POLITIK
23/01/2019 16:55 CET | Aktualisiert 24/01/2019 14:12 CET

Diesel: Über hundert Lungenärzte ziehen Grenzwerte in Zweifel – haben sie Recht?

Auf den Punkt.

Oliver Ahrndt / EyeEm via Getty Images
Keine lila Wolken über Berlin. 

Der Diesel-Streit geht in die nächste Runde. Diesmal melden sich mehr als hundert Lungenspezialisten zur Wort.

In einer öffentlichen Stellungnahme vom Mittwoch bezweifeln sie den gesundheitlichen Nutzen der aktuellen EU-Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxide. Sie beklagen methodische Mängel, sehen daher keine wissenschaftliche Begründung und fordern eine Überprüfung der aktuellen EU-Grenzwerte.

Dies sorgt bei vielen Menschen erneut für Verunsicherung. Während die einen Experten Grenzwerte und Messungen für Unsinn halten, können den anderen die Grenzwerte nicht streng genug sein.

Die Debatte um Grenzwerte und Fahrverbote – auf den Punkt gebracht.

Was Lungenspezialisten bisher zu den Grenzwerten gesagt haben:

Diesel: Über hundert Lungenärzte ziehen Grenzwerte in Zweifel – haben sie

Anfang Dezember hatte die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) ausführlich auf Gesundheitsrisiken durch Stickstoffdioxid (NO2) hingewiesen.

Doch in der Ärzteschaft wächst nun die Kritik an den Grenzwerten für Stickstoffdioxid und Feinstaub für Dieselmotoren, die eine große Rolle in der Debatte um Fahrverbote in schadstoffbelasteten Städten spielen.

► In einem Positionspapier haben mehr als hundert Lungenspezialisten den gesundheitlichen Nutzen der aktuellen Grenzwerte in Zweifel gezogen. Zunächst hatten der NDR und die “Welt” darüber berichtet.

Einer der Unterzeichner der Stellungnahme: der ehemalige Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie, Dieter Köhler, ein bekannter Gegner der Grenzwerte.

Er betrachtet den Großteil der vorhandenen Studien zu Gesundheitsgefahren durch Dieselabgase als methodisch fragwürdig. Daten seien in der Vergangenheit einseitig interpretiert worden.

Die Lungenexperten fordern deshalb, dass relevante Untersuchungen neu bewertet werden. 

► Die Fachleute stellen sich damit auch gegen das Positionspapier der DGP. Darin hatten die Forscher die Gesundheit von Menschen in der Stadt und auf dem Land vergleichen – und die schlechteren Werte der Stadtbevölkerung dem NO2-Ausstoß von Dieselfahrzeugen angelastet.

► Für Köhler und seine Kollegen sind die Unterschiede zwischen Stadt- und Landbevölkerung eher auf andere Faktoren wie unterschiedlichen Alkoholkonsum, Sport oder Rauchen zurückzuführen: 

“Man macht aus einer zufälligen Korrelation eine Kausalität, für die es keine Begründung gibt. Im Gegenteil: Man kann das sogar sehr gut widerlegen.” 

Köhler bezweifelt auch, dass tausende vorzeitiger Todesfälle auf das Konto von NO2 gehen, wie das Umweltbundesamt mit Verweis auf die Studien des Helmholtz-Instituts verbreitet hatte. Gegenüber dem NDR sagte Köhler:

“Das Dilemma ist hier, dass die Datenlage das nicht hergibt. Der jetzige Grenzwert NO2 ist völlig ungefährlich. Er produziert keinen einzigen Toten.”

Köhler wurde bereits im Vorfeld immer dann von Medien zitiert, wenn eine kritische Stimme gegen die Grenzwerte gebraucht wurde. Kollegen widersprechen den Thesen des ehemaligen Leiters des DGP.

Das sagen andere Lungenärzte:

Diesel: Über hundert Lungenärzte ziehen Grenzwerte in Zweifel – haben sie

► So auch sein Nachfolger, der amtierende DGP-Präsidenten Klaus Rabe. Er sagte im Herbst 2018 der “Neuen Osnabrücker Zeitung”:

“Wenn Menschen mit Atemwegsproblemen und Lungenvorerkrankungen regelmäßig erhöhte Werte einatmen, besteht ein Gesundheitsrisiko. Das ist durch die Datenlage bewiesen.”

► Und auch der Luftschadstoff-Forscher Josef Cyrys vom renommierten Helmholtz Zentrum in München erklärte im Gespräch mit der HuffPost kürzlich: “Die Grenzwerte sind dafür gemacht, um Kinder und chronisch Kranke zu schützen.” 

Die Münchner Forscher sehen erhebliche Gesundheitsgefahren durch Stickstoffdioxid auch schon in niedrigen Konzentrationen wie dem derzeit gültigen Grenzwert für NO2 von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft im Jahresmittel. Auf diese Studienergebnisse hatte sich auch das DGP bezogen.

► Doch Rabe will nun auf die Kritiker zugehen. In einer aktuellen Stellungnahme heißt es, das Positionspapier werde “als Anstoß für notwendige Forschungsaktivitäten und eine kritische Überprüfung der Auswirkungen von Stickoxiden und Feinstaub” betrachtet. Rabe räumte gegenüber dem NDR ein, dass die Zahl der Kritiker deutlich größer sei, als zunächst angenommen. Insgesamt hat die DGP rund 4000 Mitglieder. 

Ist der aktuelle Grenzwert sinnvoll?

Diesel: Über hundert Lungenärzte ziehen Grenzwerte in Zweifel – haben sie

In der aktuellen Debatte geht es um den Grenzwert für Stickstoffdioxid (NO2). Darüber hinaus gelten in der EU Grenzwerte für Feinstaub und ultrafeine Staubpartikel.

Der europäische Grenzwer für NO2 basiert auf Empfehlungen, die die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vor mehr als 20 Jahren ausgegeben hat.

Klar ist: Die aktuell geltenden Grenzwerte sind ein Kompromiss. An ihnen haben Gesundheitsforscher, Umweltschützer, aber auch Industrievertreter und Politiker mitgewirkt. 

Sprich, die Grenzwerte können erstmal gar nicht falsch oder richtig sein. Sie können ihr Ziel, den Schutz der Gesundheit, nur mehr oder weniger gut garantieren.

Deshalb variieren die Grenzwerte in unterschiedlichen Staaten auch. In den USA zum Beispiel liegen sie für Stickstoffdioxid im Vergleich mit der EU mehr als doppelt so hoch (im Bereich Feinstaub regeln die USA allerdings strenger).

► Die renommierte Luftschadstoff-Forscherin Barbara Hoffmann sagt dazu im Gespräch mit der HuffPost: 

“Ein Grenzwert ist immer eine Abwägung und ein Kompromiss zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Interessen: Er bezeichnet das Maß an Gesundheit, das wir uns leisten wollen.”

Hoffmann ist Professorin für Umweltepidemiologie am Universitätsklinikum Düsseldorf und WHO-Expertin für Grenzwerte von Luftschadstoffen.

Auf den Punkt gebracht:

Diesel: Über hundert Lungenärzte ziehen Grenzwerte in Zweifel – haben sie
 

Wer letztlich recht hat, ist derzeit nicht abschließend zu klären. Antworten würde wohl nur eine Art wissenschaftlicher Rat aus Forschern vieler Fachbereiche liefern, wie es ihn bei den Vereinten Nationen für die Klimawandel-Forschung gibt.

Viele Forscher scheinen sich bislang einig zu sein, dass die Luft in vielen Städten gesundheitsschädlich ist. Mit seinem Vorstoß möchte Köhler an dieser Gewissheit rütteln – und die wissenschaftliche Debatte in die Öffentlichkeit tragen.

Mit Material der dpa.

(ll)