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12/04/2018 16:30 CEST | Aktualisiert 12/04/2018 17:38 CEST

Diese eindrücklichen Fotos zeigen, wie falsch wir über Obdachlose denken

"Ich hab' mich wie ein neuer Mensch gefühlt."

havas / getty
Ein Mann, zwei Gesichter: Das Fotoprojekt Repicturing Homelessness verwandelt Obdachlose durch Umstyling.
  • Für das Fotoprojekt “Repicturing Homelessness” schlüpfen Obdachlose vor der Kamera in andere Rollen
  • Die Bilder zeigen: Oft urteilen wir vorschnell über andere Menschen

Fettige Haare, schmutzige Klamotten, zerrissene Rucksäcke mit wenig Hab und Gut darin: Meistens machen Obdachlose keinen besonders gepflegten Eindruck. Das Leben auf der Straße hinterlässt eben seine Spuren.

Doch zu oft lässt man sich zu einem Schubladendenken verleiten: Diese Menschen sehen anders aus als ich, die sind weniger wert. 

► Das Fotoprojekt “Repicturing Homelessness” veranschaulicht eindrücklich, wie falsch wir mit dieser Annahme liegen.

Weltweite Aufmerksamkeit für Düsseldorfer Obdachlose

Das Projekt der Düsseldorfer Agentur Havas und der Foto-Agentur Getty Images zeigt obdachlose Verkäufer der Straßenzeitung “fiftyfifty” in einem ganz anderen Blickwinkel. Die Wohnungslosen wurden hergerichtet, frisiert, neu eingekleidet – und standen vor der Kamera als Models für die beliebtesten Motive von Getty Images.

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Das Ergebnis kann sich sehen lassen – und lässt tief blicken: Bei einigen Betrachtern könnte er ein Gefühl der Scham auslösen: Urteile ich vielleicht zu schnell über andere Menschen?

Ausgestellt wird das Foto-Film-Projekt in der Düsseldorfer Kirche am Martin-Luther-Platz, die Ausstellung läuft noch bis 4. Mai. 

Mittlerweile schaut die ganze Welt auf die Düsseldorfer Obdachlosen, die in einen Manager, Modedesigner oder in eine hübsche Kellnerin verwandelt wurden. Denn die Foto-Agentur Getty hat ein internationales Renommee, Medien aus allen Ländern haben über das Projekt berichtet.

Doch wer sind die Menschen auf den Fotos? Was ist ihre Geschichte?

Der 62 Jahre alte Karl-Heinz Hasenjäger wurde als Modedesigner abgelichtet, in der Zeitung “fiftyfifty” sagt der Mann, er sei “auf der Straße geboren” worden: seine Eltern waren schon obdachlos. 

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Karl-Heinz ist seit 25 Jahren obdachlos.

Auf dem Foto trägt er eine schwarze Hornbrille, Rollkragenpulli und ein graues Jacket. Er verkörpert einen Modedesigner, ein Leben, das er vermutlich niemals führen wird – dabei ist Karl-Heinz selbst kreativ, er ist Hobbymaler.  

Seine Kreativität scheint erst glaubhaft zu werden mit einem Schild an seinem schicken Jacket: “Karl-Heinz Hasenjäger, Modedesigner”. Wohingegen “Karl-Heinz, Hobby-Maler” an einer zerrissenen, schmutzigen Jacke wohl eher weniger für Respekt sorgt.

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Ein ganz anderer Mensch: Mit Jacket und schwarzer Brille wird Karl-Heinz zum Modedesigner.

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Michael Hermann, von jedem nur Hörmann genannt, ist 50 Jahre alt und seit 20 Jahren obdachlos. Er schlüpft in die Rolle eines Professors. Mit Krawatte, grau melierter Weste und bronzefarbener John-Lennon-Brille sieht er aus wie ein Dozent mit unfassbar vielen Büchern über Wahrscheinlichkeitstheorien und schwarze Löcher im All. 

Ein Leben, das für ihn so weit entfernt zu sein scheint, wie die Sterne.

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Seit 20 Jahren obdachlos: Michael Hermann wird von jedem nur Hörmann genannt.

Doch Hermann gibt noch nicht auf “Das Leben kann noch Überraschungen bereit halten”, sagte er während des Fotoshootings. 

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Während des Fotoprojekts schlüpft Hörmann in die Rolle eines Professors.

Respekt statt Vorurteile

Die 36-jährige Obdachlose Vanessa erzählt der “fiftyfifty”, sie fühle sich sich beim Verkauf der Straßenzeitung oft durch abwertende Blicke diskriminiert. “Geh doch arbeiten!”, ein Satz, der für sie zum Alltag gehört.

Doch was unterscheidet Vanessa von einem Kioskbesitzer, der in seiner Bude Zeitungen verkauft? Richtig, die Bude.

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"Geh doch arbeiten!" Diesen Satz muss sich die 36-jährige Obdachlose Vanessa oft genug anhören.
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Kaum wieder zu erkennen: Durch das Umstyling scheint Vanessa eine ganz andere Person zu sein.

Darren Richardson, Chief Creative Officer der Agentur Havas erklärt, die Kampagne versuche Menschen zu überraschen und zum Nachdenken zu animieren. Und das ohne sich der typischen Darstellungen von Verzweiflung und Armut zu bedienen.

Unser Ansatz soll niemanden traurig oder mit schlechtem Gewissen zurücklassen, sondern vor allem dazu anregen, dass wir unsere oft von Vorurteilen beeinflussten Vorstellungen über unsere Mitmenschen kritischer hinterfragen.”

Für einen guten Zweck

Obdachlosigkeit ist ein Schicksal, das jeden ereilen kann. Das Leben auf der Straße verändert das Aussehen eines Menschen – was aber bleibt, ist seine Persönlichkeit. Das Projekt “Repicturing Homelessness” appelliert an jeden einzelnen: Urteilt nicht zu vorschnell.

Alle Erlöse und Spenden des Projekts kommen Wohnungslosen und Hilfemaßnahmen für Obdachlose zugute. Wer die Organisation fiftyfifty unterstützen möchte, kann sich auf ihrer Webseite über die Möglichkeiten informieren.

 (amr)