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19/04/2018 13:52 CEST | Aktualisiert 27/04/2018 15:06 CEST

Die Neue Weiblichkeit … Frau erkenne Dich selbst und lebe Dich selbst

Die Kraft des Weiblichen

 Die #metoo-Debatte hat eine längst überfällige Diskussion zur Rolle von Weiblichkeit und Frausein angestoßen. Als jemand der 25 Jahre in männerdominierten Bereichen in Führungsaufgaben lebte, kann ich auf einiges an Erfahrung zurückgreifen. Ich kann vor allem sehr gut einschätzen, was so manche Workshops, Vorträge, Webinare und gute gemeinte Ratschläge an Qualität haben. Das einzuschätzen, ist gar nicht so einfach.

Zeitschriften sind voll von guten Ratschlägen und von Interviews mit Vorzeigefrauen. Frauen wie z.B. Maria Magdalena werden als Vorbild bemüht – ohne sich mit dieser Frau je in ihrer Tiefe auseinandergesetzt zu haben (nicht dass das einfach wäre – das will ich gar nicht behaupten).

Junge Frauen erhalten erfahrene Mentorinnen zur Seite gestellt. Unternehmen und Institutionen entdecken, dass die Quote heute wichtiger denn je ist und dass frau gebraucht wird – man will ja mithalten, wenn erforderlich, auch per Gesetz.

Es wird heftig diskutiert, wie frau sich zu präsentieren hat, wie sie in eine neue Form kommt und wer schon als Vorbild, als role model (neudeutsch) herhalten kann. Völlig außer Acht bleibt der Umstand, dass sich das generelle Gefüge zur Zeit auch rasant entwickelt. Es sind also mindestens 2 große Stränge – Die Frau hinterfragt sich selbst UND es gibt eine massive Hinterfragung von alten Strukturen auf gesellschaftlicher Ebene.

Meine durchaus spezielle Position

Ich schreibe bewusst pointiert als eine Frau, die einer der ersten Frauen in der Sicherheitpolitik war (Anfang der 1990er), die die erste Dekanin einer Privatuniversität in Österreich war (Anfang der 2000er) und die als erste Frau eine Abteilung im Verteidigungsministerium der Republik Österreich leitete (2008-2012) und viele Jahre die Strategiedebatte mitprägte.

Was damals eine echte Besonderheit war, ist heute scheinbarer Standard – und gleichzeitig von einer unglaublichen Hohlheit und Leere, von einer Masse an Nichtsagendem gekennzeichnet. Frauen kommen, Frauen gehen. Mal mehr, mal weniger beachtet. Mal hinaufgehoben, mal Kraft Ehrgeiz und Können selbst in die Aufgabe gekommen. Doch bei allem bleibt ein schaler Beigeschmack.

Es reicht eben nicht …

Es reicht eben nicht, mit Quotenfrauen zu agieren, auch wenn es ganz ohne Quote und Zwang offenbar nicht geht, weil die vorhandenen Struktur der starr und flexibel sind, dass es regulierten Druck braucht, um sie zu verändern. Das ist paradox, denn es hinterlässt den Eindruck, als wären Frauen etwas Besonderes. Wir haben vergessen, dass es zumindest (!) zwei Geschlechter gibt. Warum soll dann eines davon etwas Besonderes sein? Viele merken gar nicht die Absurdität der Debatte.

Es reicht nicht, Frauenworkshops und Frauenrunden anzubieten – weil viele Frauen gar keine tiefere Ahnung über ihr Frausein haben – was es ist, was es sein kann und wie man in die – wie ich es bezeichne - Neue Weiblichkeit gelangen kann. Was bedeutet das – für sich als Frau und für das Umfeld, denn das ist die Reflexionsfläche für unsere Wahrnehmung? Ich stelle diesen viel zu wenig beachteten Umstand immer wieder bei meinen Veranstaltungen und Gesprächen fest. Was macht uns aus als Frau – jenseits aller bekannten Klischees in die eine und die andere Richtung?

Es reicht vor allem deshalb nicht, weil das Gros der Frauen sich nach wie vor anpasst und viel zu wenig bereit ist, den Ursinn des Weiblichen zu erkennen und zu leben. Das ist das eigentlich Erschreckende. Ich rufe hier nicht zum Aufstand auf. Der ist bereits im Gange. Doch ich mute Frauen auch zu, aufzustehen und für ihr Sein, ich schreibe hier ausdrücklich nicht von Rechten, für ihr Sein als Frau in ihrer vielgestaltigen Rolle einzutreten und endlich ein tiefe „Erkenne dich selbst“ vorzunehmen. Das fehlt nach wie vor zum Großteil. Wie soll man im Außen als die erkannt werden, wenn frau sich selbst viel zu wenig kennt und erkennt?

Bitte im Alltag, bitte jenseits von geschützten Workshops etc. pp. Wenn es ums Eingemachte geht, d.h. um die Frage, was Weiblichkeit denn tatsächlich ist, womit wir sie gemeinhin verbinden, welchen Klischees wir folgen, wie stark das Kollektiv die/den Einzelne/e prägt, hindert, klein macht und ein inneres Bild erzeugt, etc. pp – dann gehen viele in Deckung – Frauen im Übrigen eingeschlossen. Wollen wir den Ursinn des Weiblichen gar nicht sehen? Haben wir Angst davor? Haben wir Angst vor der Kraft des Weiblichen?

Die Kraft des Weiblichen

Dieses Erkennen des Ursinns des Weiblichen ist am Beginn unangenehm, weil Anpassung eben leichter ist, als sein Selbst zu erkennen, freizulegen und auf Himmel komm raus zu leben. Noch immer sind die Anerkennungsjunkies in der Mehrheit – da nutzt kein noch so schlauer Workshop. Noch immer sind die Anpassungsjunkies unterwegs.

Frausein ist mit einem tiefen Prozess, der oft eine Berg- und Talfahrt ist, verbunden. Den kann man gehen oder auch weiterhin in der vielzitierten Komfortzone verbleiben.

Dabei haben Frauen in diesem Renaissanceprozess eine besondere Rolle. Nicht dass es vorher keine Frauen gab und die Weiblichkeit nicht gelebt wurde – jenseits feministischer Konzepte, jenseits von Klischees. Um gleich einem Missverständnis vorzubeugen: Die feministische Bewegung war wichtig, hat jedoch mehr zu einer Vermännlichung der Frau geführt als dass das Urweibliche hervortreten konnte. Doch sie hat ihre Meriten.

Nun geht es jedoch weiter auf dem weiblichen Weg - nicht nur durch die #metoo-Bewegung. Ich will dazu in die Tiefe gehen.

Was kann die Neue Weiblichkeit bedeuten - Jenseits bekannter Klischees?

Ich will mit einer Frage beginnen: Was macht Weiblichkeit grundsätzlich aus?

Ich habe den Eindruck, dass außer ein paar Schlagworten das genauso wenig bekannt ist wie die Gegenfrage, was Männlichkeit heute ausmacht. Wir sind eine gehypte Gesellschaft und haben von grundlegenden Dingen so wenig Ahnung. Daher tappen wir auch in so viele Fallen – und bringen in der Sache viel weniger weiter als an Möglichkeit vorhanden ist. Mich interessieren feministische Ansätze nur sehr bedingt. Sie haben ihre Meriten, doch sie interessieren mich eben nur bedingt, weil sie mit dem Wesen von Frausein wenig zu tun haben. Ich weiß, das ist provokant, doch ich habe es so in den vergangenen 30 Jahren erfahren.

In einer meiner Bücher habe ich im Schlusskapitel mich über die Weiblichkeit ausgelassen und versucht, sie zu umreißen. Selbst einer gestanden Frau wie mir fiel das nicht ganz leicht, war auch ich von vielen kollektiven Normen damals geprägt. Diese Gedanken habe ich nun im Lichte meiner eigenen Entwicklung adaptiert. Manches mag bekannt sein, manches ist in der Deutlichkeit für einige neu. Ohne dies und mehr zu kennen, ist jedes Frauförderprogramm aus meiner Sicht verfehlt und Makulatur.

  • Wenn wir vom weiblichen Prinzip sprechen, dann ist es der Gegenpol und meint etwas Diffuses, Zyklisches wie der Mond.
  • Das Weibliche hat eine Doppelnatur aus Innen und mein Außen – beides ist oft grundlegend unterschiedlich und scheinbar unvereinbar – und doch sind beide Seiten untrennbar miteinander verbunden.
  • Beides ist so synchronisiert, dass sie als Ganzes funktionieren. Gemeinsam sind sie nahezu unzerbrechlich, auch wenn es immer wieder im Außen versucht wird und das Gegenhalten anfänglich viel Kraft kostet.
  • Es ist in die Tiefe und Breite zerfließend, strömend, emotional und ohne Form - muss es ja nicht haben.
  • Es ist schöpferisch, kreativ, Leben gebärend, aufnehmend, umwandelnd und heilend.
  • Die weibliche Energie ist überfließende Liebe und dient sich selbst.
  • Das weibliche Prinzip steht für Hingabe; es ist empfänglich und passiv.
  • Das Weibliche ist die Stille, die Ruhe, die Beobachtung, das Gewahrsein.
  • Das Weibliche hat Akkuratesse des Instinktes, des intuitives Feingefühls, die Vorliebe für das spielerische Herangehen an das Leben und die unverrückbare Loyalität zum Ganzen.
  • Es weist eine hohe Robustheit, Großmut, ist territorial, instinktiv treu, vital und verspielt, einfühlsam und mitfühlend.
  • Sie bewegt sich aus sich selbst heraus, aus der Leere nimmt sie den männlichen Impuls auf.

Man kann diese Beschreibungen natürlich noch erweitern. Ich will hier erste Impulse geben. Wer sich selbst nicht kennt in seinen Wesenszügen und Grundanlagen, wird immer die Antwort im Gegenüber suchen. Nie bei sich selbst. Dort jedoch liegen die für einen passenden und stimmigen Antworten. Nur in der Frau selbst. Und die ist eben anders als der Mann – und das ist gut so.

Und es ist nun mal so, dass es mindestens 2 Geschlechter gibt. Eines davon ist das Weibliche, ist die Frau. Erst wenn sie sich selbst erkennt und mutig lebt, kann sie den nächsten Schritt tun. D.h. die Erkenntnis und die Abgrenzung von anderen ist wesentlich, um überhaupt weitergehen zu können und zu einem harmonischen Miteinander zu kommen.

Frau erkenne Dich selbst und lebe Dich selbst ...

Die Neue Weiblichkeit, verstanden als ein Erkennen und Leben der ureigenen Prinzipien im Verbund mit jenen der männlichen Prinzipien, wie ich sie wahrnehme und mehr und mehr lebe - tritt kraftvoll und in ihrer ihr eigenen Weise zu Tage – nicht als Gegensatz zum Männlichen, sondern als natürlicher Teil des Ganzen.

Man muss das gar nicht beschleunigen und in einen besonderen Raum stellen. Dafür braucht es keine bombastischen Programme. Diese Zeiten sind vorbei. Das ist schlicht nicht mehr zeitgemäß. Es geht weder um den Feminismus bei allen Ehren, noch um eine Förderung des Weibchens via eine Herausstellung der Familie (wie dies manche Kreise in Verkennung der Grundtatsachen tun).

Dies sind bestenfalls ergänzende Themen. Es geht schlicht um die Frau selbst, um ihr Wesen, um ihren Kern und um den Ausdruck desselben. Es geht ums Eingemachte, um die weibliche Essenz, um das weibliche Urwesen. Das gilt es zu erkennen und zu leben. Dies ist ein Prozess, der Bewusstsein und Achtsamkeit braucht – regelmäßig und durchgängig – bei Frauen und auch – in bewusster Abgrenzung als Schritt der Selbsterkenntnis bei Männern.

Es geht dabei ja schließlich um einen selbst als Mensch und als Frau. Wer Selbstachtung in sich lebt, der erfährt auch Achtung und Wertschätzung im außen – das ist gelebte Resonanz.

Das Leben der Neuen Weiblichkeit verlangt einen Blick auf das, was war, was ist. Z.B. einen Blick auf den kollektiven und den eigenen weiblichen Schmerzkörper, auf die Rollen, die wir als Frauen unbewusst und bewusst spielen, warum wir sie spielen, die Rolle von Mutter und Vater – und wie Frauen dies alles zu ihrem eigenen Wohle wandeln können, um im Frauenland auch anzukommen und dort lustvoll zu leben.

Um das Neue zu erkennen, das unser Urgrund als Frau ist, ist ein Blick auf das, was war, hilfreich. Es ist ein Wandeln von einem Pol in den anderen Pol. Es ist ein Prozess der Selbsterkenntnis, der Würdigung dessen, was war – als Grundlage, damit das wahrhaft Weibliche hervortreten kann. Dann erst kann Neues entstehen. Dann erst kann die Neue Weiblichkeit, wie ich sie erfasse und lebe, an den Tag treten.

Der Weg in das Leben der Neuen Weiblichkeit

Folgende Fragen bilden für mich in Diskussionen und Gedankenaustauschen die Grundlagen für das Leben der Neuen Weiblichkeit:

  • Wo stehst Du als Frau – in Deinem Sein, im Leben, in deinem sozialen Netzwerk? Stehst Du alleine mit Dir? Wer begleitet Dich? Wer sind Deine Referenzmenschen? Hast Du Vorbilder? Was nimmst Du von Ihnen mit? Was ist überhaupt heute noch brauchbar davon?
  • Wer beeinflusste Dich auf Deinem Weg? Mutter, Großmutter, Tanten, Schwester, Freundin … Hast Du Gleichgesinnte, die den Weg mit Dir teilen?
  • Welche Rolle hat Deine Mutter – schau in den Spiegel und Du begegnest ihr, ob Du willst oder nicht – wie gehst Du damit um? Die Sippe darf sein und dann gehen.
  • Welche Rolle hat Dein Vater – die erste große Liebe Deines Lebens mit allen möglichen Rollen von der Prinzessin über die Rebell etc. pp.? Die Sippe darf sein und dann gehen.
  • Wie kann man die Mutterwunde heilen? Erkennen, heilen im Sinne einer Ganzwerdung, heraus aus der Opferhaltung und hinein in ein selbstbestimmtest Leben. Hast Du den Mut dazu?
  • Wie kann man die Vaterwunde heilen? Erkennen, heilen auch hier im Sinne einer Ganzwerdung, heraus aus der Opferhaltung und hinein in ein selbstbestimmtest Leben. Bist Du bereit, in diese Deine Kraft einzusteigen und sie zu leben – frei von Wettbewerb und Konkurrenzdenken?
  • Was ist der kollektive Schmerzkörper? Wie lässt sich der weibliche kollektive Schmerzkörper heilen und was hat das mit Dir zu tun? Erkennst Du das Grundthema und die Zusammenhänge zwischen „groß und klein“. Wenn Du Dich dem nicht widmest, wirst Du Deine Neue Weiblichkeit weder entdecken noch leben können.
  • Der Weg ins Frauenland ist kein Weg zurück sondern ein Weg weiter und tiefer ins Leben – wie geht das? Bist Du bereit, Dich auf Dich selbst einzulassen oder hast Du Angst vor Deiner weiblichen Kraft?
  • Der weibliche Körper – ein Mysterium? Warum kennen so wenige Frauen ihren eigenen Körper, den sie täglich mit sich tragen und in dem sie täglich unterwegs sind? Schau auf Deinen Körper und nimm ihn an – gleich wie er aussieht, gleich, ob er Schönheitsidealen entspricht.
  • Die weibliche Seele – das Gefäß, der heilige Tempel – auch ein Mysterium?

Natürlich kann man die Fragen ergänzen und erweitern. Natürlich sind die Fragen nicht erschöpfen und es mögen Unterschiede zwischen Frauen in verschiedenen Altersgruppen, aus verschiedenen Kulturkreisen, mit verschiedenen Erfahrungshorizonten gegeben sein. Doch die Frau in ihrer Selbsterkenntnis, in ihrer Selbstfindung bleibt immer die Frau an sich. Sich auf diesen Weg zu machen, ist Ausdruck des Lebens der Neuen Weiblichkeit. Es ist kein Geheimnis. Es gibt keine Erfolgsgarantie. Es gibt kein bilanztaugliches Ziel dabei. Es ist der Weg – eine Pilgerschaft zu sich selbst, zur großen Urmutter in einem selbst. Es ist der Weg zur Quelle, flussaufwärts, zur Geborgenheit und zur Nahrung in sich selbst, zum Schutz in sich, zur Wärme in sich. Nichts im Außen kann dies bewirken. Der Weg zur Neuen Weiblichkeit ist ein innerer Weg, den es sich jedenfalls zu gehen lohnt – allein und/oder in Gemeinschaft mit Frauen, die Ähnliches tun.

Meine Vision von Neuer Weiblichkeit: Frau ist Frau und Mann ist Mann. Du bist die Frau Deines Lebens – und niemand sonst. Dazu braucht es keinen Wettbewerb, keinen Kampf. Dazu braucht es Erkenntnis, Mut, Vertrauen, Annahme und ein Gehen des Weges ins eigene Frausein.

Anspruchsvoll? Natürlich – weil Frauen Ansprüche haben dürfen und auch sollen – an sich und an ihr Umfeld.