Umweltaktivisten demonstrierten im November vor dem Parlament in London. 
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Umweltaktivisten demonstrierten im November vor dem Parlament in London. 
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28/12/2018 11:14 CET | Aktualisiert 28/12/2018 14:46 CET

Klimawandel: Diese jungen Aktivisten haben einen Plan, der uns alle retten soll

Aktivistenbewegungen wie Sunrise Movement oder Extinction Rebellion wollen die schmutzigen Industrien der Welt zerstören.

An einem klaren und sonnigen Morgen stehen 40 Menschen im zentralen Stadtviertel SoMa in San Francisco mit eingehakten Armen in einer Kette nebeneinander. Sie blockieren den Eingang zum San Francisco Federal Building.

Noch vor wenigen Wochen wurde die Stadt in eine erstickende Rauchdecke eingehüllt, die von den großflächigen Waldbränden im Norden herbeigeweht wurde. Inzwischen hat der Nebel sich wieder gelichtet. Erstmal. Der Klimawandel hält an, die Naturkatastrophen gerade in Kalifornien häufen sich.

“Ich bin heute hier, weil uns nur noch zwölf Jahre bleiben”, erklärt die 18-jährige Lydia Macy der HuffPost, während sie zusammen mit anderen Aktivisten ein zwölf Meter langes Banner hochhält.

“Der Klimawandel ist das größte Problem des 21. Jahrhunderts. Und wenn wir nichts dagegen unternehmen, werden wir bald keine Welt mehr haben, auf der wir leben können.”

Macy geht auf die Berkeley High School. Hunderte ihrer Mitschüler nehmen ebenfalls an der Aktion teil, die von der Bay-Area-Ortsgruppe der Organisation Sunrise Movement veranstaltet wird. Die Jugendorganisation verfolgt das Ziel, den Klimawandel aufzuhalten und im Laufe dieses Prozesses Millionen Arbeitsplätze zu schaffen.

Das Einzige, was jetzt noch im Weg steht, sind die Politik und die Menschen an der MachtMacy - Klimaaktivistin

Die aktuelle Kampagne von Sunrise Movement konzentriert sich darauf, Druck auf Kongressabgeordnete auszuüben. Sie sollen die junge demokratische Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez beim Vorantreiben eines sogenannten Green New Deals unterstützen.

Es handelt sich dabei um ein politisches Programm, das den gerechten und raschen Übergang zu einer auf erneuerbaren Energien basierenden Wirtschaft gewährleisten soll. 

ROBERT RAYMOND

“Ich bin heute nicht in die Schule gegangen, weil wir alle die wissenschaftlichen Fakten kennen und die Lösungen klar auf der Hand liegen”, erklärt Macy. “Das Einzige, was jetzt noch im Weg steht, sind die Politik und die Menschen an der Macht.”

Macy ist Teil einer wachsenden Klimaschutzbewegung, die Wälder besetzt, Erdölleitungen lahmlegt, Konferenzen zu fossilen Brennstoffen stört und auf viele andere Arten zivilen Ungehorsam ausübt.

Diese Bewegung besteht aus jungen Menschen, die sich auf Grund des Klimawandels keine besonders guten Zukunftschancen mehr ausrechnen. Sie sagen, dass sie die Nase voll davon haben, immer nur höflich nachzufragen.

Und dass sie die Tatenlosigkeit, Unfähigkeit und Korruption nicht länger hinnehmen wollen, die sie der Politik vorwerfen. Sie sind bereit, sich mit vollem Körpereinsatz in die Getriebe, die Räder und die Hebel der Kohlenstoffwirtschaft zu werfen — und sie haben sehr gute Gründe dafür.

Der aktuelle Bericht des UN-Weltklimarats (IPCC) enthält eine finale Warnung. Die Autoren schreiben, dass wir nur noch zwölf Jahre Zeit hätten, um ”schnelle, weitreichende und noch nie dagewesene Veränderungen in allen Bereichen der Gesellschaft” umzusetzen, wenn wir eine komplette Klimakatastrophe verhindern wollen.

Uns bleiben also nur noch zwölf Jahre, bevor wir in eine ungewisse und noch nie dagewesene Ära eintreten, die von schweren und regelmäßigen Dürreperioden, Überschwemmungen, Wirbelstürmen, extremen Temperaturschwankungen, Massenwanderungen und Todesfällen, wirtschaftlichen Zusammenbrüchen und dem beschleunigten Voranschreiten des sogenannten sechsten Massensterbens der Erdgeschichte geprägt sein wird.

Es fühlt sich so an, als würde unsere Zukunft regelrecht in der Schwebe gehalten

Das Ende der Welt rückt immer näher. Und dennoch brauchen wir unglaublich lange dafür, diese Tatsache zu begreifen.

Natürlich gibt es bereits viele Gemeinden auf der ganzen Welt, die sich über die Auswirkungen des Klimawandels vollständig im Klaren sind. So muss man die Einwohner von Puerto Rico, der Marshall Islands oder der nordkalifornischen Stadt Paradise, in der es vor kurzem schwere Brände gab, gewiss nicht vor der bevorstehenden Klimakatastrophe warnen.

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Ein ausgebranntes Haus in der Stadt Paradise in Kalifornien. 

Doch trotzdem bringt uns das Ausmaß der Erkenntnisse des Weltklimarats endlich alle auf den aktuellen Stand der Tatsachen. Ähnlich wie die schockierende Grafik zu Treibhausgasemissionen in Al Gores Dokumentarfilm “Eine unbequeme Wahrheit” scheint auch der Bericht einen kollektiven Nerv getroffen zu haben.

Es ist ein Strich im Sand. Ein Punkt ohne Wiederkehr. Eine Warnung mit apokalyptischer Bedeutung.

Rebellion Day

“Es fühlt sich so an, als würde unsere Zukunft regelrecht in der Schwebe gehalten und als ob ich gar keine wirkliche Wahl mehr hätte”, erklärt Isaac Silk der HuffPost. Der 26-jährige ist Aktivist bei der Bay-Area-Ortsgruppe von Sunrise Movement. 

Sunrise Movement ist nur eine von vielen Organisationen in der wachsenden Bewegung von jungen Menschen, die durch zivilen Ungehorsam für den Klimaschutz kämpfen.

Im Vereinigten Königreich organisiert eine Gruppe namens Extinction Rebellion immer wieder Massendemonstrationen und Flashmobs in Städten wie London, um den Verkehr an zentralen Stellen zum Erliegen zu bringen.

Ziel der Aktionen ist es, Druck auf die Politik auszuüben und die Öffentlichkeit auf den Klimawandel aufmerksam zu machen.

Larch Maxey ist als Koordinator bei Extinction Rebellion in London tätig. Er ist ein Veteran der Klimagerechtigkeitsbewegung und hat bei der Organisation des “Rebellion Day” mitgeholfen, der erst kürzlich am 17. November stattfand.

Nach Aussagen der Gruppe hätten 6.000 Menschen an diesem Tag des zivilen Massenungehorsams teilgenommen. In London seien fünf Brücken stillgelegt worden.

ROBERT RAYMOND
“Wir müssen das komplette System zum Erliegen bringenRussel Gray - Vollzeitkoordinator für Extinction Rebellion USA

“Gewaltlose, direkte Aktionen mit einer Massenbewegung im Rücken sind die größte Chance, die wir im Augenblick haben”, erklärt Maxey der HuffPost. “Wir haben in den letzten Jahrzehnten viele Dinge ausprobiert, wie beispielsweise Demonstrationen, Petitionen, wissenschaftliche Papiere oder Berichte. Ich persönlich habe sämtliche dieser Maßnahmen versucht.” Geholfen hätten sie wenig.

Extinction Rebellion hat dem britischen Parlament den offenen Widerstand erklärt, da dieses nach Auffassung der Organisation den Gesellschaftsvertrag gebrochen hat. Diese Ankündigung hat bei zehntausenden Menschen überall im Vereinigten Königreich Anklang gefunden.

Maxey berichtet von einem 17-jährigen jungen Mann namens Jack, der an den Massenprotesten im November teilgenommen habe.

“Er tauchte einfach auf und demonstrierte mit uns”, berichtet Maxey. “Am zweiten Tag führte er dann selbst eine Demonstrationsgruppe an. Und am dritten Tag koordinierte er seine eigene Straßenblockade.”

Geschichten wie die von Jack kämen bei Neumitgliedern von Extinction Rebellion häufig vor, sagt Maxey.

Wir befinden uns in einer ziemlich hoffnungslosen Situation und wir haben noch einen langen Weg vor unsRussel Gray - Vollzeitkoordinator für Extinction Rebellion USA

Extinction Rebellion arbeitet momentan am Aufbau von weiteren Ortsgruppen auf der ganzen Welt. Auch in den USA entsteht gerade eine neue Ortsgruppe für die San Francisco Bay Area.

Der 24-jährige Russel Gray arbeitet als Vollzeitkoordinator für Extinction Rebellion USA. Er hat bei der Koordination der Aufstandserklärung der Organisation mitgeholfen, die Anfang des Monats auf dem Capitol Hill stattfand.

Außerdem arbeitet er mit Organisatoren wie Zack Exley zusammen, der bei der Wahlkampagne des Demokraten Bernie Sanders im Jahr 2016 als leitender Berater dabei war. 

“Im Moment ist Wachstum unsere oberste Priorität”, erklärt Gray der HuffPost. “Wir versuchen, in so vielen Gebieten wie möglich neue Ortsgruppen aufzubauen. Und es ist spannend, weil wir sowohl in städtischen als auch in ländlichen Gebieten auf großes Interesse stoßen. Dazu zählen sowohl große Küstenstädte als auch Orte wie Montana und Wyoming.”

Extinction Rebellion USA koordiniert gerade einen nationalen Aktionstag am 26. Januar, bei dem es Massenproteste geben soll. Die Organisation hofft, dass sie ihren zunehmenden Aufschwung nutzen kann, um so viele Menschen wie möglich mobilisieren zu können.

“Wir müssen das komplette System zum Erliegen bringen”, erklärt Gray der HuffPost. “Und wenn wir die außer Kontrolle geratene Erderwärmung aufhalten wollen, kann dies nur durch eine soziale Bewegung geschehen. Nur so können wir den den Einfluss von Profit und Kapital erfolgreich durchbrechen.”

Im Moment haben sich lediglich zwei Länder dazu bereit erklärt oder Bemühungen unternommen, das Ziel des Pariser Abkommens einzuhalten und die Erderwärmung auf unter 1,5 Grad Celsius begrenzt zu halten. Nach Angaben des Projekts “The Climate Action Tracker” steuert die USA momentan sogar auf eine Erwärmung von mehr als 4 Grad zu. Und die Tatsache, dass die Weltklimakonferenz im polnischen Katowice sich geweigert hat, den aktuellen Bericht des Weltklimarats anzunehmen, hat mehr als deutlich gezeigt, dass ein Wandel nicht von oben kommen wird.

“Wir befinden uns in einer ziemlich hoffnungslosen Situation und wir haben noch einen langen Weg vor uns”, gibt Gray zu. “Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass ich an diesem Kampf teilnehmen muss. Ich mache nicht mit, weil ich davon ausgehe, dass wir gewinnen werden. Ich bin dabei, weil ich glaube, dass es das Richtige — und auch das Einzige — ist, das wir tun können.”

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Dieser Artikel erschien ursprünglich bei der HuffPost USA und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

(tb)