WIRTSCHAFT
10/05/2018 18:14 CEST | Aktualisiert 10/05/2018 18:14 CEST

Diese Städte testen ein Grundeinkommen – das sind die erstaunlichen Folgen

“Wir müssen nicht mehr dauernd kämpfen.”

TOM MCCARTEN

Sherry Mendowegan hat in den vergangenen sechs Monaten einiges erreicht. Sie hat sich gerade ihr erstes Auto gekauft, im März hat sie ihren High-School-Abschluss nachgeholt.

“Als nächstes will ich meinen College-Abschluss machen”, erzählt sie. “Und danach werde ich hoffentlich einen Job finden.”

Es klingt wie ein ganz normaler Lebenslauf: Doch Mendowegan ist 41 Jahre alt und Mutter zweier Kinder. Und ihr Leben ist ganz und gar nicht normal.

Denn sie und ihr Ehemann Dan beziehen Grundeinkommen. Geld, ohne zu arbeiten.

Genauer gesagt: Seit April 2017 nehmen sie an einem Pilotprogramm zur Einführung eines Grundeinkommens teil, das von der kanadischen Provinz Ontario gestartet wurde. Jetzt kann Sherry sich endlich die Studiengebühren leisten und ihren Karriere-Traum erfüllen. 

“Unser Leben hat sich verändert”

Im September wird die Mutter ihr BWL-Studium am Confederation College in der kanadischen Stadt Thunder Bay aufnehmen.

“Unser Leben hat sich verändert”, sagt Mendowegan. “Wir müssen nicht mehr dauernd kämpfen.” 

SHERRY MENDOWEGAN
Sherry Mendowegan hat im März ihren High-School-Abschluss nachgeholt.

Das Programm zur Einführung eines Grundeinkommens in der kanadischen Provinz Ontario läuft momentan in den drei Städten Thunder Bay, Lindsay und Hamilton.

Die Idee dabei: Menschen ohne jegliche Bedingung Geld zur Verfügung zu stellen.

Paare bekommen bis zu 24.000 kanadische Dollar

Aktuell nehmen mehr als 4000 Geringverdiener an dem Projekt teil. 

Zu den Teilnehmern gehören neben Berufstätigen auch Schüler, Studenten sowie Sozialhilfeempfänger.

Die alleinstehenden Programmteilnehmer erhalten drei Jahre lang bis zu 17.000 kanadische Dollar (11.000 Euro).

Paare bekommen bis zu 24.000 kanadische Dollar (15.600 Euro).

Bei den berufstätigen Teilnehmern wird für jeden Dollar, den sie verdienen, das Grundeinkommen um 50 Cent gekürzt.

Teilnehmern mit Behinderungen stehen darüber hinaus jährlich weitere 6000 kanadische Dollar (3900 Euro) zu. Sie müssen dafür allerdings auf die staatlichen Zuschüsse für Menschen mit Behinderungen verzichten, die in der Regel höher sind.

Sie werden mit Geringverdienern verglichen

Um festzustellen, ob das Projekt erfolgreich ist, überprüft ein Team, welche Auswirkungen das Programm auf die körperliche und mentale Gesundheit der Teilnehmer hat. 

Kontrolliert wird, wie gut sie mit Lebensmitteln versorgt sind, ob sie unter Stress und Ängsten leiden, wie sicher ihre Wohnsituation ist und wie gut es um ihr Ausbildungsniveau sowie um ihre berufliche Situation bestellt ist.

Die Angaben der Programmteilnehmer werden dann mit einer Kontrollgruppe verglichen.

Diese besteht aus Geringverdienern, die kein Grundeinkommen erhalten und stattdessen anhand von Fragebögen Angaben zu ihren Lebensumständen und ihrem Wohlbefinden machen.

Die soziale Ungleichheit wächst immer weiter

Die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens ist nicht neu.

Da die soziale Ungleichheit jedoch immer weiter wächst und sehr viele Arbeitsplätze durch Automatisierung und andere Faktoren gefährdet sind, findet die Idee nun weltweit immer mehr Befürworter. So wird mit verschiedenen Modellen von bedingungslosem Grundeinkommen herumexperimentiert – zum Beispiel in der niederländischen Stadt Utrecht, in einem Dorf in Kenia, in der kalifornischen Stadt Stockton sowie in Finnland.

SHERRY MENDOWEGAN
Sherry Mendowegan und ihr Ehemann Dan haben zwei gemeinsame Kinder. Sie erhalten im Rahmen von Ontarios Pilotprojekt seit November ein Grundeinkommen.

Mendowegan ist in einer indigenen Gemeinde im Norden Kanadas aufgewachsen. So, wie sie es erzählt, hat sie niemand ermuntert, ihren Schulabschluss zu machen. Mit 15 Jahren brach sie die Schule ab.

“Ich hatte wohl einfach keine Lust mehr, zur Schule zu gehen”, sagt sie. Doch als sie selbst Kinder bekam, erkannte sie die Vorteile schulischer Bildung und nahm ihre Ausbildung wieder auf.

“Ich bin sehr froh, dass ich meinen Schulabschluss nachgeholt habe. Meine Kinder sollen zu mir aufschauen können”, sagt Mendowegan.

Bevor sie ins Programm aufgenommen wurde, bezog die Familie Sozialhilfe

Bevor sie in das Grundeinkommen-Programm aufgenommen wurden, bezogen Mendowegan und ihr Ehemann Leistungen von Ontario Works, dem Sozialhilfeprogramm der Provinz.

Das College hätte sie sich damit nicht leisten können. 

Zeit hätte sie dafür wohl auch nicht gehabt: Wer über das kanadische Sozialhilfeprogramm Ontario Works Leistungen erhalten will, muss sich einen Arbeitsplatz suchen und bei den Behörden Nachweise darüber einreichen. 

Schon während Mendowegan ihren High-School-Abschluss nachholte und ihr Mann die kleine Tochter und den zwölfjährigen Sohn betreute, war das eine Bürde.

“Man muss sämtliche Einnahmen angeben. Wenn meine Mama mir 40 Dollar gab, weil ich kein Geld mehr hatte, musste ich das Amt darüber informieren”, erzählt Mendowegan.

Wir haben jetzt wieder mehr Privatsphäre

“Ich habe den Eindruck, dass ich durch das Grundeinkommen mehr Kontrolle habe. Ich muss nicht sagen: ‘Okay, wir haben das hier bekommen und müssen es jetzt jemandem melden.’ Wir haben nun wieder mehr Privatsphäre.”

►  Für Befürworter des Grundeinkommens ist dies einer der wichtigsten Vorteile der Idee.

► Indem die Leistungen ohne Bedingungen erbracht werden, bekommen Bedürftige Geld, ohne dass dafür jemand in ihre Privatsphäre eindringen muss oder sie maßregelt.

Die aktuellen Sozialhilfeprogramme sind “bedarfsorientiert”. Der pensionierte kanadische Politiker Hugh Segal sagt, das heiße, dass die Beamten im Privatleben der Antragsteller herumschnüffeln müssten, um herauszufinden, ob diese leistungsberechtigt seien. 

Segal war früher für die Konservative Partei tätig und hat das Pilotprojekt zur Einführung eines Grundeinkommens in wesentlichen Teilen entwickelt.

Dieses Vorgehen ist stigmatisierend und unproduktiv. Wenn es jedoch einen automatischen Prozess gäbe, in dem das Einkommen der Menschen aufgestockt würde, ohne sie zu isolieren, dann wäre das besser”, so Segal.

Sollte Ontarios Grundeinkommen-Programm in der ganzen Provinz eingeführt werden, würde die Regierung anhand der Steuererklärungen der Bürger feststellen, wer zum Erhalt des Grundeinkommens berechtigt ist.

Das Projekt ermutig Menschen, einer Tätigkeit nachzugehen

Segal spricht sich schon seit Langem für die Einführung eines Grundeinkommens aus. Eines seiner Argumente lautet, dass dadurch einkommensschwache Menschen Anreize zur Aufnahme einer beruflichen Tätigkeit bekämen.

Bei gewöhnlichen Sozialhilfesystemen werden alle Einnahmen von den Hilfeleistungen abgezogen.

Im Rahmen des Pilotprogramms zur Einführung eines Grundeinkommens dürfen die Kandidaten hingegen einen Teil ihres Lohns behalten. Dadurch werden Sozialhilfeempfänger stärker zur Aufnahme einer beruflichen Tätigkeit ermuntert.

Nach Angaben der Provinzregierung von Ontario befindet sich der Großteil der Teilnehmer an dem Pilotprojekt – etwa 70 Prozent – in irgendeiner Art von Beschäftigungsverhältnis.

LUIS SEGURA
Luis und Leanna Segura haben vor zwei Jahren ihr eigenes Restaurant in der Stadt Lindsay in Ontario eröffnet.
Unsere Lage war bereits angespannt. Und wir wussten, dass es jetzt sogar noch schlimmer werden würde”

Luis und Leanna Segura entsprechen überhaupt nicht dem Klischee von Grundeinkommen-Empfängern.

Das Paar lebt in der kanadischen Stadt Lindsay und betreibt dort das Restaurant “Fresh Fuell”. Das Lokal liegt an der Hauptstraße des Ortes und bietet gesundes Essen an.

Luis und Leanna sind der Meinung, dass die Auswirkungen des Grundeinkommen-Programms sich bereits jetzt schon in der Stadt bemerkbar machen würden.

“Es hat uns einen großen Aufschwung verschafft. Die Leute haben jetzt mehr Energie. Das ist schön zu sehen”, berichtet Luis, der seine erste Grundeinkommen-Zahlung kurz vor Weihnachten erhalten hat.

Vor zwei Jahren haben die beiden ihr gemeinsames Haus verkauft und ihre Jobs gekündigt, weil sie sich selbstständig machen wollten. “Wie bei jedem neuen Geschäft ist es ein Kampf und ein gewisses Wagnis”, berichtet Luis. “Doch es läuft super. Wir werden von den Einwohnern der Stadt sehr unterstützt.”

Die finanzielle Lage des Paares war trotzdem angespannt. Die Seguras entschlossen sich schließlich, sich noch vor der Geburt ihres jüngsten Kindes für das Grundeinkommen zu bewerben. “Unsere Lage war bereits angespannt. Und wir wussten, dass es jetzt noch schlimmer werden würde”, erzählt Luis.

Das Grundeinkommen hilft der ganzen Stadt, nicht nur den Beziehern

Das Grundeinkommen habe ihnen sehr dabei geholfen, ihr mittlerweile sechs Monate altes Baby und ihre drei älteren Kinder großzuziehen, sagt Luis. Durch das Grundeinkommen könnten sie ihren Kindern Aktivitäten ermöglichen, die anderenfalls absoluter Luxus wären.

Seine Tochter sei eine ehrgeizige Kunstturnerin und sein Sohn lerne jetzt die Kampfsportart Jiu Jitsu, sagt Luis.

Luis empfindet das Programm als wahren Segen für die lokalen Geschäfte.

Seinen Angaben zufolge geben die Gäste in seinem Restaurant “Fresh Fuells” seit der Einführung des Programms mehr Geld aus.

“Das Geschäft läuft hervorragend. Ich frage mich, ob diese Auswirkung möglicherweise darauf zurückzuführen ist, dass auch noch andere Leute in der Gemeinde ein Grundeinkommen beziehen und deshalb ein wenig mehr Geld zur Verfügung haben ... Es profitieren alle davon – sowohl die Person, die das Geld ausgibt, als auch derjenige, der es bekommt.

Nach Ansicht von Segal steht das Thema Grundeinkommen im Augenblick deshalb so sehr im Fokus, weil ein grundlegendes Umdenken zu den Themen Arbeit und Ungerechtigkeit stattfinde.

“Unsere Wirtschaft hat für die Menschen ganz oben einen enormen Reichtum erschaffen, doch alle anderen vergessen.” 

“Viele Regierungen stellen sich die Frage, ob sie die Kluft zwischen Arm und Reich wirklich so effektiv bekämpfen, wie sie es tun sollten. Außerdem fragen sie sich, welche negativen politischen Auswirkungen es haben könnte, wenn sie keine wirksame Lösung für das Problem finden”, sagt Segal.

Automatisierung wird viele Arbeitsplätze kosten 

Die rapide Zunahme der Automatisierung in der Arbeitswelt hat zu dem Schreckensszenario geführt, dass viele Arbeitsplätze durch Maschinen ersetzt werden. Laut einer Studie der Oxford University aus dem Jahr 2013 sind schätzungsweise 47 Prozent aller Arbeitsplätze in den USA die Gefahr.

Wir müssen davon ausgehen, dass neue Industrien und Jobs nicht schnell genug entstehen, um all die Arbeitskräfte zu beschäftigen, die durch den digitalen Wandel überflüssig geworden sind.

Das ist vermutlich auch der Grund, warum viele berühmte Führungskräfte von Technologie-Unternehmen beunruhigt sind und sich für die Einführung eines Grundeinkommens aussprechen – darunter der Facebook-Gründer Mark Zuckerberg sowie Elon Musk, der CEO von Tesla und SpaceX.

AP
Mark Zuckerberg, links, und Elon Musk, rechts, befürworten die Einführung eines universellen Grundeinkommens.

Und es ist wohl auch einer der Gründe, warum Kathleen Wynne, die liberale Premierministerin von Ontario, dem Grundeinkommen-Projekt zugestimmt hat.

“Die Unsicherheit unserer Wirtschaft, der technologische Wandel, der momentan stattfindet, und die Ungewissheit darüber, wie Arbeit in der Zukunft aussehen wird ... all diese Punkte deuten darauf hin, dass wir uns alle Möglichkeiten offenhalten müssen”, so Wynne gegenüber der HuffPost.

Wynne ist in den 1960er- und 1970er-Jahren aufgewachsen. Damals habe man viel darüber gesprochen, dass die Menschen weniger arbeiten sollten.

“Die Drei-Tage-Woche konnte sich nicht durchsetzen; stattdessen beobachten wir jetzt, dass einige Menschen mehrere Jobs nebeneinander ausüben”, so die Politikerin.

“Die negativen Effekte der Technologie, die wir vielleicht bereits erwartet hatten, machen uns jetzt wirklich zu schaffen.”

Nicht alle sind für die Einführung des Grundeinkommens

Sollte das Grundeinkommen tatsächlich flächendeckend in Kanada eingeführt werden, muss vorher aber die konservative  Opposition überzeugt werden. Ihr Argument liegt auf der Hand: Es sei moralisch verwerflich, “Geld für nichts” zu verteilen.

Doch auch von den Liberalen gibt es Widerstand. Viele sozialistische Denker sprechen sich gegen die Einführung eines Grundeinkommens aus. Sie argumentieren, dass der Anreiz dann geringer wäre, Arbeitskräften einen Lohn zu zahlen, der tatsächlich ihre Lebenshaltungskosten deckt.

Das größte Problem des bedingungslosen Grundeinkommens sind die Kosten. Die Regierung von Ontario kann noch nicht einmal ansatzweise abschätzen, was das Programm kosten würde, wenn es in der gesamten Provinz eingeführt würde.

Im April hatten die Haushaltspolitiker des kanadischen Parlaments jedoch geschätzt, dass das Programm Ontarios 43 Milliarden kanadische Dollar (28 Milliarden Euro) pro Jahr kosten würde, wenn man es auf nationaler Ebene einführte.

Befürworter des Grundeinkommens argumentieren, diese Studien ließen die Einsparungen außer Acht, die die Regierung durch die Senkung der Armut in anderen Bereichen erzielen könne.

Ein Grundeinkommen könnte das Gesundheitssystem entlasten

“Armut ist die häufigste Ursache für Krankenhausaufenthalte und gesundheitliche Probleme”, sagte Segal. Er verweist dabei auf wissenschaftliche Untersuchungen von Evelyn Forget, einer Professorin der University of Manitoba.

Die Wissenschaftlerin hat ein längst vergessenes Grundeinkommen-Experiment ausgegraben, das in den 1970er-Jahren in Dauphin in der kanadischen Provinz Manitoba durchgeführt worden war.

Die Bewohner der Stadt erhielten drei Jahre lang ein Grundeinkommen, das sogenannte “Mincome”. Wie Forgets Untersuchungen zeigten, wurde das staatlich finanzierte Krankenversicherungssystems daraufhin um acht Prozent weniger in Anspruch genommen.

Kanadas Gesundheitsausgaben lagen im Jahr 2017 bei schätzungsweise 242 Milliarden kanadischen Dollar (158 Milliarden Euro). Eine landesweite Senkung um acht Prozent wurde als 19 Milliarden kanadische Dollar (12 Milliarden Euro) sparen.

Und damit wäre bereits fast die Hälfte der geschätzten Kosten für das Grundeinkommen abgedeckt.

Das Projekt ist in Gefahr

Viele Menschen fragen sich jedoch auch, ob Ontarios Grundeinkommen-Projekt den politischen Wandel überstehen wird. Im Juni stehen die Provinzwahlen in Ontario an. Nach Aussagen von Wynne bestehe ein “großes Risiko”, dass das Projekt von der neuen Regierung wieder eingestellt wird.

Mendowegan hofft jedoch, dass das Projekt nicht nur bis zum Ende durchgezogen, sondern nach Ablauf der drei Jahre verlängert wird.

“Ich kann nichts Schlechtes darüber berichten. Überhaupt nichts”, so Mendowegan. “Unser Leben hat sich dadurch komplett verändert. Wir erziehen unsere Kinder heute viel positiver.”

“Als ich noch Sozialleistungen über Ontario Works bezogen habe, war ich gestresst und konnte nur von einem Monat auf den nächsten leben. Im Rahmen des Pilotprogramms bekommen wir nur ein kleines bisschen mehr Geld, doch das hilft uns wirklich. Wir können jetzt mehr mit unseren Familien machen.”

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei der HuffPost USA und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

(sk)