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16/09/2018 10:06 CEST | Aktualisiert 16/09/2018 10:06 CEST

Plastik müllt eine Insel zu – und Frauen machen Kunstwerke daraus

Auf einer Salomonen-Insel basteln Frauen aus Müll attraktive Deko. Doch es geht um viel mehr.

Doris Neubauer
Frauen der Gruppe Plasticwise Gizo stellen Kreatives aus Plastikmüll her.
  • Überall auf der Insel Ghizo liegt Plastikmüll, trotz eines gesetzlichen Plastik-Verbots.
  • Eine Gruppe einheimischer Frauen nutzt den Abfall kreativ – und nutzt die Chance, um sich von ihren Männern zu emanzipieren.

Elegante Blumengestecke zieren einen der Tische. Auf einem anderen liegen praktische Fächer neben Portemonnaies, quietschgelben Girlanden sowie Grußkarten. Am nächsten präsentieren sich Ohrringe in allen Farben des Regenbogens.

“Die Männer werfen Plastik weg, wir Frauen sammeln es ein und machen etwas Wunderschönes daraus“, sagt Josephine mit einem verschmitzten Grinsen und zeigt mir stolz ihre orangefarbenen Hänge-Ohrringe. “Ich habe sie gegen eine Tasche getauscht, die ich aus einem alten Regenschirm genäht habe.“

Die kecke Dame ist eine von dreißig Frauen, die sich in der Stadt Gizo im Westen der Salomonen versammelt haben, um mir ihre Produkte vorzustellen. Produkte, die allesamt aus recyceltem Plastik hergestellt worden sind. 

 

Das Müllproblem von Ghizo

Von Letzteren gibt es auf der Insel Ghizo (ja, mit h) jede Menge. Glänzende Keksverpackungen, quadratische Milchcreme-Tüten, grüne Sprite-Flaschen – Plastikmüll ist auf dem Archipel, das häufig von Erdbeben und Tsunamis getroffen wird, längst Teil des Straßenbilds geworden.

Es gibt hier kein Abfall-Management“, klagt Rendy Solomon, die fürs Gesundheitsministerium die Region betreut. Zwar wurden vor vier Jahren rote Holzgerüste aufgestellt, auf denen Haushaltsmüll gesammelt und wöchentlich zu einem Mülldepot transportiert werden soll.

Die überquellenden Ablagestellen aber stellen das Scheitern der Idee sicht- sowie riechbar unter Beweis. Es ist nicht das Einzige, das nur auf dem Papier funktioniert: Mit 1. Juli 2018 hat die Region ein Plastik-Verbot erlassen.

Stillschweigend und im Kämmerlein, wie es scheint, denn angesichts fehlender Information und Gesetzgebung bleibt es ein weiterer wirkungsloser Versuch, der Plastikberge Herr zu werden.

“In unserer Gesellschaft treffen Männer alle Entscheidungen“, sagt Rendy. Es ist ihre Erklärung für den Misserfolg. “Doch wir Frauen müssen Teil der Lösung sein.“

Schließlich seien Frauen in der melanesischen Kultur nicht nur für den Haushalt, die Versorgung der Familie, sondern auch die Kindererziehung zuständig. “Für all das brauchen wir eine gesunde Umwelt“, erklärt Rendy, “wo sollen wir unser Essen anbauen, wenn unsere Insel im Müll untergeht? Wo sollen wir wohnen, wenn wir keinen Platz zum Leben haben?“

Patrick Rose
Berge von Plastikmüll verschmutzen die Insel Ghizo. 

Ein engagiertes Projekt 

Um Frauen zumindest untereinander eine Stimme zu geben, arbeitet sie seit Jahren mit ihren Geschlechtsgenossinnen: Von der kinderlosen Witwe zur Single-Frau, von der Beamtin bis zur Hausfrau – in Gruppen können sich Frauen verschiedenen Alters und Ausbildungsniveaus, unterschiedlicher Religion und Herkunft auf Augenhöhe begegnen un diskutieren.

Das ist auf den Salomonen keine Selbstverständlichkeit. “Früher haben wir uns gerade einmal auf der Straße gegrüßt“, erzählt die weißhaarige Esther”, “jetzt sind wir Freundinnen geworden. Wir unterhalten uns und lernen voneinander. Das stärkt und ermutigt enorm.“

Außerdem sind die Gruppen ein guter Ort für Bewusstseinsbildung und Informationsaustausch. “Viele Frauen verwenden Plastik zum Anzünden des Herdfeuers“, erklärt Rendy, “sie sind oft nicht gebildet und kennen die negativen Auswirkung auf Gesundheit sowie Umwelt, aber sie begreifen schnell. Wenn man ihnen etwas erklärt, sind sie Feuer und Flamme.“

Plasticwise Gizo ist der beste Beweis dafür. Seitdem Rendy mit Unterstützung der Ehrenamtlichen Yuko Furukawa von der Japan International Co-operation Agency die Gruppe gegründet hat, ist viel geschehen:

Kollektive Straßen-Aufräum-Aktionen, Schulprojekte zur Abfall-Entsorgung, Radioprogramme zur richtigen Mülltrennung, Kompost- und Plastik-Bastel-Workshops sowie Märkte, auf denen die kreativen Recycling-Produkte verkauft werden – angesichts der Aktivitäten der Gruppe könnte einem fast schwindelig werden.

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Was im Mai 2017 als kleines Fünf-Frauen-Team begonnen hat, ist in Rekordgeschwindigkeit zu einem stattlichen Verein mit über 100 Mitgliedern – darunter übrigens auch drei Männer – angewachsen.

Inzwischen arbeitet die Gruppe als Teil des Networks for Sustainable Environment nicht nur mit 15 lokalen NGOs sowie den UN Women zusammen, sie wurde im August 2017 von der australischen Organisation Plasticwise außerdem als deren erste internationale Zweigstelle anerkannt.

Letzteres soll dafür sorgen, dass Plasticwise Gizo Spenden und Fördergelder annehmen darf. Die Finanzierung der Gruppe ist nur eine der Herausforderungen, mit denen sich Rendy in der nächsten Zeit auseinander setzen muss.

Doris Neubauer
Viele verschiedene Frauen engagieren sich in Plasticwise Gizo.

Clevere Herangehensweise und kreative Produkte

“Das ist so clever“, staunt eine Passantin darüber, dass sich aus weißen Bleichmittelflaschen ein elegantes Blumengesteck zaubern lässt “Ich hoffe, bald damit Geld zu verdienen“, erklärt Mezie, die fürs Kunstwerk zuständig ist, “dann mache ich weiter.“

Das Potenzial ist im – für salomonische Verhältnisse – touristischen Gizo durchaus vorhanden. Erste Pop-Up-Stände bei Straßenfesten hätten das bewiesen.

Plasticwise
Nur eine Auswahl der zahlreichen kreativen Produkte aus Plastikmüll. 

“Wir möchten einen Markt für diese Kunstwerke etablieren“, lauten Rendys mittelfristige Pläne, “es soll ein Zentrum sein, in dem wir Bewusstsein für die Abfall-Problematik schaffen und andere informieren sowie inspirieren.“

Die farbenfrohen Plastik-Taschen, aus Tüten geflochtene Körbe und knallige Schmuckstücke scheinen dafür wie gemacht. Schon jetzt wirken die Kreationen ansteckend – nicht nur in Gizo. Das benachbarte Noro oder die Insel Santa Isabelle haben Plasticwise Gizo zu sich eingeladen, um das Basteln der Recycling-Kunstwerke zu erlernen.

“Außerdem nehmen wir unser Know-how und unsere Ideen mit in unsere Dörfer“, ist sich Josephine der Verantwortung bewusst und fügt hinzu: “Dort gibt es viele sehr talentierte Frauen – und noch mehr Plastik.“

(sk)