerin mit einer Heckenschere vor dem quietschbunten XL-Kunststoff-Modell eines weiblichen Geschlechtsorgans. Hinter ihr eine Gruppe konservativer muslimischer Teenager-Jungs, die sich im Interview vor Husseins Präsentation für Jungfräulichkeit vor der Ehe und die Pflege der Tradition ausgesprochen hatten – auch die der weiblichen Genitalverstümmelung. 

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Einer von ihnen sagt, er habe gehört, das beruhige Frauen, sie seien dann nicht mehr “wie ein Supermarkt, offen für alle”. Aber was genau da passiert, das wissen sie eigentlich nicht. Leyla Hussein bohrt die Heckenschere in die Knet-Klitoris.

“Das ist Typ 1,” murmelt sie, während sie mit bestimmten Bewegungen die Klinge in der Masse hin- und herbewegt: “Da muss Blut herauskommen.” Die Jungs werden immer blasser, einem wird schwindelig, er muss sich setzen. Doch Leyla Hussein ist noch nicht fertig. Schnipp, schnapp, verschwinden auch die inneren und die äußeren Schamlippen. Es gibt wohl keine drastischere Maßnahme, weibliche Lust im Zaum zu halten.

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Leyla Hussein spricht mit Massai-Frauen in Kenia über Genitalverstümmelung. Die Frauen haben diese Form von Gewalt selbst erlebt – jetzt wollen sie ihre Töchter vor der Tortur schützen.

Obwohl Leyla Hussein selbst als Kind von der Prozedur traumatisiert wurde, hat sie sich als unermüdliche Aufklärerin dem Kampf gegen diese Form sexueller Gewalt – “denn nichts anderes ist es, lasst uns die Dinge endlich bei ihrem verdammten Namen nennen!” – verschrieben. Regisseurin Barbara Miller begleitet Hussein bei ihrer Arbeit als Therapeutin in muslimischen Londoner Communities und bei einer Reise in kenianische Dörfer, wo sie mit Frauen spricht, die oft gleichzeitig Opfer und Täterinnen sind. Doch es gibt Hoffnung.

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Denn Aufklärung wirkt: Eine jüngst veröffentlichte Studie zeigt, dass die Rate von ostafrikanischen Mädchen, deren Geschlechtsorgane verstümmelt werden, seit dem Jahr 1995 von 71 Prozent auf 8 Prozent im Jahr 2016 gesunken ist. Die Gründe dafür haben die Autoren nicht untersucht, sie haben aber eine “Arbeitshypothese”: Es liege an der Einstellung der Mütter. “Internationale Organisationen haben hier viel Geld investiert. Die Mütter wurden aufgeklärt.”

Vulva-Kunst aus dem 3D-Drucker

Für eine kreative Art der Aufklärung hat sich die japanische Künstlerin Rokudenashiko entschieden.

Ich stellte fest, dass nicht nur meine Werke als Tabu gesehen werden, sondern die Vagina an sich. Rokudenashiko, Künstlerin

Ihre Geschichte verdeutlicht die Absurdität des Doppelstandards: Während bei shintoistischen Fruchtbarkeitsfeiern gigantische Penis-Modelle auf Sänften durch die Städte getragen werden, gilt die Abbildung der Vulva als Obszönität und kann rechtliche Konsequenzen nach sich ziehen.

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Rokudenashiko paddelte in einem Vulva-Boot durch Tokio.

Rokudenashiko verbrachte einen Monat in Untersuchungshaft, nachdem sie mit einem zwei Meter langen Vulva-Kanu durch Tokio gepaddelt war. Der Aufsatz des Bootes war ein 3D-Modell von Rokudenashikos eigener Vulva, von der sie einen Abdruck gemacht hatte, um sie anschließend zu digitalisieren.

Das Schweigen brechen

Man könnte sagen, dass die in einer traditionell hinduistischen Familie aufgewachsene Vithika Yadav und ihre Geschichte im Film einen natürlichen Kulminationspunkt bilden. Während die Kamera die anderen Frauen dabei begleitet, wie sie ihre Fesseln abwerfen und daran arbeiten, überhaupt erst einmal eine Art Recht auf den Körper zu etablieren, ihn zu zeigen und zu zelebrieren, stellt sich die Zuschauerin nämlich schon manchmal die Frage: Was ist denn nun mit der weiblichen Lust, die der Filmtitel – ”#FemalePleasure” – verspricht?

Die Klitoris … Moment mal, wo ist die überhaupt? Titelzeile bei "Love Matters"

Vithika Yadav stellt sich jeden Tag Fragen rund um Sex, Orgasmen, Verhütung und Beziehungen. Gemeinsam mit einem sieben-köpfigen Team aus Frauen und Männern betreibt sie die Website “Love Matters”, ein im konservativen Indien wahrhaft revolutionäres Aufklärungsprojekt auf Englisch und Hindi.

Als junge Frau hat Vithika Yadav geschwiegen, wenn sie von Männern belästigt wurde, heute hat sie ihre Stimme gefunden.

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Vithika Yadav (rechts im Bild) betreibt in Indien eine Website rund um Liebe, Sex und Körperlichkeit.

Aber sind wir nicht schon viel weiter? Im Internet häufen sich Angebote zum gemeinsamen “Vulva Watching” oder für “Workshops zur mösealen Ejakulation”. Die Vulva scheint gerade ein echtes Comeback zu erleben – aber es gibt eben auch eine Gleichzeitigkeit vieler Welten.

Wenn in Berlin und London Vulven an den Wänden von Kunstgalerien hängen, heißt das noch lange nicht, dass weibliche Geschlechtsorgane enttabuisiert wären. Frauenkörper werden im 21. Jahrhundert überall auf der Welt kontrolliert und politisiert, auch in Deutschland, wie die erbittert geführte Debatte um die Abtreibungsparagrafen zeigt.

Die ineinander verwobenen Geschichten der fünf Frauen in ”#FemalePleasure” zeigen, dass die Unterdrückung der weiblichen Sexualität ein globales Problem mit System ist – aber sie zeigen auch, dass man jedes System verändern kann.

Dieser Artikel ist zuerst bei Perspective Daily erschienen.

(ujo)