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13/03/2018 21:39 CET | Aktualisiert 13/03/2018 21:39 CET

Die „neue“ Automobilindustrie: Wie fit ist Deutschland?

Interview mit Univ.-Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl, Institutsleiterin am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI und Inhaberin des Lehrstuhls für Innovations- und TechnologieManagement (iTM) Institut für Entrepreneurship, Technologie-Management und Innovation Karlsruher Institut für Technologie (KIT)

Univ-Prof. Marion A. Weissenberger-Eibl

Frau Prof. Weissenberger-Eibl, Sie wurden von Wissenschaftsministerin Theresia Bauer als Vorsitzende der gleichnamigen Kernarbeitsgruppe „Strategiedialog Automobilwirtschaft BW" berufen. Wo steht Baden-Württemberg?

Die Arbeitslosigkeit grenzt mit 3,2 Prozent in Baden-Württemberg an Vollbeschäftigung. Auch wenn wir unseren Innovationsindikator befragen, steht das Land sehr gut da. Die Automobilindustrie, als die tragende Säule der Baden-Württembergischen Wirtschaft, läuft Gefahr weltweit an Bedeutung zu verlieren. Natürlich wird das nicht morgen passieren: Aber in zehn bis zwanzig Jahren müssen wir mit einem grundlegenden Wandel rechnen. Eine Möglichkeit ist jetzt natürlich das Pferd zu wechseln, und auf Elektromobilität zu setzen. Sicherlich macht die Elektromobilität Sinn als ressourcenschonendes und klimafreundliches Mobilitätskonzept der Zukunft. Ob die Elektromobilität allerdings als Basis für die „neue Automobilindustrie“ in Baden-Württemberg taugt, ist alles andere als sicher. Schließlich zeichnet sich schon heute ab, dass die Leitmärkte in China und vielleicht in Indien liegen werden. Baden-Württemberg wird für die entsprechende industrielle Herstellung zu teuer sein.

Weshalb sollten wir uns an dieser Stelle die Risikoexperten zum Vorbild nehmen?

Bei der Versicherungswirtschaft sind die beiden entscheidenden Orientierungsgrößen: Wie groß ist das Risiko, dass ein Schaden eintritt, und wie groß ist der anzunehmende Schaden. Ich denke, das Risiko ist zumindest einmal nicht zu vernachlässigen, dass die Baden-Württembergische Automobilwirtschaft global an Bedeutung verlieren könnte. Der daraus erwachsende Schaden wiederum wäre für Baden-Württemberg aber sehr hoch. Aus dieser Überlegung heraus erscheint es wohl angezeigt, sich mit der Fragestellung zu beschäftigen. Am Ende wird es darum gehen, adaptiv und agil mit den jeweiligen Gegebenheiten umzugehen.

Weshalb können wir von den Komplexitätswissenschaften wie der Biologie viel lernen?

Der Begriff „Fitness“ ist ja stark von der Biologie geprägt. Wenn es nun um die Anpassungsfähigkeit von Systemen geht, können wir von der Biologie also viel lernen. Deshalb möchte ich gern die Lebenswissenschaft bzw. die Ökosystemforschung dazu nutzen, um unsere kommenden Dialogrunden gedanklich zu strukturieren. Wenn man die Anpassungsfähigkeit eines Ökosystems betrachtet, steht als entscheidendes Kriterium die Vielfalt im Vordergrund.

Was heißt das übertragen auf Baden-Württemberg?

Wenn wir genügend Ideen, Perspektiven und Konzepte in unsere Systeme integrieren, können sich diese neuen Gegebenheiten anpassen. Dann kommt es darauf an, dass die Systemkomponenten möglichst effizient miteinander interagieren. Auf Baden-Württemberg bezogen ist dabei die Frage, ob die Interoperabilität zwischen den Akteuren gegeben ist – oder zumindest einmal möglich ist. Und schließlich ist die Frage, wie es zu einem Gen-Drift kommt beziehungsweise wie sich das System dann auch wirklich verändert. Natürlich sind dafür viele Einflussfaktoren aus dem Umfeld entscheidend. Aber wenigstens können wir mit unserer Aktivität hier, zusammen mit der Ministerin und anderen wichtigen Stakeholdern, den Selektionsprozess etwas beeinflussen.

Ein eingespieltes und erfolgreiches System ist sehr stabil und schwer zu ändern...

Ja, wenn wir also wirklich entscheidende Handlungsfelder oder „Systembaustellen“ finden wollen, müssen wir also die ausgetretenen Pfade verlassen. Wir sollten keine Scheu davor haben, ungewöhnliche Dinge zu denken. Wir müssen uns klar sein, dass wir uns hinsichtlich Lösungen kaum bei anderen bedienen können. Zum einen deswegen, weil wir von der Entwicklung her vorne dran sind und Neuland betreten müssen – dies sage ich mit Blick auf China. Und unsere Situation ist zu speziell, als dass wir Patentlösungen anwenden könnten – hier sehe ich vor allem den undifferenzierten Vergleich mit den USA kritisch.

Sind junge Menschen in Unternehmen, im Bildungssystem oder in der Politik wirklich beteiligt, wenn Zukunftsentscheidungen zu Digitalisierung getroffen werden?

Viele „Digital Natives“ müssen hierzulande vielfach erst durch die Instanzen dienen, bis sie ihre – dann möglicherweise schon leicht veraltete – Sicht einbringen dürfen. Was können wir da tun? Oder warum reden Fachexperten mit Ausbildungshintergrund immer noch so ungern mit Akademikern? Aus der Innovationsforschung heraus erkennen wir, dass Anwendungswissen heute für den Innovationserfolg ebenso wichtig ist, wie technologisches Wissen. Von „auf Augenhöhe treffen“ kann da aber noch lange nicht die Rede sein.

Was wären richtige Maßnahmen, um den Austausch zu fördern?

Wir müssen richtig mit Komplexität umgehen lernen. Simpel ausgerückt könnte man auch sagen: „Einfach können andere auch.“ Und ganz im Sinne unseres biologieorientierten Ansatzes möchte ich mit einem Zitat von Charles Darwin enden: „Nicht die Stärksten überleben, sondern die, die sich am schnellsten anpassen können.“

Vielen Dank für das Gespräch.