NACHRICHTEN
16/08/2018 11:03 CEST | Aktualisiert 16/08/2018 11:15 CEST

Die Wunder von Genua: Diese Menschen haben das Drama überlebt

“Es ist ein Wunder, mehr kann ich nicht sagen.”

Im Video oben seht ihr die Suche nach Überlebenden.

  • Menschen in Genua haben die Brücke vor sich zusammenbrechen sehen. Andere sind in die Tiefe gestürzt – und haben überlebt.
  • Fassungslos erzählen sie von den Momenten, in denen alles auf dem Spiel stand.

Es waren Meter, Sekunden nur, die über Leben und Tod entschieden haben am Dienstag in Genua.

42 Menschen sind beim Einsturz der Morandi-Brücke gestorben, mindestens. Wie viele noch unter den gigantischen Betonbrocken liegen, weiß niemand.

Eine französische Familie, zwei italienischer Lastenwagenfahrer und einige andere sind dem Drama entkommen. So unglaublich knapp.

Wären sie in diesem Wolkenbruch nur ein paar Sekunden früher losgefahren, einen Stundenkilometer schneller gefahren, hätten sie nur zwei Autos früher auf die Überholspur wechseln können ... Wenn solche Nichtigkeiten das Leben beenden oder verlängern, führt das die monströse Machtlosigkeit über das eigenen Leben vor Augen.

Wer sich anhört, was die Überlebenden sagen, hört die Verzweiflung, die Erschöpfung. Von Glück will, kann niemand sprechen. Nur von einem Wunder.

“Da wurde uns bewusst, was passierte”

Die französische Rechtsanwältin Léonine gehört zu jenen, die sich retten konnten, ehe ihr Auto in die Tiefe krachte. 

Sie erzählte dem Sender France TV Info, wie sie mit ihrem Mann und dem dreijährigen Sohn durch den heftigen Regen fuhr. Als die Familie aus dem Tunnel auf die berühmte Brücke kam, sei die Sicht miserabel gewesen, sagt Léonine.

Aber sie und ihr Mann hätten trotzdem gesehen, dass sich ein Pfeiler bewegte, immer weiter nach rechts. “Da wurde uns bewusst, was da passierte.”

Ihr Mann habe noch versucht, mit dem Auto zurückzufahren. Sie seien schon so weit auf der Brücke gewesen, dass er gedacht habe, die Familie nur mit der Geschwindigkeit eines Autos retten zu können. “Natürlich ging das nicht, es ist unmöglich, auf der Autobahn zurückzusetzen, wenn hinter dir schon alles blockiert ist”, sagt Léonine. 

Da sei ihnen schon ein Mann entgegengerannt, gestikulierend, sie sollten sich in Sicherheit bringen. “Wir machten die Türen auf, schnallten unseren Sohn aus dem Kindersitz los und rannten zum Tunnel.“

Das Auto stürzte in die Tiefe, die Familie überlebte. 

Den Horror im Rücken

Ähnlich beschreibt eine Italienerin das Drama. “Ich sah die Brücke zusammenbrechen und dann ... Ich weiß nicht, mein Mann hatte die Geistesgegenwart, sofort zu stoppen. Wir sind aus dem Auto raus und zum Tunnel geflohen.”

Dasselbe tat Luigi, der Fahrer des Lastwagens, der tatsächlich nur wenige Meter vor dem Abgrund zum Stehen kam. Sein blauer Lkw mit dem grünen Aufbau steht noch immer dort, das Bild ist zum Symbol der Tragödie geworden.

NurPhoto via Getty Images

Im Tunnel hatten sich auch Léonine und ihre Familie in Sicherheit gebracht. Die Französin sagt, sie habe sich auf der Flucht nicht getraut, sich umzudrehen, aus Angst, ihr könnten dann die Beine versagen. Ihr Ehemann sei vorausgerannt, den Sohn im Arm. Er habe sich vergewissert, dass sie hinter ihm war, und rannte.

“Wie die Apokalypse”

Zeugen beschreiben das Krachen, das Getöse der zusammenstürzenden Brücke. Etwa 40 Meter hoch war sie, als sie noch den Fluss Polcevere und das Industriegebiet überspannte. 

“Es war der Wahnsinn, in einem Moment ist alles eingestürzt”, sagt ein Lkw-Fahrer. Und schüttelt den Kopf, leise, fassungslos.

Wer den tonnenschweren Schuttberg sieht, kann kaum glauben, dass es auch da noch Menschen lebend herausgeschafft haben.

Der bekannteste ist wohl der frühere Profi-Torwart Davide Capello. “Ich hatte das Gefühl, mich mit meinem Auto auf einer Achterbahn zu befinden”, sagte er der italienischen Zeitung “La Repubblica”. Von Apokalypse spricht er.

Er war mit seinem Wagen nach etwa zehn Metern Fall im Schutt stecken geblieben. 

Er sagt von sich, er sei ein “miraculato” – einer, der durch ein Wunder gerettet wurde.

Junger Mann kurz vor der Geburt seines Kindes gerettet

Von einem Wunder spricht auch Giulia Organo in “La Republicca”, die 28-jährige hochschwangere Verlobte des Kaufmanns Gianluca aus Genua, dessen Wagen ebenfalls in die Tiefe gerissen wurde. “Es ist ein Wunder, mehr kann ich nicht sagen.”

Ein Video der Feuerwehr zeigt, wie sie Gianluca aus dem Wrack abseilt. Die Retter rieten ihm, sich nicht zu bewegen, damit nicht noch etwas einstürzt.

Der 28-Jährige hat sich die Schulter ausgerenkt. Sein Kollege dagegen, sagt die Verlobte, habe nicht überlebt.

Auch ein italienischer Lastwagenfahrer hat den Sturz überlebt. Anders als Gianluca kann er sich nicht mehr an alles erinnern, wie er der italienischen Zeitung”Corriere della Sera” sagte:

Er wurde offenbar am Arm verletzt, kann aber noch gehen. Er klingt unendlich erschöpft, als er einem Kamerateam erzählt, wie ihn ein Schlag in die Luft riss, er gegen eine Wand prallte, etwa zehn Meter tief fiel. 

Vielleicht ist es gut so, das die Menschen sich nicht mehr an alles erinnern können. Denn so sehr jeder Überlebende ein Wunder ist, so einschneidend muss das Erlebte sein. 

Die französische Rechtsanwältin Leonine sagt, ihr dreijähriger Sohn habe alles mitbekommen, alles verstanden. Sie versuche jetzt, sich um ihn zu kümmern. Sie selbst, sagt sie, habe das alles noch nicht wirklich realisiert. 

(ll)