POLITIK
14/07/2018 16:28 CEST | Aktualisiert 14/07/2018 20:24 CEST

Mit dieser Grafik argumentieren Kritiker der Seenotrettung - doch sie irren sich

Auf den Punkt.

Yara Nardi / Reuters

Es gibt ein Argument, das in der Diskussion über den Umgang mit der Flucht übers Mittelmeer immer wieder auftaucht. 

Die These: Jeder Anreiz, den Europa den Flüchtlingen für die gefährliche Reise übers Mittelmeer gibt, führe letztlich dazu, dass mehr Menschen auf der Überfahrt ertrinken. 

Die Folgerung: Europa müsse aufhören, Flüchtlinge in Seenot zu retten, oder dürfe die geretteten Schiffbrüchigen nicht nach Europa bringen, wo sie auf Asyl hoffen können.

Zum Beleg taucht im Internet eine Grafik auf: Sie zeigt, wie viele Flüchtlinge jährlich auf dem Weg nach Australien oder in australischen Gewässern umgekommen sind. In Zeiten, in denen Australien Bootsflüchtlinge abwies, starben demnach keine oder kaum Flüchtlinge auf See.

Was auf den ersten Blick einleuchtend und eindeutig wirkt, ist aber komplizierter. Was hinter der Grafik steckt – auf den Punkt gebracht: 

Wie Australien mit Bootsflüchtlingen umgeht:

Um zu verstehen, warum für das Argument ausgerechnet Australien herangezogen wird, muss man Folgendes wissen: Australien fährt seit 2013 eine strikte Asylpolitik.

Asylanträge können nur noch von Drittländern aus gestellt werden. Wer sich ohne Erlaubnis per Schiff auf den Weg macht, hat keine Chance, in Australien zu bleiben. 

►  Boote mit Asylsuchenden werden abgefangen und in ihre Ausgangshäfen zurückgeschickt.

► Menschen aus seeuntüchtigen Booten werden in von Australien finanzierte Lager in Nachbarländern gebracht, wo sie teils jahrelang ohne Perspektive ausharren. Dort sollten ihre Asylanträge geprüft werden. 

Daten über die Anzahl der Flüchtlinge in den Lagern gibt die Regierung nicht bekannt. Nach Angaben der Flüchtlingshilfsorganisation Refugee Action Coalition sind 939 Menschen auf der Insel Nauru, darunter 140 Kinder, weitere 700 Männer befänden sich auf Manus.

► Kein Bootsflüchtling – selbst ein schutzbedürftiger – darf sich je in Australien niederlassen. Bei einem Asylanspruch sollten Drittländer zur Aufnahme gefunden werden.

Auch zwischen 2002 und 2008 hatte Australien Flüchtlingsboote abgewiesen. Zwischen 2008 und 2013 hatte das Land eine andere Politik verfolgt, damals waren mehr als 51.000 Menschen mit Booten angelandet.

Mehr zum Thema: Australien sperrt Asylbewerber wie mich ein – es ist Folter

Woher die Zahlen aus der Grafik stammen:

Offenkundig nutzt die Grafik Zahlen aus der “Australian Borders Deaths Database”, die von der australischen Monash-University geführt wird. Offizielle Angaben der Regierung zum Thema gibt es nicht, die Forscher stützen sich vor allem auf Medienberichte.

Demnach starben in Jahren restriktiver Abweisungen keine Menschen auf dem Meer, in den anderen Jahren teils mehr als 400. 

Auf den ersten Blick scheint eine rigide Politik also Menschenleben zu retten.

Was die Grafik nicht zeigt:

► Unklar ist, ob die Menschen angesichts der Gesetzeslage nicht nach Australien fliehen, sondern woanders hin – und dann eben auf einer anderen Fluchtroute sterben.

Sprich: Offenbar verhindern die rigiden Regeln das Sterben auf dem Weg nach Australien, aber möglicherweise findet es woanders statt.

► Denkbar ist auch, dass Menschen angesichts der Aussichtslosigkeit die Flucht nicht antreten und in ihren Heimatländern umkommen. 

Was in der Argumentation nicht vernachlässigt werden darf:

Wer die Zahlen aus Australien heranzieht, muss auch darauf verweisen, dass das australische Modell alles andere als rechtlich sauber ist. Nur ein Beispiel:

Wer etwa vor Krieg flieht, hat laut Flüchtlingskonvention Anspruch auf Schutz. Australien aber schränkt diesen Schutz auf Menschen ein, die aus einem Drittland einen Antrag stellen.

Kein Argument gegen die Praxis an sich, aber gegen deren Ausführung: Die Zustände in den Flüchtlingslagern auf den Inseln sind katastrophal, die Aussichtslosigkeit treibt immer wieder Menschen in den Suizid, es gibt Berichte von Vergewaltigungen.

Sie haben nur die Wahl, in ihre Heimat zurückzukehren oder zu warten.

Auf den Punkt gebracht:

► Die Grafik zeigt zweifellos einen Zusammenhang zwischen rigider Asylpolitik und Sterben auf dem Seeweg in dieses Land.

► Sie zeigt nicht, ob sich das Sterben an sich dadurch aufhalten lässt.

► Und erst recht nicht zeigt sie eine Lösung für die Frage, wie man den Flüchtlingen helfen kann.

Mit Material von dpa.

(jkl)