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26/08/2018 13:18 CEST | Aktualisiert 26/08/2018 13:26 CEST

Diese Berliner klauen im Supermarkt – um für Menschenrechte zu protestieren

Klauen für eine gerechtere Welt: Machen diese 4 radikalen Aktionen den Supermarkt zu einem besseren Ort?

ARIEL LEVIN

Der moderne Mensch stimmt an der Kasse ab, heißt es. Wer für gute Tierhaltung und faire Arbeitsbedingungen ist, achtet penibel auf das Bio- und Fairtrade-Logo. Wer was für das Klima tun will, kauft keine Äpfel mehr aus Neusee-, sondern aus dem Alten Land.

Und wen die Bilder von mit Plastik gefüllten Möwen-Mägen so richtig aufgerüttelt haben, der geht ab sofort mit Tupperdose und Jutebeutel zum Unverpackt-Laden. Oder natürlich alles gleichzeitig.

Wer was für das Klima tun will, kauft keine Äpfel mehr aus Neusee-, sondern aus dem Alten Land.

Aber unabhängig davon, ob wir unsere Kaufentscheidungen für politische Statements halten oder Shopping und demokratische Teilhabe strikt voneinander trennen wollen, ist klar: Die Auswirkungen unseres Konsums entlang der Lieferketten reichen bis in die letzten Winkel der Welt – und schaffen dort nicht nur Arbeitsplätze, sondern verursachen auch jede Menge Probleme.

Wirtschaft und Politik schieben die Verantwortung für Abholzung, Artensterben und Ausbeutung gern den Verbrauchern in die Schuhe. Wie es aussieht, wenn wir die Sache tatsächlich in die eigene Hand nehmen, zeigen diese 4 Aktionen.

Mit einer Mischung aus Kreativität und zivilem Ungehorsam setzen sie ein Zeichen gegen unfaire Produktionsbedingungen, Lebensmittelverschwendung, Plastikmüll und Verbrauchertäuschung.

Gegen unfaire Produktion: Deutschland geht klauen!

Die Tafel Schokolade steckst du schnell in die Jackentasche, die Bananen lässt du im Hosenbein verschwinden und das Pfund Kaffee landet ungesehen im Rucksack. Jetzt musst du nur noch unauffällig an der Kasse vorbeispazieren.

Mehr zum Thema: Neue Traditionen braucht das Land

Das Peng!-Kollektiv, ein loser Zusammenschluss von Aktivisten, der politische Forderungen in provokanten Aktionen verpackt, hat im Frühjahr 2018 die Aktion “Deutschland geht Klauen” gestartet.

Sie folgt dem Robin-Hood-Prinzip: Jeder, der teilnehmen möchte, soll in Supermärkten Produkte mitgehen lassen, die in den Erzeugerländern unter miesen sozialen und ökologischen Bedingungen produziert wurden.

Das durch den Diebstahl gesparte Geld behalten die Diebe – oder Robin Hoods – aber nicht, sondern überweisen es stattdessen auf ein Konto des Kollektivs, das die Einnahmen an Produzenten-Organisationen in aller Welt weiterleitet.

Also an die Menschen, denen das Geld in der Logik des Peng!-Kollektivs eigentlich zusteht.

In anderen Aktionen hat das Peng!-Kollektiv sich zum Beispiel im Namen des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) für die sozialpolitische Katastrophe der Hartz-Reformen entschuldigt, was von vielen Medien versehentlich aufgegriffen und weiterverbreitet wurde, ohne es als Fälschung zu erkennen. In einer anderen Aktion hat das Kollektiv auf Probleme und Missstände beim Wehrdienst aufmerksam gemacht, indem es Werbeplakate der Bundeswehr imitierte.

Gil Schneider ist Mitglied des Peng!-Kollektivs und erklärt, dass der Name der Aktion nicht nur eine Aufforderung zum zivilen Ungehorsam ist, sondern auch eine Zustandsbeschreibung. Denn Deutschland gehe “kollektiv klauen”, indem wir hier billige Lebensmittel auf Kosten der Produzenten in Entwicklungsländern kaufen.

Wir treten den Rechtsstaat mit Füßen, damit er selbst wieder in die Pötte kommt!

“Wir wollten die Rhetorik von der Verantwortung des Konsumenten einfach konsequent durchziehen und tun das, indem wir ebenfalls das Gesetz brechen.”

Denn die heimischen Lebensmittelkonzerne sind für ihn und seine Mitstreiter “organisierte Kriminelle, denen wir als Konsumenten Geld geben, damit sie den Produzenten die Rechte klauen.”

Zwar habe das Kollektiv während der Aktion, die im Frühjahr 2018 lief, nach eigenen Angaben “nur” rund 2.000 Euro zusammenklauen können, das eigentliche Ziel sei aber erreicht worden: Während der Aktion haben zahlreiche große Medien über das Projekt und die ethischen Probleme der Produktion berichtet.

Mehr zum Thema: Den Wehrdienst will niemand zurückhaben – trotzdem brauchen wir ein Pflichtjahr

Natürlich wäre es dem Peng!-Kollektiv lieber, die Politik würde diese Arbeit erledigen, etwa durch die Einführung eines “Gesetzes zur Unternehmenshaftung bei Menschenrechtsverletzungen”, wie es das zum Beispiel in Frankreich seit dem Jahr 2017 gibt. 

Ein solches Gesetz verpflichtet Unternehmen dazu, sicherzustellen, dass innerhalb ihrer Liefer- und Produktionsketten keine Menschenrechte verletzt werden. “Wir treten den Rechtsstaat mit Füßen, damit er selbst wieder in die Pötte kommt!”

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Die Preise gängiger Supermarktprodukte und die Gründe, warum sie so niedrig sind.

Selbst der renommierte US-Ökonom und ebenfalls Verfechter fairer Handelsbedingungen Jeffrey Sachs äußerte sich zu der Aktion: Auch wenn er sie für wenig wirksam hält, so erkenne er den symbolischen Wert.

Sein Gegenvorschlag: Die Einnahmen aus Genusssteuern für den Verkauf von Kaffee oder Schokolade sollten direkt an die Erzeuger fließen.

Gegen Verbrauchertäuschung: Händler abmahnen!

Spätestens seitdem sie die Durchsetzung der Fahrverbote für schädliche Dieselfahrzeuge in deutschen Städte eingeklagt hat, ist die Deutsche Umwelthilfe (DUH) vielen Deutschen ein Begriff. Es waren Jürgen Resch und seine Mitstreiter, die gegen die Städte vor Gericht gezogen waren – und gewonnen haben.

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Die Umwelthilfe kämpft aber auch an einer anderen Front: Mit seiner Organisation mahnt Jürgen Resch Unternehmen aller Art für Vergehen gegen Kennzeichnungspflichten ab. Darunter: Lebensmittel- und Einzelhandelskonzerne, die “Verbraucherschutzverstöße mit Umweltbezug” begehen.

Beispiele gibt es viele. Die Deutsche Umwelthilfe …

  • … warf LIDL vor, mit seiner Kampagne “Jede Flasche zählt” den Kauf von PET-Flaschen fälschlicherweise als Beitrag zum Umweltschutz zu bezeichnen.
  • … ermahnte Coca-Cola, auf seinen Einweg-Plastikflaschen deutlich kenntlich zu machen, dass es sich um Pfandflaschen handelt. Das Pfandflaschen-Symbol allein genüge nicht.
  • … bezichtigte ALDI und REWE, sogenannte Bio-Mülltüten fälschlicherweise als zu 100% kompostierbar zu bezeichnen. Beide Konzerne lenkten ein und änderten die Kennzeichnung.
  • … hat die weltgrößte Möbelkette IKEA dazu gezwungen, Elektroschrott zurückzunehmen und seine Kunden darüber zu informieren. Gegen Saturn, MediaMarkt und weitere große Elektrohändler laufen die Verfahren noch.

Geben die Gerichte der Umwelthilfe Recht, müssen die Unternehmen nicht nur die Abmahngebühren tragen – sondern bei erneuten Vergehen auch hohe Strafen berappen. Mit den Abmahnungen setzt die Deutsche Umwelthilfe Gesetze durch, die von staatlicher Seite aus selten kontrolliert werden. 

Die Umwelthilfe nimmt hohe Summen aus Abmahngebühren und Strafgeldern ein, nach eigenen Angaben 321.000 Euro allein aus rund 1.500 Abmahnungen.

  • Kritiker werfen der Organisation 2 Dinge vor: Erstens würden zum Teil auch Kleinstunternehmer für winzige, zum Teil unabsichtliche Fehler ermahnt, die wirtschaftlich schnell bedrohlich werden könnten.
  • Ein Gebrauchtwagenhändler etwa hatte 8 Jahre nach Unterzeichnung einer Unterlassungserklärung vergessen, in einer Annonce den Energieverbrauch eines Wagens zu deklarieren – Anlass für die DUH, wegen Vertragsbruches Tausende Euro einzufordern.
  • Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass die Abmahnungen zum Teil von Unternehmen mitfinanziert werden, die in ähnlichen Branchen aktiv sind wie die Adressaten der Abmahnungen. Wer genau die Geldgeber sind, möchte die Umwelthilfe geheim halten.

Die Unternehmen oder Hersteller machen teilweise immer wieder die gleichen Fehler und verstoßen wiederholt gegen geltende Vorschriften – in einigen Fällen sogar dann noch, wenn Sie bereits (mehrfach) von uns auf einen Verstoß hingewiesen worden sind. Warum die Unternehmen trotz Kenntnis über die Rechtlage (wiederholt) gegen Vorschriften verstoßen, ist für uns nicht nachvollziehbar. Wir sehen es nicht ein, dass die Verletzung von Verbraucherschutz- und Umweltschutzvorschriften in vielen Bereichen folgenlos bleiben soll. Daher gehen wir konsequent dagegen vor. – Stellungnahme der Deutschen Umwelthilfe

Gegen Plastikmüll: Plastik-Attacke!

 

Kay Castlemaker
Facebook-Eintrag über den kirschenstapelnden real-Mitarbeiter.

Wie sehr das Thema Plastikmüll die Verbraucher mittlerweile umtreibt, musste jüngst die Supermarktkette real erfahren. Ein Kunde hatte ein Foto davon gemacht, wie ein Mitarbeiter Kirschen aus ihrer Plastik-Verpackung befreite und ordentlich aufhäufte.

Mehr zum Thema: Warum ich fürchte, dass Deutschland die Stabilität Europas gefährdet

Die Kunden sollten offensichtlich den Eindruck gewinnen, es handle sich um verpackungsfreie, lose Ware. Ähnlich hoch wie die Kirschen türmte sich daneben aber der Plastikmüll, der natürlich schnell beiseite geräumt wurde.

Mit “Plastic Attacks” drehen Kunden den Spieß einfach um: In klassischer Flashmob- Manier verabreden sie sich online, um zeitgleich in Supermärkten einkaufen zu gehen. Nachdem sie brav gezahlt haben, packen sie ihre Errungenschaften noch im Laden aus. Zurück bleibt ein gigantischer Haufen Plastik.

Photo gallery HELDEN e.V. See Gallery

Angefangen hat das Ganze im Jahr 2017 in einem kleinen Dorf in England, wo sich eine Gruppe von Supermarkt-Kunden spontan zu dieser Aktion entschloss und ein Video davon ins Netz stellte.

Christophe Steyaert, Betreiber der Facebook-Seite PlasticAttackGlobal, war darüber gestolpert und verbreitet die Idee jetzt weiter im Netz.

“Freunde von mir und ein paar Künstler haben das gesehen und übernommen, und es ist durch die Decke gegangen. Wir haben dann begonnen, Plastik-Attacken auf Facebook zu planen. Seitdem haben wir über 200 davon in über 19 verschiedenen Ländern veranstaltet, die meisten davon in Belgien.”

Am 15. September findet sogar der “World Plastic Attack Day” statt, an dem weltweite Plastik-Attacken geplant sind

Und was halten die Betreiber der Supermärkte davon? “Wir können bestätigen, dass eine “Plastic Attack” in einer unserer Filialen in Köln stattgefunden hat”, schreibt eine Mitarbeiterin von ALDI SÜD per E-Mail. “Die Aktion ist sehr friedlich abgelaufen und wurde von uns nicht unterbunden.”

Das deckt sich mit den Erfahrungen von Christophe Steyaert: “Wir haben einige [Filialen] gefragt, ob wir Plakate zu den Aktionen aufhängen dürfen. Das haben sie erlaubt. Einige waren auch sehr hilfsbereit und haben Mülltonnen bereitgestellt, damit wir den Müll direkt sortieren konnten. Von den anderen Kunden waren einige überrascht und manche haben sich auch beschwert. Aber die meisten haben die Aktion unterstützt!”

Gegen Lebensmittel-Verschwendung: Containern!

Satte 2 Kilogramm Nahrungsmittel werden weltweit pro Person weggeworfen oder für andere Zwecke verwendet. Und zwar pro Tag! Rund 7% davon entfallen auf Groß- und Einzelhändler, wo Ware, die eigentlich noch problemlos gegessen werden könnte, das Haltbarkeitsdatum überschritten hat oder ein paar braune Stellen aufweist und im Container landet.

Perspective Daily

Um gegen diese Verschwendung vorzugehen – aber auch, um kostenlose Lebensmittel zu erhalten –, gehen viele Menschen “containern”. Im Schatten der Dunkelheit schlüpfen sie in die großen Mülltonnen, die meist hinter den Supermärkten stehen, wühlen sich durch den vermeintlichen Abfall und erbeuten mit Gurken, Brot oder Joghurt Nahrung, die noch tagelang satt macht.

Die Profis unter den Essensrettern kennen die Pläne der Müllabfuhr, wissen, an welchen Wochentagen Frischware geliefert wird, und finden die besten Routen von Supermarkt zu Supermarkt.

Die Supermärkte sehen die Praxis allerdings nicht gern. LIDL zum Beispiel weist auf Nachfrage darauf hin, dass Lebensmittel, die sich dem Verfallsdatum nähern, mit Rabatt verkauft oder an Tafeln gespendet werden.

So würde die Lebensmittelverschwendung bereits auf ein Minimum reduziert. Aus hygienischen Gründen sei das “Containern” zudem nicht sicher – und Übriggebliebenes werde in Biogasanlagen immerhin noch energetisch verwendet. Auch ALDI SÜD weist darauf hin, dass Lebensmittel, die in der Tonne landen, “grundsätzlich nicht mehr zum Verzehr geeignet sind.”

Nach deutschem Recht ist das Containern gegen den Willen der Ladenbetreiber Diebstahl und häufig auch Landfriedensbruch. Weil das eigentliche Verbrechen in den Augen der Container-Community jedoch die Verschwendung brauchbarer Lebensmittel ist, wollen sie eine Gesetzesänderung.

Die Aktion “Containern ist kein Verbrechen” will durch Öffentlichkeitsarbeit erreichen, dass das Entwenden von Lebensmitteln aus Mülltonnen nicht mehr als Diebstahl gilt. Über 126.000 Menschen haben dieses Ziel bei einer Online-Petition im Jahr 2017 unterstützt.

Eine politische Haltung kann eine Kaufentscheidung verändern. Wer containert, auspackt, abmahnt und klaut, zeigt aber: Die Kasse ist nicht der einzige Weg, dem Handel ein Signal zu senden.

DBU

Weitere Informationen zu dieser Förderung findest du hier!

Dieser Beitrag ist zuerst bei Perspective Daily erschienen.

(tb)