POLITIK
25/02/2018 21:12 CET | Aktualisiert 25/02/2018 21:15 CET

Die versteckte Tragödie der Rohingya in Bangladesch

Unterwegs im größten und am dichtesten besiedelten Flüchtlingslager der Welt.

Joshua Paul
  • Weit mehr als eine halbe Million Flüchtlinge der muslimischen Minderheit der Rohingya sind seit August aus Myanmar geflohen
  • Sie leben unter miserablen Bedingungen in Flüchtlingslagern in Bangladesch

Cox’s Bazar, Bangladesch: Modina Khatun betrachtet mit leerem Blick die Anhöhe, auf der ihre 5-jährige Tochter Romaida begraben liegt. Sie ist der bisher letzte Flüchtling, der auf dem behelfsmäßigen Friedhof, der die schier endlos vielen Plastikzelte ۢüberblickt, begraben wurde.

Khatuns Tochter starb an einem heißen Tag im November vergangenen Jahres in Kutupalong, einem riesigen Flüchtlingslager im Südosten Bangladeschs. Nur einen Monat zuvor war Khatun in dieses Camp gekommen.

Wie so viele andere Muslime der Rohingya, einer ethnischen Minderheit in Myanmars Provinz Rakhaing, musste Khatuns Familie wegen eines brutalen Militärangriffs auf die Anwohner aus ihrer Heimat fliehen.

Der Weg zur Grenze und über den Fluss Naf war beschwerlich, und die Familie zudem kaum vorbereitet. Romaidas Gesundheit litt bereits in Rakhaing unter den strengen Regierungsauflagen, die den Zugang der Rohingyas zu Nahrung und Medikamenten einschränkt.

Im Camp erlag das kleine Mädchen schnell der Unterernährung, hervorgerufen durch die schlechten Lebensumstände.

A HUSSAIN
Modina Khatun und ihr Mann in Kutupalong.

“Ihr Bauch tat weh. Sie hatte Fieber... Ich brachte sie ins Bett, doch am nächsten Morgen bewegte sie sich nicht mehr”, erzählt die trauernde Mutter.

Khatun denkt an den Tag zurück, an dem ihre Tochter starb. Ohne Thanaka – den typischen, aus Pflanzen hergestellten Gesichtspuder, den so viele Menschen in Myanmar jeden Tag auftragen, wirkt ihr Gesicht leer, während sie spricht.

Thanaka ist in in den Flüchtlingslagern zum Luxus geworden.

Das Schicksal der Flüchtlinge

Khatun gehört zu den fast 700.000 Flüchtlingen, davon die meisten Muslime aus Rakhaing, die seit August in dutzenden überfüllten Zeltlagern gestrandet sind, nachdem sie von Myanmar nach Bangladesch kamen.

Obwohl Hilfsorganisationen recht genau wissen, wie viele Flüchtlinge in den Camps ankommen, gibt es keine sichere Angabe darüber, wie viele Menschen dort sterben.

Mehr zum Thema: Tausende Flüchtlinge auf Lesbos leben im Elend – ein Lager zeigt, dass es anders geht

Das Schicksal dieser Flüchtlinge verkörpert den Kern der Rohingya-Krise: Staatenlose Menschen, die zuerst in ihrer Heimat verfolgt, und dann in einem fremden Land beerdigt werden.

► Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) verzeichnet offiziell 300 Tote in Bangladeschs Flüchtlingslagern, davon 40 Prozent Kinder unter 5 Jahren.

►  Die tatsächliche Zahl der Toten liegt sehr wahrscheinlich um einiges höher.

Die WHO berichtete der HuffPost, dass die Organisation sich der Misere bewusst sei.

Ein Sprecher erklärte, die offiziellen Zahlen enthielten nur die Todesfälle, die Gesundheitseinrichtungen in ihren Büchern führen würden. Hilfskräfte hätten aber oft Schwierigkeiten, alle Bereiche der Camps zu überblicken und zu besuchen.

ISABELLA CARAPELLA/HUFFPOST

Die wahre Zahl der Toten kennt niemand

Dass es den Helfern Schwierigkeiten bereitet, alle Orte der riesigen Camps zu erreichen, ist nicht verwunderlich. Mit mehr als einer halben Million von Flüchtlingen ist Kutupalong in nur wenigen Monaten das größte und am dichtesten besiedelte Flüchtlingslager der Welt geworden.

Ein schier unendliche Wand aus Plastik, ein Zelt neben dem nächsten. Provisorische Bambus-Brücken helfen den Menschen, Wasserströme zu überqueren, die bald mit Monsunwasser gefüllt sein werden. Es dauert Stunden, von einer Seite zur anderen zu laufen.

Der Leiter eines Camps in Kutupalong berichtete der HuffPost im Dezember, dass alleine in einem Teil des Camps seit August mehr als 200 Menschen begraben wurden. Es gibt Anzeichen, dass die wahre Zahl der Toten die offizielle weit übersteigt.

Kleine behelfsmäßige Friedhöfe wie der, auf dem Romaida begraben liegt, sind über die Hügel des Camps verteilt. Flächen mit frischer roter Erde, manchmal markiert mit Bambusstöcken und -blättern, unterscheiden die alten von den neuen Gräbern. Beerdigungen finden nach muslimischem Brauch früh nach dem Tod statt.

Extreme Konditionen, schlechte Hygiene und ein Mangel an Ressourcen erhöht die Zahl der Toten in den Flüchtlingslagern.

Pneumonie und Diphtherie sind besonders bei Kindern unter den häufigsten Todesursachen.

Provisorische Unterkünfte und staubige Straßen, die in der Sonne aufbrechen, wie die in der Touristen- und Seestadt Cox’s Basar, schaffen die perfekte Umgebung für die Ausbreitung dieser Krankheiten, die die Atemorgane befallen.

In Unchiprang, einem kleineren Camp im Süden, das rund 20.000 Flüchtlinge beherbergt, hört man beängstigend viele Jungen und Mädchen husten, während sie mit aus Plastikflaschen gemachten Spielzeugautos in den schmalen Gassen zwischen den Zelten spielen.

Die schlechten hygienischen Umstände erhöhen das Risiko von Komplikationen bei der Geburt sowie das Risiko für Frauen, Infektionen am Beckenboden zu bekommen.

Die Hygiene und der eingeschränkte Zugang zu trinkbarem Wasser erhöhen zusätzlich das Risiko von Epidemie Krankheiten wie Cholera, Durchfallerkrankungen, Masern und Röteln.

Verzeichnet sind zehntausende Fälle von Durchfallerkrankungen, Unterleibsschmerzen und Fieber, die auf das mit E. coli verseuchte Wasser zurückzuführen werden können.

Daten von WHO zeigen auf, dass in bis zu 9 von 10 Haushalten verseuchtes Wasser verwendet wurde.

Eine intensive Impfkampagne hat die Gefahr einer großen Masern- oder Cholera-Epidemie verringert.

Hilfskräfte sagen jedoch, es gäbe bereits Fälle, die mit Cholera vergleichbar seien. Alledings sei nur die Regierung Bangladeschs befugt, Labortests zu bestätigen.

JOSHUA PAUL

Myanmar sieht die Rohingya nicht als Einwohner an

Mangelernährung und frühere Verletzungen schwächen die Menschen, sodass es schwieriger für sie ist, Krankheiten zu ᶵüberwinden.

Viele von ihnen sind schon seit Jahren von Elend betroffen, oft sogar schon vor dem harten Durchgreifen des Militärs.

Myanmar sieht die Rohingya nicht als Bürger an. Die Angehörigen der Minderheit sind somit staatenlos.

Mehr als 100.000 Rohingya leben isoliert im Zentrum Rakhins, wo internationale Hilfsorganisationen gezwungen waren, die humanitäre Unterstützung zu reduzieren.

Der Zugang zu Nahrung und medizinischer Versorgung ist extrem begrenzt.

Die Hälfte der Rohingya-Flüchtlinge in Bangladesch ist laut WHO nicht ausreichend ernährt.

Fast 17.000 Kinder werden wegen akuter Mangelernährung behandelt.

Aidan Gromoll, eine in den Camps arbeitende amerikanische Kinderärztin, traf vor Kurzem einen einjährigen Jungen mit einem Körpergewicht von nur 1,5 Kilogramm. “Wir haben ihn gewogen, aber er konnte nicht aufstehen, er bestand nur aus Knochen,” erzählte Gromoll, die die Nonprofit-Organisation DocMobile unterstützt.

Die Eltern des Jungen gingen, bevor die medizischen Helfer dokumentieren konnten, wo seine Familie lebt. “Wir wissen nicht ob er noch lebt”, fügt sie hinzu.

Viele Flüchtlinge leiden zusätzlich durch Verletzungen, oder erholen sich gerade davon.

Manche Rohingya erlitten unter schweren Verbrennungen, als die Truppen Myanmars ihre Dörfer anzündeten, oder wurden während Militärangriffen verletzt.

► Frauen berichteten, dass Mitglieder des myanmarischen Militärs sie während der Massenflucht vergewaltigten und sexuell belästigten. Viele Menschen sind durch den tagelangen Marsch extrem erschöpft.

JOSHUA PAUL
Das Flüchtlingscamp in Kutupalong.

“Ich sehe keine gute Zukunft hier”

Unter den Toten auf einem der Friedhöfe in Kutupalong ist auch der Schwiegervater von Safil Ullah.

Ullah war der erste seiner Familie, der floh. Er verließ Rakhin, nachdem er in dem Büro der NGO, in der er arbeitete, tagelang eingesperrt worden war. Sein Arbeitgeber warnte ihn, dass es zu gefährlich wäre, um nach draußen zu gehen.

Der Rest seiner Familie, auch seine schwangere Frau und seine 4-jährige Tochter, reisten später über die Grenze.

Sein Schwiegervater jedoch erlitt einen Herzinfarkt, kurz nachdem sie das Camp erreicht hatten. “Es war die Angst, der Stress und die Erschöpfung”, sagt Ullah, während seine Tochter hinter seinem Rücken hervorschaute.

Für Modina Khatun ist die Zukunft ungewiss. “Ich sehe keine gute Zukunft hier”, sagt sie über das Leben in Kutupalong.

Vergangene Woche beschlossen Bangladesch und Myanmar, die Rohingya in den nächsten zwei Jahren zurück nach Myanmar zu schicken.

Internationale Organisationen äußerten Bedenken darüber, wie die Menschen aus Rohingya empfangen werden, wenn sie zurück gehen. Erst am Freitag gab es berichte, das mehrere dutzende muslimische Dörfer in Myanmar vom Militär dem Erdboben gleich gemacht wurden.

In die Heimat zurückzukehren, würde für Modina Khatun auch zusätzlichen Schmerz bringen. Es würde bedeuten, den Ort zu verlassen, an dem ihre Tochter begraben liegt. Alles was sie noch von ihr besitzt, sind ein paar Kleidungsstücke.

“Ich denke immer an sie”, sagt sie.

Der Artikel erschien zuerst in der HuffPost USA und wurde von Meret Brockmann aus dem Englischen übersetzt.