POLITIK
16/10/2018 10:35 CEST | Aktualisiert 16/10/2018 10:59 CEST

Ablösung von Moskau: Die orthodoxe Kirche spaltet sich, mit Folgen für Europa

Warum der Christenheit der größte Einschnitt seit 500 Jahren droht - und welche Folgen das für den Frieden in Europa haben könnte

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Es waren ein paar wenige Worte eines Kirchenführers, die immense politische Konsequenzen in ganz Europa haben könnten.

In der vergangenen Woche gab der Patriarch von Konstantinopel, Bartholomäus I., in einem Kommuniqué bekannt, dass er “der Kirche der Ukraine Autokephalie gewähren” will.

Anders gesagt: Der oberste Patriarch der orthodoxen Kirche spricht sich dafür aus, dass sich eine Ukrainisch-Orthodoxe Kirche aus der Russisch-Orthodoxen Kirche abspaltet. Und er leitet dafür alle weiteren Schritte ein.

Die Folge könnte eine Spaltung der Orthodoxen Kirche sein: Am Montagabend verkündete die Führung der Russisch-Orthodoxen Kirche, dass sie ihre Beziehungen zum Patriarchen von Konstantinopel abbreche.

Wenn Glaubensfragen ein politisches Erdbeben auslösen

► Außerdem dürfte die Entscheidung auch direkte politische Auswirkungen auf die schwelenden Konflikte im Osten Europas haben. Derzeit wird gezielt die Angst vor einem neuen Ausbruch der Gewalt in der Ukraine geschürt.

Worum geht es hier?

Kern der kirchenpolitischen Auseinandersetzung ist ein Konzept, dass sich “Autokephalie” nennt. Im Kern bedeutet es, dass es eigenständige nationale Kirchen geben kann, die sich der orthodoxen Gesamtgemeinschaft verpflichtet fühlen.

Insgesamt gibt es 14 solcher autokephaler Kirchen, die sich gegenseitig anerkennen und in wesentlichen Punkten den Lehren von Bartholomäus I. folgen, dem Patriarchen von Konstantinopel mit Sitz in Istanbul.

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Bartholomäus I. (r) bei einem Treffen mit Kyrill I. Ende August in Istanbul. 

Der wiederum steht selbst an der Spitze einer autokephalen Kirche – dem Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel - und nennt sich der “Erste unter den Gleichen”.

Putins Freunde von der Kirche

Man könnte nun denken, dass es bei dieser Entscheidung vor allem um Glaubensfragen geht. Aber das wäre zu kurz gedacht.

Was vielen Menschen im Westen fremd sein dürfte: Kirche und Glauben sind in den orthodoxen Ländern eng mit der Politik verbunden. Die Russisch-Orthodoxe-Kirche hat 100 Millionen Mitglieder in vielen Nachfolgestaaten der Sowjetunion und kooperiert eng mit dem Kreml.

Patriarch Kyrill I. lobte anlässlich der Wiederwahl von Wladimir Putin zum russischen Präsidenten im März dessen “Zukunftsvision für Russland“. Das Land werde unter ihm “ein friedlicher, richtig souveräner Staat”.

Die Russisch-Orthodoxe Kirche unterstützt nicht nur Putins innenpolitisches Vorgehen, wie zum Beispiel homophobe Kampagnen gegen Schwulen und Lesben, - sie lässt sich von Russlands Präsidenten auch symbolisch vereinnahmen.

In der Ukraine stößt die Nähe der Russisch-Orthodoxen Kirche zum Kreml seit langer Zeit auf Ablehnung.

Moskau verliert fünf Millionen Gläubige

Das Gebiet der heutigen Ukraine gehört seit über 300 Jahren zum Moskauer Patriarchat. Besonders nach der russischen Invasion auf der Krim und in der Ostukraine mehrten sich die Stimmen jener, die eine Loslösung der Ukraine aus dem Einflussbereich der russisch-orthodoxen Kirche befürworteten.

Insgesamt befindet sich die Ukraine seit fünf Jahren in einem Prozess der Distanzierung vom sowjetisch-russischen Erbe. Seit der Revolution auf dem Maidan erfindet sich die Ukraine neu. In diesem Kontext ist auch die Frage einer eigenständigen ukrainischen Kirche zu sehen.

Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko besuchte den Patriarchen von Konstantinopel im Sommer persönlich, um ihm das Anliegen vorzutragen

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Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko und das Oberhaupt der ukrainischen Kirche Philaret.  

Durch die Eigenständigkeit einer Ukrainisch-Orthodoxen Kirche droht dem Moskauer Patriarchat etwa fünf Millionen Gläubige verloren zu gehen. Viel schwerer wiegt womöglich noch der Verlust an Besitztümern auf dem Territorium der Ukraine.

Russland facht Angst vor Gewaltausbruch an

Seit Monaten zeichnen russische Staatssender Horrorszenarien von “blutigen Kämpfen um Kirchengebäude” im Zuge der Kirchenspaltung. Bartholomäus I. warnte beide Seiten vor Gewalt.

Doch Experten halten die Möglichkeit von blutigen Ausschreitungen für eher gering. Victoria Smolkin, Professorin für osteuropäische Geschichte an der Wesleyan University, sagte der Washington Post: “Moskau zeichnet die Ukraine als Aggressor, und sie stellen den Wunsch nach Autokephalie als Angriffshandlung dar. Aber für die Ukrainer ist es eher ein Akt der Verteidigung.”

Aristotle Papanikolaou von der Fordham University sagte dem Magazin “The Atlantic”, dass die Abspaltung “unvermeidbar” geworden sei “nach der russischen Militärintervention in der Ostukraine”.

Trotzdem facht Russland gezielt die Angst vor einem Gewaltausbruch an. So zum Beispiel der russische Außenminister Sergej Lawrow. Er machte die USA für den Schritt verantwortlich. Die Loslösung einer möglichen Ukrainisch-Orthodoxen Kirche sei “mit direkter öffentlicher Unterstützung aus Washington” geschehen.

“Eine katastrophale Entscheidung”

Ein Sprecher des Kreml drohte gar mit einer Intervention in der Ukraine: “Wenn illegale Aktionen stattfinden, wird Russland die Interessen der Orthodoxen schützen, ebenso wie es stets die Interessen der Russen und Russischsprachigen schützt”, so Dmitri Peskow.

Die ukrainische Regierung glaubt in solchen Drohungen ein Muster zu erkennen

“Wir haben in der Vergangenheit schon oft Botschaften vom ‘Schutz der russisch-sprachigen Bevölkerung’ von der russischen Regierung gehört, die am Ende nur als Vorwand für eine militärische Aggression gegen die Ukraine galten”, sagte Mariana Betsa, Sprecherin des Außenministeriums.

Doch auch auf die Gesamtheit der Orthodoxen Kirche könnte die Abspaltung Auswirkungen haben.

Ein Sprecher von Kyrill I. sagte bereits nach der Entscheidung von Bartholomäus I.: “Heute hat das Patriarchat von Konstantinopel eine katastrophale Entscheidung getroffen – zuallererst mit Blick auf sich selbst und die Zukunft der orthodoxen Kirche.”

Andererseits: Die Russisch-Orthodoxe Kirche hatte schon einmal mit einer Spaltung der Orthodoxie gedroht. Das war 1996, als Estland eine autokephale Kirche zuerkannt bekam. Auch damals brach das Moskauer Patriarchat die Beziehungen nach Konstantinopel ab.

Doch der Bruch blieb aus, heute existieren zwei orthodoxe Kirchen in Estland. Ein Kompromiss, der eigentlich gegen das Kirchenrecht ist. Aber er half, den Frieden in der Orthodoxie wieder herzustellen.

(ben)