POLITIK
10/02/2018 09:48 CET | Aktualisiert 10/02/2018 10:20 CET

"Die SPD steht nicht einmal mehr zu ihrem Wortbruch"

Das Chaos in der SPD macht selbst erfahrene Kommentatoren ratlos.

Reuters
SPD-Politiker Martin Schulz
  • Kommentatoren sehen die SPD in “blankem Chaos” versinken
  • Wenn ihre Analysen stimmen, steht der Partei das Schlimmste sogar erst noch bevor

Es ist selten, dass man Kommentatoren der großen Tageszeitungen Erstaunen anmerkt, Fassungslosigkeit sogar. Martin Schulz und seine SPD haben es geschafft.

► Erst das schlechteste Wahlergebnis nach dem Zweiten Weltkrieg.
► Dann die Versprechen: Wir gehen in die Opposition und Schulz geht nie in ein Kabinett unter Kanzlerin Angela Merkel.
► Dann die Koalitionsverhandlungen.
► Dann Schulz als Außenminister in spe.
► Dann doch kein Schulz als Außenminister.

“Sozialdemokraten stehen nicht einmal mehr zu ihrem Wortbruch”

Die Satiriker der “Heute Show” frotzelten, die SPD stehe nun nicht einmal mehr zu ihrem Wortbruch.

Mit Schulz’ Rückzug, so formuliert es die “Süddeutsche Zeitung”, “endet eine geradezu einzigartige Geschichte von Aufstieg und Fall, deren Tempo und Dynamik selbst in diesen beschleunigten Zeiten atemberaubend waren.”

Laut “Tagesspiegel” befindet sich die SPD “am Rande der Selbstzerstörung”.

Und jetzt? Regiert das “blanke Chaos”

“In der SPD herrscht das blanke Chaos”, heißt es auf “Spiegel Online”.  “Selbst führende Genossen, die sonst nie um einen Kommentar verlegen sind”, wollten am Freitagnachmittag nicht sagen, wie es nun weitergehen soll.

″Die Sozialdemokratie verschleißt ihr Führungspersonal mit einer Großzügigkeit, als hätte sie jede Menge Leute auf der Ersatzbank. Nur: Von der meldet sich kaum einer”, notiert die “Berliner Zeitung”.

“Dem politisch interessierten Publikum und auch denen, die ein klein wenig Interesse am Showgeschäft haben, wird derzeit vorgeführt, dass der Wille zur Ohnmacht – jedenfalls in der SPD – nicht nur deutlich weiter verbreitet ist, als der zur Macht, sondern auch erheblich desaströser wirkt, als jener es jemals hätte tun können.”

Es lief gerade gar nicht so schlecht

Was kaum einem der Kommentatoren in den Kopf will: Die SPD hat in den Koalitionsverhandlungen viel mehr erreicht, als nach dem miserablen Wahlergebnis zu erwarten gewesen war.

“Sie haben die Union in den Koalitionsgesprächen zu deutlichen Zugeständnissen gezwungen, mehr Ministerien herausgeschlagen, als ihnen eigentlich zugestanden hätten, und sie konnten am Ende einen Vertrag präsentieren, der zweifellos in weiten Teilen sozialdemokratisch ist”, heißt es in der “Zeit”.

Und statt daraus etwas zu machen, demontiert sich die Partei. Der “Tagesspiegel” schreibt: “In Rekordgeschwindigkeit wurde alles Erreichte durch eine überflüssige Personaldebatte entwertet. Man fasst es nicht.”

“Die Lage ist kurios”, heißt es dazu bei “Spiegel Online”.

Drastischer formuliert es die “Frankfurter Allgemeine Zeitung”. Sie schreibt: “Eine Partei macht sich lächerlich”.

Was ist da los?

Die “Zeit” betreibt Ursachenforschung. Die Redaktion verweist darauf, dass auch die Karrieren von Kurt Beck und Rudolf Scharping ihr Ende im Hinterzimmer gefunden hätten. Wie bei Schulz.

“Dass dieser Machtkampf sich mit einer solchen Gewalt entfalten konnte, zeigt, dass es um mehr geht als bloß um Eitelkeiten.”

Tatsächlich gehe es der SPD viel schlechter als in den Zeiten von Beck und Scharping. Die Partei leide unter einer “tiefen konzeptionellen und identitären Erschöpfung”. Sie streite um Personalien, weil sie ihren Inhalten nicht traue.

Sollte diese Analyse zutreffen, stünde der SPD ihre schwerste Zeit erst noch bevor.

(lm)