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31/03/2018 21:43 CEST | Aktualisiert 31/03/2018 21:43 CEST

Obdachlose werden jeden Tag auf der Straße beklaut – diese Idee kann helfen

Die Angst vor Diebstahl ist allgegenwärtig und sehr real.

TOBIAS SCHWARZ via Getty Images
Berlin, Tiergarten: Ein Mann läuft an den Zelten von Obdachlosen vorbei. Viele Menschen, die auf der Straße leben, stammen aus Osteuropa und haben keinen Zugang zu staatlichen Hilfen.

Es können ganz einfache, banale Dinge sein, die für Obdachlose wertvoll sind: etwa ein Rucksack mit Wechselwäsche, ein paar Aspirin, einer Zahnbürste, oder einem alten Rasierapparat.

Doch nicht einmal das ist ihnen sicher.

Denn Obdachlose können ihren kargen Besitz an keinem Ort schützen. Oft werden sie Opfer von Diebstahl, bei dem sie noch ihre letzten Wertgegenstände verlieren.

Die ständige Angst vor Diebstahl

Heinrich Knodel kennt die Ängste der Obdachlosen. Der Sozialpädagoge arbeitet seit 34 Jahren mit ihnen und ist Geschäftsführer der “Wohnungslosenhilfe”, die im Landkreis Ludwigsburg bei Stuttgart mehrere Einrichtungen betreibt.

Aus unzähligen Gesprächen mit Betroffenen hat er erfahren, dass die ständige Angst, beklaut zu werden, eines der gravierendsten Probleme der Menschen auf der Straße ist. Diese Angst sei “allgegenwärtig und sehr real”, sagt Knodel der HuffPost. 

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Dabei handele es sich beim Besitz Obdachloser zwar nicht um große Kostbarkeiten, doch keineswegs ausschließlich um wertlosen Plunder.

Oft befänden sich wichtige Dokumente und Papiere in ihren Taschen, die sie benötigen, um zum Beispiel staatliche Leistungen zu beziehen. Eines der wichtigsten Besitzgegenstände sei der Schlafsack.

“Obdachlose sparen oft Monate lang auf einen guten Schlafsack, weil der auch Minustemperaturen standhalten muss. So etwas kostet an die 80 bis 90 Euro. Wenn der weg ist, dann ist das für viele eine Katastrophe.”

Auch bei der “Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V.” (BAGW) nimmt man das Problem daher sehr ernst. Werena Rosenke, die Geschäftsführerin des Vereins, bestätigt der HuffPost, der Kampf gegen das Bestehlen von Obdachlosen sei “ein wichtiges Thema”. 

Obdachlose können Habe sicher verstauen

Eine Stiftung hat nun zusammen mit der Caritas Stuttgart ein Konzept entwickelt, das Obdachlosen zumindest die Angst vor einem Raubüberfall nehmen und ihr Leben damit ein bisschen verbessern könnte.

Sie stellt auf dem Gelände von Tagesstätten Gepäckschließfächer für Obdachlose auf, ähnlich denen an Bahnhöfen. Menschen, die auf der Straße leben, können dort ihre Habseligkeiten sicher verstauen. Die Schlüsselausgabe läuft über die entsprechenden Tagesstätten.

Eine erste Schließanlage wurde vor gut anderthalb Jahren in der Caritas-Tagesstätte in der Stuttgarter Olgastraße aufgestellt – offenbar mit großem Erfolg.

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Wie Harald Wohlmann von der örtlichen Caritas-Stelle der HuffPost sagt, sind die Schließfächer seitdem alle belegt. Einige Obdachlose nutzten sie als Dauerschließfächer, andere nur einen Tag oder ein paar Stunden.

Von den Besuchern gebe es durchweg positive Rückmeldungen, mit einem Wehrmutstropfen: “Sie bedauern, dass es nicht noch mehr Schließfächer in Stuttgart gibt”, sagt Wohlmann.

Neue Schließfächer in Ludwigsburg

Nun wurde eine baugleiche Schließanlage auch auf dem Gelände der Einrichtung von Heinrich Knodel in Ludwigsburg eingeweiht.

Der freut sich auch deshalb, da sie ihm selbst mehr Platz verschafft: Früher hätten Obdachlose ihr Gepäck bei ihm im Büro lagern müssen, das damit völlig zugestellt gewesen sei. “Das ist also auch für uns ein großer Nutzen. Wine win-Win-Situation.”

216 Menschen hat Knodels Wohnungslosenhilfe letztes Jahr betreut. Und auch wenn wenn die Zahlen schwanken – in der Tendenz würden es immer mehr, sagt Knodel der HuffPost.

Vor 5 Jahren seien es nur 125 Personen gewesen. Vor allem ein Anstieg junger Menschen unter 25 Jahren ohne Obdach könne beobachtet werden.

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Nicht jeder wird die Schließanlage der Einrichtung jedoch nutzen können.

Laut Kondel sei das Angebot zunächst für diejenigen gedacht, die absolut keinen Platz in den Obdachlosenunterkünften bekommen könnten, weil sie entweder schwerste Suchtprobleme oder psychische Krankheiten haben, oder weil sie schlicht keinen Anspruch auf die Nutzung solcher Einrichtungen haben.

Warum manche Obdachlose die Unterkünfte nicht nutzen dürfen

Die Gesetzeslage schließt viele Menschen vom Zugang zu den einfachsten Hilfen ab. Sie sind nicht berechtigt, Sozialhilfeleistungen in Anspruch zu nehmen und dürfen daher offiziell überhaupt nicht betreut werden.

Das trifft vor allem Zuwanderer aus den osteuropäischen Staaten Polen, Rumänien und Bulgarien: Als EU-Bürger erhalten sie Leistungen nur, wenn sie mindestens 5 Jahre in Deutschland gearbeitet haben.

Die meisten von ihnen sind mit der Hoffnung gekommen, Arbeit zu finden, mit der sie ihre Familien zuhause irgendwie durchbringen können. Doch hier fallen sie durchs Raster des öffentlichen Hilfesystems.

Genaue Zahlen gibt es derzeit nicht. Nach Angaben der BAGW leben in Deutschland etwa 52.000 Menschen auf der Straße. Mancherorts gehe man von einem Anteil von EU-Zuwanderern von 50 bis 70 Prozent aus.

Diese Menschen müssen die Nächte in Unterführungen und Parks verbringen – wo sie besonders häufig Gefahr laufen, beklaut zu werden.

Stiftung finanziert die Schließanlagen

Hinter der Idee der Schließfächer steckt Klaus Möhler. Er ist Kopf der “Möhler Stiftung für Menschen in Not” und hat die jeweils 5000 Euro teuren Anlagen nicht nur durch Spenden finanziert, sondern auch die Entwicklung der Anfertigungen ermöglicht.

“Meine Kinder und Enkel sind gut versorgt, was soll ich ihnen noch mehr hinterlassen?”, sagt Möhler auf die Frage, woher sein Engagement für Obdachlose komme. Er habe der Gesellschaft etwas zurückgeben wollen: “Denn es gibt so viele Menschen, die nicht so viel Glück im Leben gehabt haben, wie ich selbst.”

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Das Problem sei ja nicht nur die ständige Angst vor Diebstahl. Auch dass Obdachlose gezwungen seien, ständig Gepäck mit sich herumzuschleppen, nehme ihnen ein Stück ihrer Würde.

Selbst wenn sie sich in den Tageseinrichtungen wuschen und durch die Kleiderkammern mit ordentlicher Wäsche ausgestattet würden – das Mitführen von Tüten, Taschen und Einkaufswagen stigmatisiere sie auf den ersten Blick als “Penner”.

Spezialanfertigung durch die Gefängnisschlosserei

Bei den Schließfächern handelt es sich um Spezialanfertigungen, die auf die Bedürfnisse der Obdachlosen und der betreuenden Einrichtungen zugeschnitten sind. Trolley, Rucksäcke und Isomatten passen der Länge und Breite nach perfekt hinein.

“Wir haben uns zusammen mit der Caritas nach geeigneten Schließanlagen auf dem Markt umgesehen und dabei festgestellt, dass es nichts Passendes in der Größe gibt”, sagt Möhler im Gespräch mit der HuffPost.

Gefertigt werden die neuen Anlagen von Häftlingen in der Gefängnis-Schlosserei in Heilbronn. Möhler hat über den persönlichen Kontakt zu den Verantwortlichen preisgünstige Modelle entwickelt.

Dabei werden ganz bewusst auch die Gefangenen mit einbezogen. Wie Möhler der HuffPost sagte, seien die sehr froh darüber, mit dem Projekt eine sinnvolle Betätigung zu haben:

“Die Gefangenen finden es richtig gut, dass sie etwas für Obdachlose tun können, die sie oft als ihresgleichen betrachten. Denn sie wissen, dass sie besonders gefährdet sind, in dieselbe Situation zu geraten, wenn sie aus der Haft entlassen werden.

Diebstahl auch in Obdachlosenunterkünften

Doch müsste das Angebot ausgeweitet werden. Denn Diebstahl unter Obdachlosen ist nicht nur auf der Straße ein Problem, sondern offenbar auch in den Unterkünften.

Geschäftsführerin Rosenke von der BAGW sagt, dass sei sogar einer der Gründe, warum Obdachlose lieber “auf einer sicheren Platte” blieben, also draußen übernachteten.

“Wir fordern daher seit vielen Jahren, dass es zu den Mindeststandards einer ordnungsrechtlichen Unterkunft gehören muss, dass die Betroffenen ihre Habe sicher unterbringen und verschließen können.”

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Die Möhler-Stiftung plant daher schon weitere Projekte. Derzeit befindet sich eine weitere Anlage im Bau. Gedacht ist sie für die Bewohnerinnen einer Stuttgarter Frauenunterkunft. Sie soll aus Holz gezimmert und im Inneren der Einrichtung aufgestellt werden.

Ein Anfang wäre also gemacht – nun müsste das Stuttgarter Modell in allen deutschen Städten Schule machen. Denn es bietet die Möglichkeit, Obdachlosen durch vergleichsweise einfache Mittel eine wirkliche Verbesserung ihres Alltags zu ermöglichen.

(jg)