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12/10/2018 18:21 CEST | Aktualisiert 12/10/2018 19:22 CEST

Die Verzweiflung einer Linken, die nicht weiß, was sie noch wählen soll

Was, wenn Die Linke unserem linken Empfinden eigentlich gar nicht mehr entspricht?

Michael Dalder

Diesen Sonntag ist Landtagswahl in Bayern. Obwohl ich eigentlich schon weiß, wen ich wählen werde, klicke ich mich zum Spaß noch einmal durch den Wahl-O-Maten und wäge die unterschiedlichen politischen Thesen ab. Mal schauen, welche Wahlempfehlung das Programm mir ausspuckt. 

Wie jedes Mal steht bei mir mit an oberster Stelle: Die Linke. 

Aber dieses Mal werde ich sie nicht wählen.

Denn als junge, akademisch und international geprägte Frau kann ich mich nicht mehr mit den Werten dieser Partei identifizieren.

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Die Linke kann ich nicht mehr wählen

Die Linke erlebt schon seit längerer Zeit eine Krise – vor allem in Bezug auf Flüchtlinge scheint sich die Partei nicht einig zu werden. Während der eine Flügel unter Parteichefin Katja Kipping für “offene Grenzen” plädiert, bezeichnet Fraktionsvorsitzende Sahra Wagenknecht diese Position als “weltfremd” und steht für eine restriktive Einwanderungspolitik ein. 

Wagenknecht meint, vor allem die deutsche Arbeiterschaft hätte unter der Einwanderung zu leiden. “Deutschland muss seine Fachkräfte selbst ausbilden”, sagte sie in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (“FAS”). 

Damit gießt sie Benzin ins Feuer, das die Rechten entzündet haben – kein Wunder also, dass sie mittlerweile sogar Unterstützung aus rechten Kreisen genießt. Wagenknecht spielt die einheimischen Arbeiter gegen die Zugezogenen aus. 

Ich weiß natürlich, dass Die Linke nicht nur aus Wagenknecht besteht – als weltoffener Mensch kann ich jedoch eine Partei nicht ernst nehmen, deren Fraktionsvorsitzende ernsthaft Thesen vertritt, die anklingen wie Stammtischparolen in Altherren-Kneipen.

Was wir als “links” empfinden, entspricht historisch gesehen nicht der Partei

Nun wissen allerdings viele nicht, die sich als “links” beschreiben (und auch ich war mir dessen lange Zeit nicht bewusst), dass Weltoffenheit in der politisch Linken traditionell nicht verankert, sondern eher bei den Liberalen zu suchen ist.

So hieß es auch schon in Karl Marx’ und Friedrich Engels’ “Manifest der Kommunistischen Partei” von 1847/48 mit globalisierungskritischer Vorraussicht:

“Die Bourgeoisie hat durch ihre Exploitation des Weltmarkts die Produktion und Konsumtion aller Länder kosmopolitisch gestaltet. Sie hat zum großen Bedauern der Reaktionäre den nationalen Boden der Industrie unter den Füßen weggezogen.”

Wenn Die Linke heute der linken Tradition folgen will, ist es historisch gesehen nicht falsch, dass sie die deutsche vor eine internationale Arbeiterschaft stellt.

Oder wie es der Journalist Nikolaus Piper in der “Süddeutschen Zeitung” auf den Punkt bringt: Die Parole “Proletarier aller Länder vereinigt euch!” sei nicht zu verwechseln mit “Refugees are welcome here”.

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Nun frage ich mich jedoch, welche Arbeiterschicht Die Linke heutzutage noch ansprechen will. Denn das zusammengeschlossene, homogene Proletariat von damals gibt es nicht mehr. Arbeiter sind heute eigentlich nur noch “die Abgehängten”, “Wutbürger”. Viele von ihnen fühlen sich der AfD zugeneigt

Wer sind die Linken von heute, wenn nicht die Arbeiter?

Wenn es nicht die Arbeiter sind – wer sind denn dann die Linken von heute? Vor allem aus Studienzeiten weiß ich noch, dass viele meiner Freunde und Bekannte sich “links” nannten:

Das waren geisteswissenschaftliche Studenten, viele von ihnen aus akademisch geprägten und oft auch wohlhabenden Haushalten, die selbst allerdings nicht viel Geld zur Verfügung hatten.

Oft kämpften sie sich nach dem Studium durch prekäre Arbeitsverhältnisse – schlecht bezahlte Jobs im Dienstleistungs- oder Kultursektor, befristete Verträge, unbezahlte Überstunden.

Die meisten haben eine zeitlang im Ausland verbracht, zum Beispiel im Erasmus-Semester oder Auslandspraktikum. Den internationalen Lebensstil führen viele von ihnen – zurück in der Heimat – fort, engagieren sich gegen Rassismus oder in Flüchtlingsheimen.

Mit diesem Lebensstil fühlen sich die meisten wohl am ehesten von SPD, Grünen oder eben Der Linken vertreten – würde man meinen.

► Was aber tun, wenn die SPD zu einer in sich zerrütteten Partei ohne klare Struktur geworden ist und inzwischen mit rechten Ressentiments spielt. Man erinnere sich zum Beispiel daran, als SPD-Chefin Andrea Nahles dafür warb, Maghreb-Staaten zu sicheren Herkunftsländern zu erklären: “Wir können nicht alle bei uns aufnehmen”, sagte sie in der “Passauer Neuen Presse”. Als ob das je jemand gefordert hätte.

► Was, wenn die Grünen zwar für unsere Werte einstehen, ihre Wählerschaft sich wirtschaftlich allerdings eher mit FDP-Wählern misst und somit junge Arbeitnehmer mit niedrigen Gehältern unter Umständen sogar vergrault?

Ein grüner Lebensstil setzt nicht nur ein höheres Einkommen voraus (schließlich kann nicht jeder Bio-Fleisch essen oder auf Billig-Flieger verzichten), sondern auch einen gewissen Grad an Bildung. Wer nachhaltig leben will, muss sich dementsprechend informieren. Für mich ist es fragwürdig, ob so eine Partei wirklich die Interessen aller Menschen in Deutschland glaubwürdig vertreten kann. 

► Und was, wenn Die Linke unserem linken Empfinden eigentlich gar nicht mehr entspricht?

Konservative Parteien wie die CDU/CSU oder gar die AfD kommen für uns Linke nicht infrage.

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Welche Partei kann ich als moderne Linke noch wählen?

Ich habe das Gefühl, meine gesellschaftliche Gruppe hat eigentlich keine Partei mehr. 

► Wo ist die Partei, die soziale Werte vertritt und gleichzeitig Offenheit gegenüber Menschen jeder Herkunft, jedes Alters, jedes Geschlechts beweist?

► Wo ist die Partei, die nicht nur die Interessen von Gutverdienern vertritt? Und die mit ihren Politikentwürfen wirklich ein gutes Leben für alle garantieren will?

► Wo ist die Partei, die globales Denken nicht per se ablehnt? Die die EU befürwortet und internationalen Austausch, auch wirtschaftlich, festigen will?

In der aktuellen politischen Landschaft gibt es die Partei nicht, die all das verfolgt. Wir wollen Veränderung. Wir brauchen eine neue, weltoffene, soziale Partei, mit der wir uns identifizieren können.

Wir suchen nach einer Alternative, die nicht die Alternative für Deutschland sein kann. 

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Die Alternative kann nicht die Alternative sein

Die aktuelle politische Lage in Deutschland und die Positionen, die Die Linke vor allem in Person von Sahra Wagenknecht vertritt, bringen mich dazu, an meinem Links-Sein zu zweifeln.

Deswegen plädiere ich dafür, dass wir das Linkssein neu denken müssen – angepasst an die aktuelle politische und wirtschaftliche Lage. Eine Lage, in der es traditionelle Klassen, wie eine Arbeiterschicht, nicht mehr gibt – in einer Welt, die offen und globalisiert ist. 

Deswegen wünsche ich mir eine Partei, die soziale Werte wie Chancengleichheit vertritt, ähnlich wie Die Linke. Die allerdings so weltoffen ist wie die Grünen. Die eine große Masse an Menschen vertreten kann wie einst die SPD.

Meine Verzweiflung wird mich diesen Sonntag nicht davon abhalten, wählen zu gehen – das käme für mich einer Kapitulation gleich. Ein wenig Bauchweh habe ich bei dem Gedanken allerdings schon, das kleinere Übel für mich finden zu müssen.

(ben)