POLITIK
03/04/2018 13:55 CEST | Aktualisiert 03/04/2018 15:33 CEST

Die zwei Fronten im Nahen Osten: Wer nun gegen wen ins Feld zieht

Auf den Punkt gebracht.

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Putin, Erdogan und Rohani auf der einen, Trump, Netanjahu und bin Salman auf der anderen Seite: Die Fronten im Nahen Osten sind klar verteilt. 

In Syrien herrscht Krieg. Im Jemen herrscht Krieg. In Palästina wird auf Demonstranten geschossen. In Afghanistan greift die islamistische Taliban nach der Macht. Im Libanon tut es die radikale Shia-Miliz Hisbollah. Im Irak gibt es auch 15 Jahre nach der Invasion der USA keinen echten Frieden. Und im Iran gängelt das Regime weiter sein Volk. 

Der Nahe Osten bleibt eine offene Wunde. Ein sich wandelnder, aber nie endender Kriegsschauplatz der weltpolitischen Mächte. Doch in dem scheinbaren Chaos haben sich in den vergangenen Monaten zwei Fronten aufgetan. 

Es sind zwei untypische Allianzen, die so im Nahen Osten aufeinandertreffen:

► Auf der einen Seite finden sich Kreml-Chef Wladimir Putin, der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan und Irans Präsident Hassan Rohani.

► Auf der anderen sind es US-Präsident Donald Trump, Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman

Es sind diese Mächte, die den Nahen Osten neu unter sich aufteilen – oder dort zumindest die Machtverhältnisse bestimmen – wollen. 

Die Pläne der zwei rivalisierenden Achsen – auf den Punkt gebracht

Die Trump-Netanjahu-Salman-Achse: 

Das plant Donald Trump im Nahen Osten: Angeblich will Donald Trump für Frieden im Nahen Osten sorgen. Zumindest hat er damit seinen Schwiegersohn Jared Kushner beauftragt. Faktisch stellt sich die Politik des US-Präsidenten jedoch so dar: 

1. Durch die Anerkennung Jerusalems als eigentliche Hauptstadt Israels hat er die Zwei-Staaten-Lösung im Palästina-Konflikt in Frage gestellt. 

2. Offen wie kein Präsident zuvor ist Trump auf Saudi Arabien zugegangen, hat das Land nach Israel zum wichtigsten Verbündeten im Nahen Osten gemacht und das Königreich mit einem milliardenschwerem Waffendeal belohnt. 

3. Im Syrienkrieg hat Trump nun angekündigt, die Soldaten der USA abziehen und sich damit aus dem Konflikt verabschieden zu wollen. Weiterhin wurden Hilfsgelder für die syrische Bevölkerung gestoppt. 

4. Der größte Feind für Trump im Nahen Osten ist der Iran. Der US-Präsident könnte schon bald das Atomabkommen mit dem Land aufkündigen – nicht einmal ein Krieg gegen die Islamische Republik ist derzeit auszuschließen. 

Mehr zum Thema: Trumps USA rüsten sich für einen neuen Krieg – die Frage ist nur noch, gegen wen

Das plant Benjamin Netanjahu im Nahen Osten:Netanjahus primäres Ziel ist die Verteidigung eines aus seiner Sicht umzingelten Israels. Auch für ihn ist in dieser Hinsicht der Iran gemeinsam mit dessen Verbündeten, der libanesischen Hisbollah und dem Assad-Regime, der Hauptfeind im Nahen Osten.

Im Palästina-Konflikt hat Israels Präsident die Oberhand: Die Palästinenser sind der israelischen Übermacht hoffnungslos unterlegen und haben, seit Trump im Amt ist, die Hoffnung auf eine diplomatische faire Lösung des Konfliktes verloren. Unter Netanjahu wird deshalb die Siedlungspolitik aggressiv fortgesetzt. 

Mohammed Salem / Reuters
Palästinensische Demonstranten fliehen vor von Israels Armee abgeschossenem Tränengas. 

Das plant Mohammed bin Salman im Nahen Osten:Mohammed bin Salman ist der Newcomer auf dem geopolitischen Schachbrett im Nahen Osten – und geht dementsprechend aggressiv vor. Er hat den Bürgerkrieg im Jemen durch das Eingreifen Saudi Arabiens zu einer humanen Katastrophe und einem Stellvertreterkrieg gegen den saudischen Erzfeind Iran eskalieren lassen.

Gleichzeitig bemüht sich bin Salman zu guten Beziehungen zu den USA und sogar nach Israel. Dem Judenstaat sprach er in einem Interview nun sogar das Existenzrecht zu. Worum es bin Salman auf lange Sicht geht: Saudi Arabien wirtschaftlich zu modernisieren und die eigene Macht durch starke Verbündete abzusichern.  

Die Putin-Erdogan-Rohani-Achse: 

Das plant Wladimir Putin im Nahen Osten: Putin ist ein Boxer, der sich auf der internationalen Bühne weit über seiner Gewichtsklasse schlägt. Das gilt auch für seine Einmischung im Nahen Osten. Das größte Ziel des Kreml-Chefs hier: Unruhe stiften. Konkret zeigt sich das wie folgt: 

1. Im Syrienkrieg hat sich Putin früh uneingeschränkt auf die Seite des Assad-Regimes gestellt. Auch russische Truppen begehen seitdem in Syrien Kriegsverbrechen. Das dient zum einen auch dem Sichern des einzigen russischen Stützpunktes am Mittelmeer in Tartus, aber auch der Innen- und Außenpolitik: Wie auch bei der Eroberung der Krim kann sich Putin hier als knallharter Führer darstellen. 

2. Noch nicht so weit wie in Syrien sind Russlands Bestrebungen in Afghanistan. Mehrere Konferenzen, zu denen etwa der Iran und China geladen waren, hat Putin zur Lage in dem Land am Hindukusch schon abgehalten. Er spielt mit dem Gedanken, sich dort mit den Taliban zu verbünden und unter dem Vorwand des Kampfes gegen den Terror einzumarschieren.  

Mehr zum Thema: Blutvergießen von Moskaus Gnaden: Was Putin in Syrien wirklich antreibt

Das plant Recep Tayyip Erdogan im Nahen Osten: Der türkische Präsident hat im Nahost-Konflikt lange eher reagiert, als agiert. Nun, da er seine Macht innerhalb der Türkei gefestigt hat, wird Erdogan zum Eroberer. Sein langfristiges Ziel: Die Zerschlagung der kurdischen Enklaven im Norden Syriens und des Iraks. 

Die Kurdenhochburg Afrin in Syrien haben türkische Milizen bereits erobert, nun plant Erdogan den ganzen Norden des Landes einzunehmen, um dann im Irak einzufallen. Damit würde der türkische Herrscher auch endgültig den Großteil der Flüchtlingsströme im Nahen Osten kontrollieren – ein potentes Druckmittel im Gespräch mit Europa. 

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Ein türkischer Soldat patroulliert in den Ruinen der syrischen Stadt Afrin. 

Das plant Hassan Rohani im Nahen Osten: Der Präsident des Irans ist der große Verlierer der vergangenen Monate. Mit dem Iran-Deal hatte er einen historischen Gewinn verzeichnet und sein Land wieder auf den Pfad zurück in die Weltgemeinschaft manövriert. Nun aber ist der Iran in der vielleicht ungünstigsten Lage seit der Islamischen Revolution 1979 – auch wenn das Land in Syrien und im Jemen durch Stellvertreter-Milizen großen Einfluss ausübt. 

Rohani braucht Verbündete, um sich der Aggressionen durch die USA, Saudi Arabien und Israel zu erwehren. Auch deshalb trifft er sich in diesen Tagen mit Putin und Erdogan in Ankara. Rohanis Ziel muss es sein, den Iran-Deal mit Hilfe von Europa zu retten – und einen Angriffskrieg auf die Islamische Republik durch die Trump-Netanjahu-Salman-Achse zu verhindern. 

Der Konflikt zwischen den Allianzen auf den Punkt gebracht:

Das Chaos im Nahen Osten wird übersichtlicher, weil sich zwei geopolitische Fronten gebildet haben. Donald Trump (USA), Benjamin Netanjahu (Israel) und Mohammed bin Salman (Saudi Arabien) stehen Wladimir Putin (Russland), Recep Tayyip Erdogan (Türkei) und Hassan Rohani (Iran) gegenüber. 

Während das Bündnis zwischen USA, Israel und Saudi Arabien gefestigter ist als jenes zwischen Russland, der Türkei und dem Iran, gilt für beide Achsen: Jede Macht verfolgt ihre eigenen Interessen – und verbündet sich mit anderen nur zum Zweck