POLITIK
06/12/2018 16:09 CET | Aktualisiert 06/12/2018 16:09 CET

Schlacht ums Klassenzimmer: So leiden Lehrer am gescheiterten Digitalpakt

"Wir können froh sein, wenn wir in Grundschulen überhaupt WLAN haben.”

dpa / HuffPost
Die Schlacht ums Klassenzimmer.

Kurz sah es aus wie der große Wurf: Der Bundestag hatte für den Digitalpakt eine Grundgesetzänderung beschlossen, um Schulen eine 5-Milliarden-Finanzspritze des Bundes zu ermöglichen.

► Doch dann räumten die Länder das ambitionierte Vorhaben wieder ab. Einstimmig legte der Bundesrat am Mittwoch sein Veto gegen das große Digitalisierungs-Vorhaben ein.

Das bedeutet: Keine neuen Tablets, keine elektronischen Tafel, kein besserer Internetzugang von Mitteln des Bundes – vorerst. Die Ministerpräsidenten der Länder plagte die Sorge, dass sie durch die Gesetzesänderung an Macht über die Bildungspolitik – bislang strikt Ländersache – einbüßen könnten.

Plus: Der Digitalpakt hätte für sie doch teurer werden können, als zunächst geplant. Der Haushaltsausschuss des Bundestages hatte so beschlossen, für jeden Euro, den der Bund investiere, müssten die Länder einen weiteren Euro zuschießen.

Die Folge: die Notbremse.

Die Schüler und Lehrer stehen somit weiter im Regen. Beziehungsweise: Sie sitzen ohne WLAN in vor sich hin bröckelnden Klassenzimmern.

Mike Ochmann, Grundschullehrer und Sprecher des Verbands Bildung und Erziehung in Olpe, macht das wütend. Er sagt: “Das Scheitern des Digitalpakts ist ein weiterer Schlag ins Gesicht der Lehrerinnen und Lehrer.“

“Die Ausstattung der Schulen ist eine Katastrophe”

Allein für Nordrhein-Westfalen hätte der Digitalpakt eine Milliarde Euro für die Zukunfts-Ausstattung der Schulen bedeutet. “Jeden Cent davon können wir gebrauchen”, sagt Ochmann der HuffPost.

Den bei allen Problemen, die es an den Schulen der oft klammen Kommunen gibt, bleibt für große Digitalisierungsprojekte oft weder Zeit noch Geld. 

Der Grundschullehrer kritisiert: “Die Situation hier ist weiter alarmierend. Wir haben schulformübergreifend erheblichen Lehrermangel. Im gemeinsamen Lernen können mancherorts nicht einmal ein Prozent der ausgeschriebenen Stellen besetzt werden.”

Beim gemeinsamen Lernen sitzen Kinder mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf zusammen mit anderen Kindern in der Klasse. 

► Weiterer Kritikpunkt für Ochmann ist die Ausstattung der Schulen. Die nämlich sei “eine Katastrophe”, sagt der Gewerkschaftler. 

“Wir sprechen hier von schlichtweg maroden Gebäuden. Ein Beispiel: In Hagen gibt es Grundschulen, da gibt es Kakerlaken. Auf diesem Niveau sind wir schon.”

Deutschlandweit sind diese Probleme schon lange bekannt. Die Förderbank KfW hat so berechnet, dass Städten und Gemeinden fast 48 Milliarden Euro für die Sanierung von Schulen fehlen.

“Wir können froh sein, wenn wir überhaupt WLAN haben”

An Digitalisierung sei da kaum zu denken – leider.

► Ochmann sagt: “Das Problem ist, das wir das mit den bisherigen Mitteln überhaupt nicht angehen können. Wir können froh sein, wenn wir in Grundschulen überhaupt WLAN haben.”

Teilweise würden die Schulträger überhaupt nicht wissen, was WLAN ist. “Das wird dann zusammengeworfen mit der Frage nach Glasfaserleitungen, von denen die meisten Schulen übrigens nur träumen können.”

Auch Marlis Tepe, Vorsitzende der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW), hat diese Erfahrung gemacht. Der HuffPost sagt sie:  

“Wenn man sich nicht darauf verlassen kann, dass die Infrastruktur stabil ist, hat man ein riesiges Problem bei der Vorbereitung und im Unterricht.

Eine Schulleiterin wollte mir erst kürzlich ihr gutes Online-Material zeigen, das sie im Unterricht einsetzt. Das hat aber nicht geklappt, weil das WLAN im Lehrerzimmer nicht reichte. Das ist frustrierend.”

“Die Whiteboards stehen kaum nutzbar herum”

Sie findet den Digitalpakt auch aus einem anderen Grund wichtig. Er könnte dazu führen, dass Schulen zum ersten Mal flächendeckend Systemadministratoren einstellen können.

► Denn selbst wenn heute moderne Geräte angeschafft werden – warten und richtig einstellen kann sie oft niemand.

Ochmann kennt das Problem. Besonders bei interaktiven Whiteboards, die zumindest an einigen Schulen bereits als Tafel-Ersatz angeschafft wurden, gebe es Schwierigkeiten. 

“Das Problem – wie mit allen anderen Endgeräten auch – ist: Die müssen auch gewartet werden und kalibriert. Das kann aber meistens niemand, weil die Lehrer dazu nicht die nötigen Administrationsrechte haben. Dann stehen die Whiteboards eben kaum nutzbar herum”, kritisiert der Grundschullehrer.

Die Computer-Ausstattung sei in den Schulen seines Bezirks kaum besser.

Viele Schulen hätten so nicht einmal einen Computerraum, sondern nur ein bis zwei Rechner mit Windows 95 in den Klassenzimmern.

“Das ist unverantwortlich”

All diese Probleme sind bekannt – und dennoch scheiterte der Digitalpakt. Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hatte sich als größter Gegner des Vorstoßes der Bundesregierung hervorgetan.

► Zum einen polterte er: “Der Bund hat gar keine Kompetenz. Aber er hat auch gar keine Ahnung davon.”

► Zum anderen befürchteten Kretschmann und seine Kollegen, die Länder könnten durch die Aufweichung des Kooperationsverbots in Zukunft eben doch weitere Kompetenzen an den Bund verlieren.

Lehrer Ochmann kann das nicht nachvollziehen. Er ist enttäuscht:

“Wenn die Ministerpräsidenten jetzt ihre Angst äußern, die Verantwortung in der Bundespolitik zu verlieren, würde ich zurückfragen: Welche Verantwortung hat man denn bei der Ausstattung der Schulen, bei der Lehrerausstattung und der Digitalisierung bislang übernommen?”

GEW-Kollegin Tepe sieht das ähnlich. Sie sagt:

“Sollte der Digitalpakt scheitern, ist das unverantwortlich. Durch ihr egoistisches Handeln setzen die Länder eine dringend notwendige Modernisierung der Schulen leichtfertig aufs Spiel.”

(ll)