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12/03/2018 16:03 CET | Aktualisiert 12/03/2018 16:03 CET

Die verblüffende Wissenschaft der Wahrnehmung

Hans Solcer via Getty Images

Was wir sehen, ist kontextabhängig. „Wenn Sie Ihr formbares menschliches Gehirn einem langweiligen, anspruchslosen Kontext aussetzen, wird es sich diesem Mangel an Herausforderungen anpassen und seine langweilige Seite nach aussen kehren“, schreibt der Neurowissenschaftler Beau Lotto in Anders sehen. Die verblüffende Wissenschaft der Wahrnehmung (Goldmann Verlag, München 2018).

Im Jahre 1824 beklagten sich die Leute in Paris über die Qualität der Stoffe der renommiertesten Textilfabrik der Stadt – die farbigen Garne, die man ihnen im Ausstellungsraum zeigte, seien nicht diesselben wie in den Stoffen, die sie mit nach Hause nähmen. Untersuchungen ergaben, dass es nicht an der materiellen Beschaffenheit der Webarbeiten lag, sondern an der Wahrnehmung der Kunden. „Das Material der verschiedenen Wollfäden blieb gleich, aber der Kontext, in dem die Kunden diese wahrnahmen, veränderte sich. Für sich alleine betrachtet sehen Farben anders aus als eingebettet in andere Farben.“

Wir sind jedoch nicht nur Kontext-Opfer, wir können den Kontext auch beeinflussen, ihn schaffen – durch unsere Vorstellungskraft. „Das eigentlich Bemerkenswerte dabei ist, dass wir mittels unserer Vorstellungskraft tatsächlich auch unsere Neuronen (und unsere Vergangenheit) verändern können und damit auch unser Wahrnehmungsverhalten. Für diese Leistung benötigen wir ein hoch entwickeltes Instrumentarium des Gehirns: das bewusste Denken.“

Unsere Vergangenheit verändern? Wie soll denn das gehen? Unser Gehirn ist eine Manifestation unserer Vergangenheit, aus welcher es „elementare mechanische Gewohnheiten, die unsere Spezies im Laufe vieler Jahrtausende entwickelt hat, um dem Augenblick gerecht zu werden“ extrahiert. Man denke etwa an das Atmen oder das Sehen, das unser Gehirn automatisch steuert.

Für das Gehirn spielt es keinen Unterschied, ob es sich Dinge bildlich vorstellt oder diese tatsächlich sieht. Weshalb man denn auch mittels mentaler Simulationen wie der Visualisierung von Szenarien – während Turbulenzen im Flugzeug sich eine Luftstrasse mit Schlaglöchern vorstellen – gute Resultate erreichen kann. Mit Einbildungen können wir neue prägende Wahrnehmungen hervorrufen – weil wir damit unser Gehirn von innen her verändern können.

Mittels unserer Vorstellungskraft, so Professor Lotto, können wir vergangenen Ereignissen eine neue Bedeutung geben. „Das 'Umdeuten' oder Verändern der Bedeutungen vergangener Ereignisse verändert zwangsweise unsere vergangenen Erfahrungen mit der Welt – natürlich nicht die Ereignisse selbst und auch nicht die sensorischen Daten, die diese Ereignisse erzeugt haben, aber die statistische Historie, auf der unsere Wahrnehmung gründet.“

Um Anders sehen zu können, muss man sich von der Standardannahme unseres Gehirns befreien, „die Wirklichkeit zu kennen“ und sich fragen: Warum sind die Dinge so, wie sie sind, und nicht anders? „Sobald genügend Menschen mit dieser Frage zusammenkommen, werden plötzlich erstaunliche – und unvorhersehbare – Dinge möglich (ohne dass man jedoch a priori festlegen könnte, welche Dinge das sein werden).“

Da die meisten Menschen jedoch mehr an Sicherheit und Stabilität interessiert sind als an erstaunlichen und unvorhersehbaren Dingen, wird Professor Lottos neurowissenschaftlicher Ansatz die Welt zu sehen, vermutlich kein allzu grosser Erfolg beschieden sein. Nichtsdestotrotz: Anders sehen ist ein höchst anregendes Buch.